01.02.2012 03:00
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US-Autohersteller geben Gas

Ford Fusion Hybrid
Autobranche
Die US-Autohersteller erwarten starke Zuwachsraten beim Absatz 2012. Eine Chance, die lang anhaltende Krise zu überwinden. Wo Anleger profitieren.
€uro am Sonntag

von C. Habrich-Böcker, €uro am Sonntag

Die North American International Auto Show ist vorbei, Besucher und Hostessen sind abgezogen. Doch anders als in den Vorjahren verfällt Detroit nicht wieder in Depression. Zwar hat das Stadtbild von „Motor City“, einst Nabel der Autowelt, die besten Jahre hinter sich. Aber ein wenig Zuversicht ist hängen geblieben — auch dank insgesamt 40 Premieren, laut Veranstalter doppelt so viele Neuvorstellungen wie im Vorjahr, die zeigen sollten, dass die US-Autoindustrie 2012 allen Rezessionsängsten zum Trotz nicht wieder unter die Räder kommt wie in den Krisenjahren 2008/09.

Man überteibt auch gern mal in Amerika. Denn an den Ständen war in der Hauptsache Bekanntes und Modifiziertes zu sehen. Oder allzu Futuristisches, noch viele Jahre von der Serienreife entfernt.

Die wenigen echten Neuvorstellungen zeigten deutliche Spuren der Entwicklungs-DNA europäischer Töchter. Die mittelgroße Stufenhecklimousine Dodge Dart etwa läuft auf der erweiterten Alfa-Giulietta-Plattform des Fiat-Konzerns. Und selbst der mit viel Brimborium angekündigte Kompakt-SUV Buick Encore ist nichts anderes als die heimliche Premiere des Opel Mocca.

Ungeachtet dessen strotzen die US-Autobauer jedoch vor Selbstbewusstsein — fast wie in alten Zeiten. Der Besucherandrang — am ersten Publikumstag so hoch wie in den Boomzeiten vor fünf Jahren — schürte den Optimismus zusätzlich. Auch wenn unter den amerikanischen Ausstellungsstücken dieses Mal nicht Pick-ups und schwere SUV im Mittelpunkt standen, sondern Limousinen und Crossover-Konzepte, vereinzelt sogar Kleinwagen — von der „Big is beautiful“-Mentalität ist die breite Masse der US-Konsumenten keineswegs abgerückt. Noch immer wird das Straßenbild von Pick-ups dominiert, nach wie vor röhren großvolumige Achtzylinder in Muscle-Cars zwischen den Häuserschluchten und auf den Highways.

Das belegt die Statistik: 2011 stieg der Absatz im Light-Trucks-Segment um 11,6 Prozent auf knapp 6,54 Millionen Stück. In der Käufergunst liefern sich hier Pick-ups und schwere Cross-over-Modelle ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Modelle beider Klassen zusammen verkauften sich rund 4,7 Millionen Mal. Das leichtere Pkw-Segment legte nur um 7,3 Prozent zu. Mittelklassefahrzeuge kamen 2011 auf 3,05 Millionen Einheiten.

Insgesamt errechnete Analyst Jeff Schuster vom Marktforschungsinstitut J. D. Power im vergangenen Jahr einen US-Autoabsatz von rund 12,8 Millionen Stück — trotz Schuldenkrise und anhaltend hoher Arbeitslosigkeit. Angeführt wurde die Verkaufshitparade von Fords F-Serie mit knapp 585.000 Stück. Das sind 10,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch auch hier zeigt sich: Bestseller der Serie ist nach wie vor der F 150, ausgestattet mit V6- oder V8-Motor. Grund für die anhaltende Liebe zum Evergreen ist unter anderem der niedrige Preis. Für rund 18.000 Dollar ist die Basisversion erhältlich. Amerikanische Käufer goutieren viel Hubraum für wenig Geld, das 20. Jahrhundert lässt grüßen.


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Angesichts solcher Preise bleiben — bei allem guten Willen — kostenintensive Innovationen auf der Strecke. Lediglich in den oberen Segmenten ist fortschrittliche Technologie für die Hersteller nicht nur finanzierbar, sondern auch ein Verkaufsargument. Dafür spricht, dass die Aufsteiger 2011 die — für amerikanische Verhältnisse — mittelgroßen Geländewagen (Midsize-SUV) waren. Sie legten um 45,3 Prozent auf 648.000 Einheiten zu. Zu dieser Kategorie zählen Fahrzeuge, die mehr als 35.000 Dollar kosten, etwa der BMW X5, der Lincoln MKT Acura MDX oder der Volvo XC90.

Dennoch: Bahnbrechendes zum Thema E-Antrieb? Fehlanzeige. Kein Wunder, brannte doch der amerikanische Elektrohoffnungsträger Volt von GM, dem weltweit größten Autobauer, kürzlich ungewollt ein Anti-PR-Feuerwerk ab, als er bei einem Crashtest in Flammen aufging. Daraufhin stoppte der Konzern, der immer noch zu 26 Prozent dem Staat gehört, die Produktion. So lange die Unsicherheiten nicht ausgeräumt sind, ist das Thema Elektromobilität bei US-Konsumenten unten durch.

Dabei muss unter den Hauben der US-Autobauer künftig mehr Grün eingepflanzt werden, denn die Vorgaben der amerikanischen Regierung besagen, dass Pkw und leichte Pick-ups ab dem Modelljahr 2025 nur noch maximal 4,31 Liter Benzin auf 100 Kilometer schlucken dürfen.

Doch bis dahin wird eben noch viel Zeit ins Land gehen. Stand heute trifft der amerikanische Kunde seine Kaufentscheidung spontan. „Wenn der Spritpreis zum Zeitpunkt des Kaufs niedrig ist, schaut er nicht auf den Verbrauch. Aber im umgekehrten Fall ist der Benzinpreis ein Kaufkriterium“, erklärt Volvo-Präsident Stefan Jacoby. Das US-Energieministerium bestätigt Jacobys Aussage. Der Verkauf der Light Trucks korreliert mit dem Preis pro Gallone. Der liegt derzeit bei knapp 79 Eurocent pro Liter.

Doch egal, ob Spritpreis rauf oder Spritpreis runter — nach Ansicht der Experten von J. D. Power könnte es in diesem Jahr in den USA sogar richtig aufwärtsgehen: 2012 kalkuliert man mit 15 Millionen Fahrzeugen. Mike Jackson, Chef des größten Händlers, AutoNation, glaubt: „Das wird ein hervorragendes Jahr für die Branche. Die Fahrzeuge auf unseren Straßen sind im Schnitt älter als je zuvor und müssen ersetzt werden.“

In diesem Punkt geben sich die Offiziellen der Hersteller wie Volvo-Chef Jacoby allerdings verhaltener: „Der US-Markt wird auch in diesem Jahr weiter wachsen. Wir rechnen mit einem Gesamtabsatz von 13,5 Millionen Fahrzeugen.“

China behauptet Poleposition
Die Vereinigten Staaten bleiben der attraktivste Markt, nach China. Die Chinesen dürften die USA 2012 erneut auf Platz 2 verweisen — gedämpfte Wachstumsaussichten im Reich der Mitte hin oder her. Für die Oberklasse sind die Hersteller unisono optimistisch. Doch der amerikanische Markt birgt viele Unwägbarkeiten: Neben dem Ölpreis zählt dazu auch die anhaltende Haushaltsmisere der USA. Als deren Folge könnten die 2009 beschlossenen Subventionen für umweltfreundliche Antriebe jederzeit gekippt werden. Auch Obamas Ankündigung einer Reichensteuer könnte Bremsspuren im Premiumsegment hinterlassen, das seit Ende 2011 von deutschen Marken dominiert wird. Und auch damit wollen sich die bisherigen Platzhirsche wie Lincoln und Cadillac nicht abfinden.

In der Mittelklasse, dem größten Marktsegment, müssen sich Volkswagen, Hyundai und Toyota auf einen — möglicherweise auch ruinösen — Konkurrenzkampf mit den vor neuem Selbstbewusstsein strotzenden US-Herstellern gefasst machen. Denn die setzen alles daran, „Motor City“ wieder zur Boomstadt zu machen. Es ist also mehr als nur ein Hauch von Zuversicht, der dieser Tage über Detroit weht.

Investor-Info

Ford
Krise gemeistert

Im Unterschied zu GM kam Ford ohne Insolvenz­verfahren durch die Wirtschaftskrise, wie NordLB-Analyst Frank Schwope hervorhebt. Doch der Konzern hat eine Menge Aufgaben zu lösen: Neben Verhandlungen mit der Gewerkschaft UAW sind laut Credit Suisse die Kosten der Flut in Thailand deutlich höher als angenommen. Das könnte den Kurs kurzfristig belasten. Langfristig aber aussichtsreich.

General Motors
Volt und Steuern belasten

General Motors hat sich bei den Absatzzahlen sehr positiv entwickelt und Toyota 2011 wieder vom ersten Platz der größten Autohersteller verdrängt. Toyota bleibt aber im Rückspiegel sichtbar. Die Japaner brennen ein Modellfeuerwerk ab, GM sein Elektro­auto Volt. Interessant wird sein, wie sich GM im Hauptabsatzmarkt China schlägt. Dort wurden Importfahrzeuge mit einer hohen Einfuhrsteuer belegt.

Fiat
Chrysler-Mutter sucht Partner

Chrysler gesundet allmählich, aber der Mutterkonzern Fiat leidet unter der europäischen Schuldenkrise, die in den klassischen Absatzmärkten die Konsumlaune dämpft. Kommt es in Europa zur Rezession, wird es schwer, die kritische Absatzmasse zu erreichen. Darum sucht Fiat-Chef Sergio Marchionne händeringend Partner. Aber selbst der kränkelnde PSA-Konzern (Peugeot, Citroën) winkt ab.

AutoNation
Viele Marken, viele Kunden
Der größte US-Autohändler hat etliche Marken im Programm und profitiert, wenn der Markt den Prognosen entsprechend anzieht, ganz egal wie stark die Hersteller sich untereinander bekriegen. Die Aktie ist kein Schnäppchen, aber für positive Überraschungen gut. Der Handel in Deutschland ist dünn, deshalb nur mit Limit oder in den USA ordern.

Bildquellen: 2010 Ford Motor Company
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