09.06.2013 03:00
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Von Enten und Märkten

Von Enten und Märkten
Anlagestrategie
Trotz der jüngsten Rally mit Rekordständen an den Börsen sind viele Anleger weiterhin verunsichert. Wie steht es um die Märkte in den USA, in Japan, in der Eurozone und in den Schwellenländern?
€uro am Sonntag

von Alexander Friedman, Euro am Sonntag

Die Sorge über die fundamentale Stärke der Wirtschaft ist in vielen Regionen rund um den ­Globus größer geworden. Dies drückt sich in der jüngsten Preisschwäche von Rohstoffen und auch in zuletzt eher rückläufigen Wachstumsindikatoren wie den Einkaufsmanagerindizes in den USA, in der Eurozone und in China aus.

Ist die Sorge berechtigt? Hier möchte ich eine Metapher verwenden: Die derzeitigen Märkte können wir uns als Gummienten in einer Badewanne vorstellen. Das aus dem Hahn strömende Wasser stellt die von den Zentralbanken bereitgestellte Liquidität dar, die Enten stehen für die Marktperformance — und der Stöpsel repräsentiert die fundamentale Stärke der Wirtschaft. Für jeden Wirtschaftsraum, sprich jede Badewanne, müssen wir drei Fragen stellen.

Erstens: Wie schnell fließt das Wasser zu? Zweitens: Wie lange bleibt der Wasserhahn geöffnet? Und drittens: Sitzt der Stöpsel fest? Solange wir zwei dieser drei Fragen zu unserer Zufriedenheit beantworten können, stehen die Chancen gut, dass die Enten steigen.

In die amerikanische Badewanne strömt weiterhin Wasser. Zwar gibt es durchaus Diskussionen darüber, wie lange die US-Notenbank den Hahn geöffnet lassen wird, aber im Hinblick auf unseren taktischen Zeitrahmen, der die nächsten sechs Monate umfasst, sind wir zuversichtlich, dass das Wasser weiterhin fließen wird. Wir kommen zu dem Schluss, dass die Stärke risikoreicher US-Anlagen im bisherigen Jahresverlauf ein verbessertes Bild der gesamtwirtschaftlichen Lage widerspiegelt. Der Konsum dürfte infolge der verbesserten Lage am Arbeitsmarkt, niedrigerer Energiepreise sowie wegen der steigenden Anlageinvestitionen zulegen. Darüber hinaus lassen die Erholung des Wohnimmobilienmarkts und das kontinuierliche Gewinnwachstum der Unternehmen den Schluss zu: Der Stöpsel in der US-Badewanne sitzt sicher und fest. Vor diesem Hintergrund fühlen wir uns mit den bestehenden Übergewichtungen in US-Aktien und Hochzins-Unternehmensanleihen weiterhin wohl.

Trotz Liquiditätsflut ist Japan nicht überbewertet
Im Vergleich dazu sitzt der Stöpsel in der japanischen Badewanne seit Jahren nicht richtig. Die Bank of Japan (BoJ) hält nun dagegen, indem sie den Hahn voll aufdreht. So hat die Ankündigung der Notenbank, sie werde ihre Geldmenge im Verlauf der kommenden zwei Jahre verdoppeln, der Rally des Nikkei 225 ­zusätzlichen Schub verliehen. In der japanischen Badewanne ist dies mit einem aufgedrehten Wasserhahn und mit dem Einsatz ­zusätzlicher Feuerwehrschläuche gleichzusetzen. Es bleibt ungewiss, ob der Versuch der Währungsabwertung den Stöpsel in Japans Wanne an den richtigen Platz rücken wird und nach über einem Jahrzehnt der Schwäche die Transformation der japanischen Wirtschaft bewirken kann.

Die Liquiditätsver­sorgung der BoJ hat jedoch zweifelsohne ­Auswirkungen. Zwar hat der Nikkei vor dem Hintergrund verbesserter Gewinnerwartungen bereits zugelegt. Bei einem auf Jahressicht erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14,9 ist er jedoch im Vergleich zum historischen Zehnjahresdurchschnitt von 16,3 offensichtlich nicht überbewertet. Wir setzen daher neu auf ein Übergewicht in japanischen Aktien. Innerhalb dieses Marktes lässt sich das Thema Reflation unseres Erachtens am besten über Engagements in Titel japanischer Exporteure abbilden.

Die Badewanne der Eurozone hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit einem sicheren, jedoch lediglich provisorischen Stöpsel versehen. Gleichzeitig produziert aber der Wasserhahn wenig mehr als ein Tröpfeln. Auch wissen wir, dass das momentane Provisorium durch eine bessere, langfristige und strukturelle Lösung ersetzt werden muss. Auch weiterhin sind keine strukturellen Lösungen in Sicht, und im Vorfeld der deutschen Bundestagswahl scheinen Fortschritte zunehmend unwahrscheinlich.

Italien hat nach langem Ringen zwar einen neuen Premier­minister gefunden, die Umsetzung von Reformen bleibt jedoch ein Problem. Über Spanien schwebt weiter das Damoklesschwert einer möglichen Herabstufung durch die Rating­agentur Moody’s auf Junk-Status. Dies könnte die Refinanzierung spanischer Unternehmen zusätzlich erschweren. Aufgrund der verhaltenen Aussichten bleiben wir bei unserem Untergewicht in Europa.

In der chinesischen Badewanne läuft die Gummiente derweil in den Augen der Regierung in Peking Gefahr, zu nahe an den oberen Rand der Wanne zu schwimmen. Die Regierenden haben daher das Wasser abgedreht. Sollten die Rohstoffpreise auf dem momentanen Niveau verharren, könnte dies negative Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne in anderen Schwellenländern haben. Für die Emerging Markets insgesamt gilt: Die Entwicklungen einzelner Märkte weichen im laufenden Jahr stark voneinander ab. Es ist eher ein Fall von Diverging Markets als von Emerging Markets. Das stellt Investoren auf die Probe. Die Unsicherheiten, die den globalen Wachstumsaussichten, der weiteren Entwicklung in der chinesischen Politik und auch der Entwicklung an den Rohstoffmärkten zugrunde liegen, erschweren das Identifizieren eines möglichen Katalysators, der es den Schwellenländern ermöglichen würde, ihr signifikantes Potenzial auszuschöpfen.

Schwellenländerbonds
und US-Hochzinsanleihen

Vor diesem Hintergrund empfehlen wir Anlegern ein Engagement in brasilianische und indische Aktien, welche jeweils von einer inländischen Erholung profitieren könnten. Auch die Aktienmärkte Russlands und Südkoreas könnten einen Blick wert sein.

Als interessant erachten wir zudem Aktien westlicher Unternehmen, die am breiteren Wachstum der Schwellenländer partizipieren, die sogenannten Western Winners. Aus strategischer Perspektive bleibt eine entsprechende Allokation in Schwellenländern von großer Bedeutung: Günstige Bewertungen, gute Wachstumsraten sowie niedrige Staatsverschuldungsquoten sind eine attraktive Kombination. Außerhalb des Aktienbereichs halten wir an unserer Übergewichtung von Unternehmensanleihen aus Schwellenländern sowie der heimischen Währungen fest.

Was folgt daraus insgesamt? Zusammenfassend ersetzen wir im Aktienbereich unsere bisherige taktische Übergewichtung der Schwellenländer durch eine Übergewichtung Japans. Wir bevorzugen auch weiterhin die USA gegenüber Kanada. Im Bereich der ­Anleihen bleiben wir global in Unternehmensanleihen guter Bonität sowie in US-Hochzinsanleihen übergewichtet. Letztere bieten einen attraktiven Aufschlag gegenüber US-Staatsanleihen.

Über den Autor

Alexander Friedman, Global Chief ­Investment
Officer bei UBS Wealth ­Management

Der Autor promovierte als Jurist an der Columbia Law School, absolvierte einen MBA an der Columbia Business School und erwarb einen Bachelor an der Princeton University. Er leitet das UBS Global Investment Committee und ist verantwortlich für die Investment­politik und Anlagestrategie für Vermögenswerte von derzeit 1,5 Billionen US-Dollar. Vor seiner Zeit bei UBS war Friedman unter anderem als Chief Financial Officer bei der Bill & Melinda Gates Foundation tätig.
UBS ist einer der weltweit größten Vermögensverwalter. Derzeit managen die Schweizer insgesamt Vermögen von 2373 Milliarden Franken, davon ­ 1.715 Milliarden Franken im Wealth Management.

Bildquellen: iStock
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