05.02.2013 12:00
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Aufseher durchleuchten Risikobewertung bei britischen Banken

   Von Margot Patrick and Max Colchester

   Auf die britischen Banken könnte eine große Welle an zusätzlichem Kapitalbedarf zurollen. Die Aufseher nehmen in einer seit November laufenden Überprüfung die vielbeachteten risikogewichteten Aktiva der Banken ins Visier. Für deren Ausfallrisiko müssen die Banken ausreichend Eigenkapital vorhalten. Die Besonderheit: Dabei können sie nach eigenen Modellen die Risiken und damit das benötigte Kapital selbst bestimmen.

   Dies ist ein notorisch subjektiver Prozess. Daher sind Analysten und Investoren überzeugt, dass die Banken dieses Instrument nutzen, um die Risiken in ihren Bilanzen unterzubewerten. Jetzt könnten die Banken gezwungen werden, Milliarden britische Pfund frisches Kapital aufzubringen.

   Die unterschiedlichen Aktiva der Banken werden von den Aufsehern auch sehr verschieden betrachtet. Für weniger riskante Vermögenswerte müssen die Banken weniger Kapital vorhalten. Als relativ risikolos gelten demnach Hypothekendarlehen und Staatsanleihen. Je riskanter die Aktiva, desto mehr Eigenkapital muss dafür gebildet werden.

   Britische Banken stehen derzeit in hitzigen Debatten mit der Finanzaufsicht, wie und ob überhaupt sie ihre Bilanzen stärken müssen. Die Ergebnisse dieser Verhandlungen könnten weitreichende Folgen haben. Banken könnten gezwungen sein, ganze Unternehmensteile zu veräußern, ihr Eigenkapital zu erhöhen oder Fremdmittel aufzunehmen. Die Bank of England wird das Verhandlungsergebnis im März vorlegen.

   Eine europaweite Regeländerung gab den Banken ab 2008 mehr Freiheiten, ihre Risiken und den daraus abgeleiteten Kapitalbedarf zu ermitteln. Dies und der Druck der Investoren verleitete Geschäftsbanken dazu, ihre Risikogewichte in den vergangenen Jahren systematisch zu reduzieren. Daten der britischen Notenbank zeigen: Die durchschnittlichen Risikogewichte der britischen Banken sind so niedrig wie seit 1987 nicht mehr. Durch aggressive Risikogewichtung dürften laut der Bank of England die Geschäftsbanken ihr Kapitalniveau um 5 bis 35 Milliarden Pfund zu hoch ansetzen.

   Einige Analysten fürchten - insbesondere für die beiden teilweise verstaatlichten Kreditinstitute Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds Banking Group - bereits Schlimmes. "Das ganze Vorhaben könnte für RBS und Lloyds ein schwerer Schuss vor den Bug sein. Gerade Lloyds hat ein großes Hypothekenportfolio", sagt Schailesch Raikundlia von Espirito Santo. Die Banken müssten ihre Kapitalreserven kräftig steigern, sollten die Aufseher die Risikoregeln tatsächlich verschärfen. Kapitalerhöhungen, die den Gewinn verwässern, seien für diese beiden Banken nicht auszuschließen.

   Die größten britischen Geldhäuser nutzen komplexe hauseigene Modelle, um vorherzusagen, wie wahrscheinlich ein Kreditausfall ist. Das bestimmt wiederum darüber, wie viel Kapital für potenzielle Verluste vorgehalten werden muss. Die Modelle werden zwar von den britischen Regulierern abgesegnet. Anleger und Analysten befürchten aber, die Modelle seien trotzdem zu undurchsichtig und würden Risiken nicht aufaddieren. Ein Sprecher der Finanzaufsichtsbehörde FSA wollte sich dazu nicht äußern.

   Lloyds setzt für seine ausgegebenen Hypotheken über 143,5 Milliarden Pfund ein Risikogewicht von gerade einmal 2,2 Prozent an. Das bedeutet: Das Geldhaus muss das Ausfallrisiko mit nur 250 Millionen Pfund abdecken. Würde Lloyds ein Modell von vor 2008 verwenden, müsste die Bank das Risiko mit 35 Prozent gewichten und Reserven von rund 4 Milliarden Pfund bilden. Hypotheken machen mehr als die Hälfte des gesamten Portfolios von Lloyds aus.

   Lloyds wollte sich dazu nicht äußern. Das Kreditinstitut hatte bereits vorher mitgeteilt, es fühle sich mit der derzeitigen Risikovorsorge gut ausgestattet und stelle die eigenen Kapitalreserven beständig auf den Prüfstand.

   Die Vorteile der Banken durch interne Modelle können enorm sein. Die Deutsche Bank reduzierte im vierten Quartal durch Modelländerungen und andere Anpassungen ihre risikogewichteten Aktiva um 55 Milliarden Euro. Dadurch kletterten die Eigenkapitalquoten kräftig. Einige Analysten hinterfragten aber kritisch, was passiere, wenn die Aufseher die Daumenschrauben anzögen und an die internen Modelle strengere Maßstäbe anlegten.

   Die Sorge um die Risikogewichte treibt Aufseher weltweit um. Der Baseler Ausschuss, der für neue internationale Regeln zuständig ist, zeigt sich besorgt: Die Risikogewichte variierten von Bank zu Bank sehr stark, wie eine Untersuchung gezeigt habe. Die Geldhäuser nähmen in ihre Modelle unterschiedliche Faktoren mit auf und auch die jeweiligen Aufsichtsbehörden kontrollieren nach unterschiedlichen Kriterien.

   "Modellbasierte Ansätze haben nicht so akkurate Ergebnisse gebracht, wie die Aufseher erwartet hatten. Jeder befindet sich auf einer Lernkurve. Was 2006 ein gutes Modell gewesen sein mag, muss heute nicht mehr gelten", sagt Vischal Vedi, Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma Deloitte.

   Noch bleibt unklar, welche Schritte die Aufseher unternehmen werden, um die Risikogewichte neu zu ermitteln. Eine Idee: Es könnten Untergrenzen für gewisse Anlageklassen gefordert werden. In Schweden etwa gibt es seit November einen Plan, der ein Minimum von 15 Prozent als Risikogewicht für Hypothekendarlehen verlangt.

   Ein anderer Ansatz könnte eine Rückkehr zu vollstandardisierten Risikogewichten sein. Beispielsweise mussten britische Banken im vergangenen Jahr ihre Hypothekendarlehen für Gewerbeimmobilien anders einschätzen. Allein dieser Schritt weitete die risikogewichteten Aktiva von RBS, Lloyds und Barclays zusammen um rund 45 Milliarden Pfund aus.

   Solange neue Regeln noch in der Schwebe sind, drängen die britischen Aufseher die Banken, zur Sicherheit mehr Kapital zu unterlegen. "Das beugt potenzieller Unvernunft bei den Risikogewichten vor", sagte Andrew Haldane, verantwortlicher Direktor für Finanzstabilität der Bank of England im November.

   Kontakt zu den Autoren: unternehmen.de@dowjones.com

   DJG/DJN/axw/smh

   (Mehr zu diesem Thema und weitere Berichte und Analysen zu aktuellen Wirtschafts- und Finanzthemen finden Sie auf www.WSJ.de, dem deutschsprachigen Online-Angebot des Wall Street Journal.)

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