von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag
In den ersten Wochen 2012 hat die Commerzbank-Aktie ihren Kurs nahezu verdoppelt — kein Wunder, dass ein solches Papier Fantasien auslöst. Wie schnell die Blütenträume platzen können, zeigten die Folgemonate, als sich die Euroschuldenkrise verschärfte und das sensible Papier wieder auf Talfahrt ging. Sollte sich die Finanzgroßwetterlage beruhigen, so könnte man schlussfolgern, hat die Aktie also wieder kräftig Aufholpotenzial. Und manchem erscheint sie auf ihrem jetzigen Niveau günstig.
Zumal die Bank Fortschritte macht, etwa bei der Kernkapitalausstattung. Hier zeigt der Abbau von Bilanzrisiken Wirkung und mit dem Rückzug aus der Schiffs- und gewerblichen Immobilienfinanzierung sowie aus Teilen des Osteuropa-Geschäfts geht das Institut diesen Weg konsequent weiter. Die verschärften EU-Kapitalvorgaben wird die Bank damit sogar übertreffen. So hat sie ihr Kapitalpolster seit Ende 2011 um über acht Milliarden Euro aufgestockt. Gefordert hatten die EU-Aufseher 5,3 Milliarden. Und auch das Kostenmanagement treibt das Institut an vielen Stellen mit Erfolg voran.
Schwaches Privatkundengeschäft
Dass das nicht ausreicht, zeigt der jetzt vorgelegte Zwischenbericht für das erste Halbjahr, der selbst Optimisten einen Schreck einjagte. Angesichts einer sich eintrübenden Konjunktur und des schwachen Privatkundengeschäfts muss das Institut seinen Sparkurs deutlich verschärfen.
Im ersten Halbjahr ging der Nettogewinn um ein Drittel auf 697 Millionen Euro zurück. Die Aussichten sind trüb. „Wir sehen derzeit keine Anzeichen dafür, dass sich der Druck auf das operative Ergebnis reduziert“, bringt es Finanzvorstand Stephan Engels ohne Umschweife auf den Punkt.
Unzufrieden ist die Bank vor allem mit ihrer Privatkundensparte, die nur dank der Direktbanktochter Comdirect überhaupt noch in den schwarzen Zahlen blieb. Ein Restrukturierungsplan soll bis Anfang November präsentiert werden, Spekulationen über Stellenstreichungen und Filialabbau kursieren seit Wochen. Doch auch im Kerngeschäft mit dem Mittelstand trübt sich die Lage ein. Das Ziel, die Risikovorsorge 2012 unter 1,7 Milliarden Euro zu halten, sei zunehmend ambitioniert, erklärt Engels.
Engagements in Krisenregionen
Die größte Gefahr geht für die Bank jedoch von einer Verschärfung der Eurokrise aus, insbesondere von einem Auseinanderbrechen der Eurozone. „Die Aktie reagiert auf jede Verschärfung der Eurokrise äußerst sensibel, da die Bank vor allem in Spanien und Italien mit beträchtlichen Risiken unterwegs ist“, erläutert Philipp Häßler vom Analysehaus Equinet.
Auf über 13 Milliarden Euro beziffert Finanzchef Engels die Risiken allein in Spanien. Die Bank ist dort vor allem im kriselnden Bankensektor und im angeschlagenen Immobilienmarkt engagiert. Ähnlich dimensionierte Sprengsätze lauern in Italien.
Commerzbank-Vorstandschef Martin Blessing hat deshalb bereits eindeutige Prioritäten gesetzt: Risiken weiter reduzieren, Kapitalpolster weiter stärken, das habe Vorrang vor Gewinnen, so der Vorstandschef. Das ursprüngliche Ziel, für das Jahr 2013 erstmals nach der Finanzkrise wieder eine Dividende zu zahlen, rückt vor diesem Hintergrund in immer weitere Ferne.
Fazit: Die Commerzbank will sich gesundschrumpfen. Gleichzeitig trübt sich das operative Geschäft weiter ein, die Gewinne bleiben unter Druck. Zudem sitzt die Bank auf einem regelrechten Pulverfass von Länderrisiken. Spielball kurzfristiger Investoren. Meiden.