Seit dem Abstieg aus dem
Dax hat sich die
Aktie des Chipherstellers versechsfacht. Jetzt gilt er wieder als Aufstiegskandidat – und ringt gleichzeitig um Staatshilfe
von Stephan Bauer
Ein Lichtblick im Dunkeln? "Unser Ergebnis wird sich in Richtung Gewinnschwelle entwickeln", sagt Peter Bauer, Chef des angeschlagenen Halbleiterherstellers Infineon. Von einer "erfreulichen Liquiditätsentwicklung" spricht Bauer, lobt sich selbst für das Kostensenkungsprogramm. Und dann erhöhen die Münchner inmitten der tiefsten Krise der Chipindustrie ihre Quartalsprognose.
Es ist kaum zu glauben. Ebenso wenig wie das, was sonst beim ehemaligen DAX-Konzern vor sich geht: Die Münchner kämpfen in Berlin um die Gewährung von Staatshilfe, obwohl offiziell keine Rede davon ist. Auf dem Börsenparkett kursieren zwar Gerüchte um eine mögliche Insolvenz, doch der Aktienkurs hat sich seit Anfang März versechsfacht. Und wegen des Kursaufschwungs darf sich das Management des erst Ende März aus dem DAX gekegelten Unternehmens sogar Hoffnungen auf einen Wiederaufstieg in die oberste deutsche Börsenliga machen.
Schon der September wird für den zweitgrößten Chiphersteller Europas zu einem Schicksalsmonat. Am Dritten des Monats ist laut Daten der Deutschen Börse ein Wiederaufstieg in den DAX möglich. Zugleich aber könnte das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits einen Schritt in Richtung Insolvenz gehen.
Denn die Finanzlage des Hightechkonzerns ist mehr als angespannt. Im September werden knapp 300 Millionen Euro an Krediten fällig. Analysten sehen die Nettoschulden ähnlich hoch. Die eigentliche Weichenstellung für die Zukunft des Chipkonzerns aber erfolgt im Sommer 2010. Dann muss Infineon Anleihen über 590 Millionen Euro begleichen. Diese Fälligkeiten würden bei gegenwärtigem Stand das Aus bedeuten.
Eine Kapitalerhöhung als Quelle neuer Liquidität scheidet quasi aus. "Man bräuchte eine Aufstockung um etwa 25 Prozent des Nominalkapitals, das ist sehr viel", sagt ein Analyst. Und die Kreditklemme steht einer Refinanzierung durch die Banken im Weg. Selbst die Hausbank Unicredit ist offenbar nicht bereit, den Münchnern neue Mittel zur Verfügung zu stellen.
Jedenfalls nicht ohne zusätzliche Sicherheiten. Für 540 Millionen Euro soll deshalb der Bund bürgen, so stellen es sich die Münchner jedenfalls vor. Offiziell gibt es zu diesem Thema jedoch keinen Kommentar. Man verhalte sich wie ein Unternehmer und lote sämtliche Möglichkeiten aus, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Eine Sitzung des Bürgschaftsausschusses am Montag verlief offenbar ergebnislos, wie bereits einige zuvor. Die Union hat wettbewerbspolitische Bedenken. Zudem sei zu klären, ob Infineon nicht bereits vor dem 1. Juli 2008 in Schwierigkeiten war.
Vor diesem Hintergrund wirkt die jüngste Nachricht der Münchner zugleich als Versuch, die Politik zu überzeugen: Seht her, das Geschäftsmodell funktioniert und es ist besser als etwa das des Händlers Arcandor.Zweifel daran gibt es indes genug. Langfristige Anleger etwa kennen die Aktie nur in einer Bewegung: nach unten. Seit dem pompösen Börsengang im März 2000 hat das Papier über 90 Prozent verloren. "Never stop sinking", spottet die Finanzgemeinde in Anspielung auf den einstigen Slogan "Never stop thinking".
Den schlechten Ruf hat sich Infineon hart erarbeitet. Seit dem Börsengang im Jahr 2000 gelangen dem Konzern gerade mal zwei Geschäftsjahre mit schwarzen Zahlen. Allein 2008 schlugen drei Milliarden Euro Verlust zu Buche. Noch eine Konstante: Wie die dicken Verluste wiederholen sich die Beteuerungen des Vorstands, nun werde alles besser.
Jetzt übernimmt dies also Konzernchef Bauer. Im Ende Juni abgelaufenen Quartal bewege man sich an der Gewinnschwelle, der Umsatz steige zweistellig. Alles in allem Zeichen, dass das Schlimmste vorüber sei. "Wir sind kein Sanierungsfall", betont der Infineon-Chef. Ist das nun glaubwürdig? Eine Sache ist, dass Bauer ein wenig trickst. Die Gewinnschwelle wird – wenn überhaupt – ohne Einberechnung von Sondereffekten erreicht. Solche Positionen, und zwar mit negativen Vorzeichen, fielen im dritten Quartal aber aller Wahrscheinlichkeit nach an. Schließlich zog Bauer zuletzt ein hartes Sparprogramm durch, das kostet zunächst einmal.
Zwar kommt das Programm gut an. Dennoch beklagen sich manche Analysten über die mangelnde Transparenz im Zahlenwerk. "Es geht um die Positionen, die etwa beim Ergebnis der Segmente nicht einberechnet werden", sagt ein Analyst. Immerhin stellt das Unternehmen klar, dass unter Einbezug aller Posten auch im laufenden Geschäftsjahr ein Verlust droht.
Bei allen bilanziellen Schwächen gibt es jedoch konkrete Zeichen, dass sich die Münchner mit ihren Produkten behaupten. So veröffentlichte das US-Marktforschungsunternehmen iSuppli kürzlich eine Übersicht der Bauteile, die der US-Konzern Apple im neuesten iPhone-Handy verbaut. Infineon liefert demnach unter anderem den zentralen Empfangs- und Sendechip. Der Deal mit den Kaliforniern bringt nicht nur Prestige in der Branche. Er trägt mit geschätzten 100 bis 200 Millionen pro Jahr auch zum Unternehmensergebnis bei. Überhaupt sind die Orders der Mobilfunkbranche derzeit der Hoffnungsträger. Nicht zuletzt deshalb, weil das Hauptgeschäft mit Chips für die Automobilhersteller und die Industrie krisenbedingt lahmt.
Trotz des zweifelhaften Rufs des Konzerns und der anhaltenden Krise auf den Absatzmärkten wird Bauers Botschaft wegen der jüngsten Erfolge erhört. "Die Kostensenkungen greifen, der Turnaround findet zwei Quartale früher statt als erwartet", lobt die Bank JP Morgan.
Die große Wette aber bleibt, ob Infineon die Politik überzeugen kann, dass es rettenswert ist. "Wir sind systemrelevant", behauptet Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley. Nur mit den Chips der Münchner, so sinngemäß, sei die deutsche Autoindustrie wettbewerbsfähig. Die Staatshilfe sei wohl unstrittig, heißt es aus der Umgebung des Konzerns.
"Es würde zwar Kosten verursachen. Doch die Autobranche könnte auch andere Chips verwenden", hält ein Analyst dagegen. Ob Berlin Infineon nun helfen wird? "Ich bin kein Politiker", lautet die zum Wahlkampf passende Expertenantwort. Infineon liefert zwar durchaus Lichtblicke, aber auch viele Fragezeichen.