von Lars Winter, €uro am Sonntag
Einen Freudensprung vollführte die Aktie des Biopharmaspezialisten Biotest Mitte Juni. Um mehr als 20 Prozent legte der Wert an einem einzigen Handelstag zu, nachdem der Wirkstoffspezialist aus dem hessischen Dreieich eine Kooperation mit dem amerikanischen Pharmariesen Abbott Laboratories gemeldet hatte. Der lang ersehnte Deal ist ein Meilenstein in der Biotest-Historie und eröffnet dem Unternehmen nach Einschätzung von Experten in Zukunft völlig neue Wachstumsperspektiven.
Der jüngste Kursanstieg ist nach Meinung von Volker Braun, Analyst der Commerzbank, denn auch nur als ein erster Jubelhüpfer zu bewerten. Braun sieht den Deal mit Abbott vor allem langfristig sehr positiv. Die Kooperation löse eine Neubewertung von Biotest aus, die dem Kurs weiter Auftrieb geben dürfte. Das Kursziel für die Vorzugsaktie setzte Braun deshalb von 45 auf 55 Euro hoch.
Der Commerzbanker steht mit seiner positiven Einschätzung nicht allein da. Auch Analysten von Unicredit und Equinet korrigierten jüngst ihre Kursziele für den SDAX-Titel nach oben. Das mit Abstand größte Kurspotenzial – über 71 Euro – trauen der Aktie indes die Research-Experten der Wertpapierhandelsbank Solventis zu. Sollten die Vermarktungsstrategien aus dem Abbott-Deal aufgehen, stünden dem Biotest-Papier – so ihre Prognose – langfristig noch weitaus größere Kurssteigerungen bevor.
Die Kooperation mit Abbott Laboratories sieht vor, dass sich die Amerikaner künftig an der kostspieligen Weiterentwicklung des monoklonalen Antikörpers BT61 aus dem Biotest-Portfolio beteiligen und den Hessen im Fall einer Zulassung zudem hohe Provisionen bezahlen.
Hinter dem Kürzel BT61 verbirgt sich ein wachstumsträchtiges Medikament, das später unter anderem gegen rheumatische Arthritis oder Schuppenflechte eingesetzt werden soll und weltweit ein Umsatzvolumen im zweistelligen Milliardenbereich verspricht. Bis ein potenzieller Blockbuster wie BT61 jedoch zur Marktreife gebracht werden kann, vergehen meist Jahre. Obendrein ist die Entwicklung mit erheblichen Forschungsausgaben verbunden.
Die Gesamtkosten von BT61 bis zur geplanten Markteinführung im Jahr 2016 schätzten die Solventis-Analysten noch auf rund 500 Millionen Dollar. Einen Großteil dieser Kosten (395 Millionen Dollar) übernimmt nun Abbott. Zuzüglich einer im zweiten Halbjahr 2011 bereits fälligen Vorauszahlung von 85 Millionen Dollar entspricht der Wert der Auslizenzierung unter Berücksichtigung der Kapitalbindung im Biotherapeutikabereich nach Berechnung von Solventis rund 28 Euro je Biotest-Aktie und deckt damit mehr als die Hälfte des aktuellen Marktwerts ab.

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Doch damit nicht genug. Geht bei der Entwicklung alles glatt und durchläuft der Wirkstoff noch erfolgreich zwei Phase-IIb-Studien und die finale dritte Testphase, winkt beiden Partnern am Ende ein Milliardengeschäft. Humira und Enbrel etwa, zwei am Markt bereits zugelassene Konkurrenzprodukte gegen rheumatische Erkrankungen, erzielen zurzeit jährliche Umsatzvolumina von jeweils sieben Milliarden Dollar.
Ein ähnlich hohes Erlösniveau traut Abbott auch dem Biotest-Präparat zu. Die Amerikaner sicherten sich als Gegenleistung für die Kostenübernahme im weiteren Entwicklungsstadium deshalb die weltweiten Vermarktungsrechte an BT61. Auch Biotest bekommt für den Fall der Medikamentenzulassung noch ein Stück vom erhofften Kuchen ab: Die Firma ist ebenfalls an den späteren Umsatzerlösen beteiligt. Die Hessen sicherten sich die Vertriebsrechte für BT61 in den Ländern Deutschland, Frankreich, England, Italien und Spanien.
Das Marktpotenzial von BT61 allein in diesen europäischen Kernmärkten würde nach Berechnung von Solventis einem höheren Ertragsniveau entsprechen als das gesamte operative Ergebnis, das Biotest derzeit erzielt (2010: rund 70 Millionen Euro). Noch nicht einbezogen in diese Berechnung sind zukünftige Auslizenzierungen weiterer Projekte wie die Antikörperwirkstoffkandidaten BT62 und BT63 sowie das ertragreiche Brot-und-Butter-Geschäft von Biotest – die Entwicklung und der Handel mit Plasmaproteinen.
Angesichts der guten Wachstumsperspektiven erscheint die Biotest-Aktie auf aktuellem Kursniveau bei Weitem nicht fair bewertet und verfügt langfristig noch über hohes Kurspotenzial. Spekulative Investoren mit langfristigem Anlagehorizont nutzen an schwachen Tagen Kurse um die 45 Euro zum Kauf.
Investor-Info
Biotest Vorzüge
Lukratives Langfristinvestment
Das operative Geschäft von Biotest steht durch eine Kooperation mit dem amerikanischen Pharmaunternehmen Abbott Laboratories langfristig vor einer kompletten Neubewertung. Allein das zukünftige Vermarktungspotenzial des angehenden Blockbusters BT61 entspricht geschätzt einem höheren Niveau als die aktuellen Gesamterträge des Konzerns. Durch die Übernahme der weiteren Entwicklungskosten für BT61 durch Abbott wird das Ergebnis des Kerngeschäfts mit Humanproteinen von Zusatzkosten befreit und macht Biotest unter dem Strich deutlich margenstärker. Das Papier ist für spekulative Anleger mit Ausdauer zur Depotbeimischung geeignet.
Bildquellen: BMU/H.-G. Oed