von Klaus Schachinger, €uro am Sonntag
Das Donnergrollen von der Wall Street ist in Frankfurt deutlich zu spüren. Die Serie pessimistischer Konjunktursignale aus Amerika drückte den Leitindex der Deutschen Börse auf ein Siebenwochentief. „Wir haben abrupt eine abermalige Rezessionsdebatte über die Vereinigten Staaten bekommen“, sagt Ingo Meinert, Anlagestratege des Vermögensverwalters RCM/Allianz Global Investors. Bei deutschen Firmen sind die Ausläufer des Konjunkturgewitters aus den USA bisher kaum zu spüren. Zwar ist der Export im Mai im Vergleich zum starken Vormonat um 5,5 Prozent niedriger, im Vergleich zum Vorjahr sind es allerdings gut 13 Prozent mehr.
Die Perspektiven für die Konzerne bleiben gut, auch wenn der Aufschwung an Fahrt verloren hat. Abgesehen von den USA haben die Analysten zuletzt in keinem anderen Land ihre Gewinnprognosen so häufig nach oben revidiert wie in Deutschand – ein Ausdruck der überraschend starken Unternehmenszahlen zum ersten Quartal. Zudem gibt es einen wesentlichen Unterschied zu Amerika: Während viele US-Firmen einen erheblichen Teil der verbesserten Profitabilität über Personalabbau erreicht haben und bei der Produktionsauslastung oft zurückliegen, arbeiten deutsche Firmen unter Volllast und klagen über Fachkräftemangel.
Negative Nachrichten aus Amerika während der kommenden Wochen seien sicher „eine Bürde für den DAX“, sagt Lars Slomka, Leiter der Deutschland-Aktienstrategie bei der Deutschen Bank. Bis zum Start der neuen Berichtssaison werden überwiegend konjunkturelle Daten die Kurse bewegen. Und deutsche Anleger sollten nicht vergessen: Der DAX hängt immer noch am Dow, die Wall Street gibt den Takt an den weltweiten Börsen vor, wie sich im Fünfjahresvergleich gut ablesen lässt. Insofern ist auch für deutsche Anleger wichtig, wie sich die US-Firmen entwickeln – und wie die Börsianer das einschätzen.
Und hier muss man konstatieren: Trotz der großzügigen geldpolitischen Unterstützung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) wächst die größte Volkswirtschaft der Welt langsamer als erwartet. Die US-Wirtschaft produziere weit unter ihrem Potenzial, räumte Ben Bernanke am Donnerstag ein. Die Erholung sei „frustrierend langsam“, sagte der Fed-Chef mit Blick auf die hohe US-Arbeitslosigkeit. Der Frust Bernankes ist verständlich: Denn die Notenbank flutet die US-Wirtschaft förmlich mit billigem Geld und kauft zudem Anleihen im Wert von 600 Milliarden US-Dollar. Doch das Programm läuft jetzt aus. Nachdem der Einkaufsmanagerindex des amerikanischen Institute of Supply Management (ISM), einer der wichtigsten konjunkturellen Frühindikatoren, überraschend stark gefallen war, hatten Investoren auf eine dritte Runde bei den Anleihekäufen, dem Quantitative Easing (QE), spekuliert. Vergebens.

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Schlingert die US-Wirtschaft also erneut in die Rezession? Nein, meinen die meisten Experten. „Das Abrutschen des ISM-Index auf 53,4 Punkte ist kein Omen dafür“, sagt HSBC-Stratege Garry Evans. Die Korrektur des Index sei nur die Folge eines ungewöhnlich starken Anstiegs der Lagerbestände. Bis März waren dies gut zehn Prozent, der stärkste Zuwachs seit 1984. „Das im Vergleich zum Wirtschaftswachstum hohe Niveau wird jetzt zurückgefahren, ähnlich wie 1995, 2005 und 2006. Das hat damals auch nicht in die Rezession geführt.“ An den US-Börsen bleibt der Abzug von Kapital während der gegenwärtigen Korrektur moderat: „Bisher sind es lediglich 15 Milliarden Dollar, im Vergleich zu 57 Milliarden Dollar, die seit Jahresanfang zusätzlich in US-Titel geflossen sind“, sagt HSBC-Mann Evans.
Die robuste Zuversicht institutioneller Anleger ist eine gute Nachricht. „Sonst wären die Gewinnmitnahmen nach der stärksten monatlichen Korrektur des ISM-Index seit 1981 stärker ausgefallen“, sagt Evans. „Die meisten unserer Kunden aus Europa und Amerika warten auf Rückschläge, um günstig einzusteigen“, berichtetet der Stratege.
Die Grundlage ihres starken Vertrauens in US-Aktien sei die jüngste, starke Bilanzsaison der US-Konzerne. Analysten werden nach der Welle pessimistischer Konjunktursignale „ihre Erwartungen wieder etwas zurücknehmen“, sagt Evans. Für die Konzerne bewahrt das die Chance, positiv zu überraschen. Allerdings passen auch die Anleger ihre Präferenzen dem schwächeren Wirtschaftswachstum an. Und das heißt: raus aus Aktien zyklischer, konjunktursensibler Branchen wie Banken, Chemie oder Grundstoffe wie Stahl und rein in Werte aus Branchen, deren Gewinnwachstum konjunkturellen Schwankungen weniger ausgesetzt sind wie Pharma, Lebensmittel, Versorger. Im April liefen defensive Aktien im S & P-500-Index bereits deutlich besser als der Rest. Solche Favoritenwechsel sind typisch, wenn der ISM-Index vom zyklischen Hoch stark zurückfällt.
Anleger sollten jedoch nicht komplett umstellen. Zyklische Branchen wie die Erdölindustrie bleiben wegen des teuren Öls auf der Favoritenliste. Trendsetter wie Netzwerkspezialist F 5 Networks oder Netflix sind ebenfalls unabhängig von der Konjunktur. F 5 etwa lässt Riesen wie Cisco bei der Beschleunigung von Datenanwendungen via Web alt aussehen. Und der Videoverleiher Netflix bringt mit einer speziellen Technologie Filme via Internet auf TV-Bildschirme.
Favoritenwechsel auch im DAX? Bis auf Weiteres nicht. Zwar haben sich die Frühindikatoren aus Amerika und China als „gute Wegweiser für die Entwicklung der deutschen Exportwirtschaft bewährt“, sagt Deutsche-Bank-Stratege Slomka. „Unsere Volkswirte erwarten jedoch ein besseres zweites Halbjahr für die US-Wirtschaft. Das stützt unser Jahresziel für den DAX, das wir vor Kurzem auf 8.000 Punkte angehoben haben“, so der Aktienstratege Slomka.
Anleger sollten deshalb weiterhin zu Aktien aus zyklischen Branchen greifen. Zumal der DAX mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von elf nach wie vor günstig bewertet ist. Im langjährigen Durchschnitt liegt das KGV bei 15. Stimmt das Szenario der Deutschen Bank – stärkeres Wirtschaftswachstum in den USA in der zweiten Jahreshälfte – dann muss dem deutschen Anleger nicht bange sein. Zieht der Dow wieder an, wird das auch den DAX mit nach oben hieven. Zumal der deutsche Index dieses Jahr gegenüber dem großen Bruder aus den USA noch Boden gutzumachen hat.
Investor-Info
US-Aktien
Sixpack aus Dow und S& P500
Die Aktien von Coca-Cola und Altria, früher Philip Morris, sind dank einer über Jahrzehnte zuverlässigen Dividendenpolitik beliebte Klassiker in der Welt defensiver Aktien. In Bezug auf die kontinuierliche Steigerung der Dividende gilt das auch für den Erdölriesen Exxon. Netzwerkbeschleuniger F 5 Networks und Netflix, erfolgreicher Verleiher von Filmen via Web auf TV-Bildschirmen, rechtfertigen ihre hohe Bewertung durch starkes Gewinnwachstum. Der amerikanische Schmuckkonzern Tiffany profitiert von der starken Ausgabefreude wohlhabender Asiaten und Amerikaner.
Deutsche Aktien
Favoriten
Immobilienfinanzierer Aareal Bank ist die begehrte Ausnahme bei Banken: kein Griechenland-Risiko, Erwartungen zuletzt übertroffen und Aussichten auf eine Verdopplung der Eigenkapitalquote. Bei BASF unterschätzen Analysten die Gewinndynamik permanent. Das bringt Kursfantasie und relativiert Gewinnerwartungen. Ähnliches gilt bei den konservativen Prognosen der Software AG und des Chemikalienhändlers Brenntag. Südzucker hat sich in der Allianz mit Agrarrohstoffhändler ED & F erst jüngst Zugang zu Märkten außerhalb des streng regulierten europäischen Zuckermarkts verschafft.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum