von Jens Castner
Der 11. September 2001 brachte Lehman Brothers nicht ins Wanken. Obwohl Firmenzentrale und Rechenzentrum bei den Anschlägen aufs World Trade Center zerstört worden waren, mischte die Investmentbank munter mit, als die Börse nach sechs Tagen Handelspause wieder öffnete.
Vorstandschef Richard Fuld hatte kurzerhand das komplette Sheraton-Hotel am New Yorker Times Square gemietet und die Zimmer in wenigen Tagen zu Büros umfunktioniert. Eine organisatorische Meisterleistung.
Lehman fiel nicht mit den Twin Towers, Lehman fiel sieben Jahre und vier Tage später. Am 15. September jährt sich die Pleite zum ersten Mal. Die Schockwellen hat das Finanzsystem noch längst nicht verdaut. Lehman Brothers hatte im Konzert der Top-Five-Investmentbanken mitgespielt. Unternehmenslenker Fuld waren seine ehrgeizigen Pläne zum Verhängnis geworden. Da er unter allen Umständen zum Erzrivalen Goldman Sachs aufschließen wollte, verband ihn mit dessen früherem Chef Henry Paulson eine innige Männerfeindschaft. Ausgerechnet Paulsen, 2006 vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush zum Finanzminister berufen, warf den Grundsatz „Too big to fail“ über den Haufen, als der Fall Lehman am Wochenende vor dem 15. September 2008 auf der Tagesordnung stand.
Und Fuld hatte ihm gute Argumente an die Hand gegeben, Staatshilfen für Lehman abzulehnen. Wirklich „big“ war Lehman schon vor der Insolvenz nicht mehr. Der Börsenwert war wegen der anhaltenden Gerüchte um eine finanzielle Schieflage innerhalb eines Jahres von stolzen 50 auf drei Milliarden Dollar zusammengeschmolzen. Um näher an Goldman heranzurücken, hatte Fuld sich auf immer waghalsigere Geschäfte eingelassen, auch auf solche, die die Konkurrenz wegen des zu hohen Risikos schon abgelehnt hatte.
Um einer hohen Eigenkapitalrendite willen hebelte Lehman Transaktionen durch unmäßigen Einsatz von Fremdkapital. Dieser sogenannte Leverage-Effekt rächte sich. Als mit dem Ausbruch der Immobilienkrise die Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung stiegen, stand Lehman nackt da. Der Schuldenberg summierte sich auf 200 Milliarden US-Dollar. Zwei Kapitalerhöhungen über insgesamt neun Milliarden Dollar im ersten Halbjahr 2008 hatten sich als Tropfen auf den heißen Stein entpuppt. „Warum also“, fragte Paulson nicht ganz zu Unrecht, „soll der Steuerzahler für den Schaden aufkommen?“
Bildquellen: Michela Lietti