Auf Messers Schneide (EuramS)
von Oliver Ristau
Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ist schwierig, und doch können sie nicht voneinander lassen: Japan und China brauchen einander, nicht nur als politisches Feindbild, sondern vor allem als wirtschaftliche Partner. Was in der Vergangenheit insbesondere dem chinesischen Wirtschaftsboom genutzt hat, ist aktuell für Japan ein Segen. Während die Nachfrage in den Exportmärkten des Westens massiv einbrach, wurden China und auch Indien zu sicheren Häfen für den Absatz japanischer Güter.
"Das anhaltende Wachstum in China hilft, die japanische Wirtschaft zu stabilisieren", sagt Lilian Haag, Japan-Expertin der DeutscheBank-Tochter DWS. Das betrifft zum Beispiel Maschinen, Autos, Schiffe und Stahl, die der große Nachbar dank der mehr als 400 Milliar-
den Euro schweren Konjunkturprogramme fleißig aus Japan einführt.
Und auch die in China präsenten Baukonzerne spüren den Beginn der staatlichen Infrastrukturoffensive, wie der China-Chef des größten japanischen Bauzulieferers, Komatsu, jüngst der Tokioer "Japan Times" erzählte. Im laufenden Jahr wird China erstmals die USA als wichtigste Importnation des Landes ablösen.
Die Stimmung in Japans Wirtschaft hellt sich nach dem dramatischen Absturz der vergangenen zwölf Monate wieder auf. Nachdem die Wirtschaftsleistung der zweitgrößten Volkswirtschaft im vierten Quartal 2008 und ersten Quartal 2009 mit 13,5 und 14,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr so stark eingebrochen war wie noch nie, rechnet die japanische Notenbank mit einer sanften Landung und im dritten Quartal mit einem Plus von 0,5 Prozent.
Jüngstes Beispiel für die neue Hoffnung im Land der aufgehenden Sonne ist der Mitte der Woche von der Bank of Japan veröffentlichte Tankan-Bericht, der alle drei Monate die Stimmung in der Wirtschaft misst. Gegenüber dem historischen Tiefstand von minus 58 Punkten im März verbesserte sich der Indikator um zehn Punkte.
Das mag immer noch nicht berauschend sein, doch insbesondere die Großunternehmen sehen für die Zukunft weniger schwarz als zuvor. So erwartet die Industrie in den kommenden drei Monaten eine höhere Auslastung und eine Verbesserung ihrer finanziellen Lage. Viele Firmen hoffen im zweiten Halbjahr auf eine Rückkehr in die Gewinnzone. Außerdem gehen die Unternehmen davon aus, dass die Kreditbeschaffung in Zukunft wieder einfacher wird.
Beim Wechselkurs rechnet die Wirtschaft mit einem konstanten Niveau von 95 Yen je US-Dollar. Interventionen der Notenbank zur Beeinflussung der Währungsrelationen sind nach Meinung von Beobachtern nicht zu erwarten, weil der lahmende Export in den US- und Euroraum die Währung günstig hält. Einzig eine erneute Schwäche des US-Dollars wie im Frühjahr könnte die Währung in Richtung 85 Yen treiben, was eine Intervention wahrscheinlicher machen würde. Mit 850 Milliarden Dollar verfügt Japan neben China über die größten Devisenreserven der Welt und damit über eine enorme Manövriermasse zur Wechselkurssteuerung.
Insgesamt zeigt der Bericht für Japan immer noch viele Schattenseiten. "Die Unternehmen wollen ihre Investitionsausgaben weiter kürzen", sagt Klaus Schrüfer, Investmentstratege von der SEB Bank beim Blick auf den Report. "Das begrenzt zukünftige Wachstumschancen sehr deutlich." Für eine Entwarnung in Japan sei es "noch viel zu früh". Wenn die Weltkonjunktur nicht anspringe, habe Japans exportorientierte Wirtschaft ein Problem. In der Tat ist vor allem im Mittelstand die Stimmung immer noch mies. Das liegt vor allem daran, dass die Binnennachfrage nicht in Fahrt kommt. Die Japaner legen ihr Geld lieber aufs Sparkonto, als zu konsumieren.
Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht, nachdem die Unternehmen die klassischen Bonuszahlungen an ihre Mitarbeiter im Sommer um 19 Prozent gekürzt haben. "Deshalb dürften die Einzelhandelsumsätze kurzfristig weiter sinken", schätzt DWS-Expertin Haag. "Die extrem negative Stimmung des ersten Quartals gibt es aber nicht mehr." Unter dem Strich bewirke die sinkende Inflation nahe der Nulllinie "einen Anstieg der Realeinkommen", was die Konsumlaune im Herbst wieder anstacheln dürfte. Das Verbrauchervertrauen hat sich in der Tat zuletzt wieder spürbar verbessert.
Hinzu kommt, dass Japan trotz des starken Jobabbaus der jüngsten Vergangenheit mit 5,2 Prozent im Mai immer noch über eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten unter den Industriestaaten verfügt. "Die Nachfrage in Japan ist nicht so stark eingebrochen, wie die Unternehmen befürchtet haben", hat Patrick Schwahn, Fondsmanager der Deka-Bank beobachtet. Nach der Lehman-Pleite im vergangenen Herbst hat die Industrie landesweit ihre Produktion um 40 Prozent zurückgefahren und seitdem die Lagerbestände abgebaut. Im April und Mai ist die Industrieproduktion um jeweils 5,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat angestiegen. "Die Fabriken werden wieder hochgefahren. Die Auslastung in der Industrie nimmt wieder zu." Das betrifft auch die heimische Automobilbranche, die nach einem Report von Société Générale vor allem von einer wachsenden Nachfrage für umweltfreundliche Modelle wie dem Toyota Prius und dem Honda Inside profitiere.
Ohnehin stehen heimische Anbieter von Umwelttechnologien aktuell bei japanischen Anlegern hoch im Kurs, auch weil die mehrere Hundert Milliarden schweren Konjunkturprogramme des Landes stärker als etwa in Deutschland Anreize für Klima- und Umweltschutz setzen. So hat Japan die Förderung von Solarstromanlagen wieder intensiviert oder pumpt Millionen in neue, hocheffiziente Speichertechnologien. "Umwelt ist derzeit das zentrale Thema der Privatanleger", sagt Japan-Spezialistin Haag. Das betrifft vor allem die zweite und dritte Aktienreihe auf dem Tokioer Parkett. "Diese Nebenwerte haben zuletzt eine sehr gute Performance gezeigt." Wer dort noch investieren wolle, müsse aber unbedingt auf die Bewertungen achten.
Auch der 225 Werte umfassende Standardindex Nikkei hat die Tiefststände vom März, als er auf 7000 Punkte einbrach, längst hinter sich gelassen und notiert mittlerweile wieder bei knapp 10 000 Punkten. Für Deka-Manager Schwahn ist dort noch lange nicht Schluss. "Der japanische Aktienmarkt ist einer der günstigsten der Welt, schaut man sich die Kurse im Verhältnis zum Eigenkapital der Gesellschaften an." Das Kurs/Buchwert-Verhältnis liegt in Japan bei 1,2, verglichen mit 1,4 für europäische Standardwerte im Stoxx und 2,0 für US-Titel im S & P-Index. "Damit sind japanische Aktien so günstig wie lange nicht mehr." Schwahn erwartet, dass bei anhaltender Erholung der japanischen wie der globalen Wirtschaft auch die ausländischen Investoren Japan wiederentdecken und dann vor allem auf die großen Standardwerte setzen werden. Da die konjunkturelle Erholung auf breiter Front wirke, werden seiner Meinung nach alle Branchen profitieren.
DWS-Fondsmanagerin Lilian Haag warnt allerdings vor zu viel Euphorie. "Wir stehen am Anfang der Erholung, doch das Fundament ist noch schwach." Deshalb schätzt sie Konsumaktien und Papiere, die vom Export in die USA und die EU abhängig sind, als weniger chancenreich ein. Dagegen sollten die Titel im Vorteil sein, die vom Boom in China profitieren.


