21.02.2013 16:31
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Börse Frankfurt-News: Die "halbe Rezession" (Hüfners Wochenkommentar)

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    FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - 21. Februar 2013. Weiche Faktoren wie Stimmungen versus harte Zahlen - Martin Hüfner vertraut eher der Prognosekraft der Zahlen und ist deswegen skeptischer als der allgemeines Konsens, was die Konjunkturentwicklung in 2013 angeht.

 

Ich habe mich gewundert, wie wenig die schlechten Konjunkturzahlen der vergangenen Woche für das vierte Quartal 2012 veröffentlicht wurden. In Deutschland ist die reale Wirtschaftsleistung mit einer Jahresrate von 2,3 Prozent zurückgegangen, im Euroland insgesamt im gleichen Tempo (Österreich "nur" minus 0,8 Prozent ). Das ist der schlechteste Wert seit dem großen Einbruch nach der Finanzkrise 2009. Euroland insgesamt befindet sich in einer Rezession, Deutschland und Österreich sind in einer "halben Rezession". Wenn es in diesen Monaten noch ein "Minusquartal" gibt, dann haben auch diese Länder eine ganze Rezession.

 

Trotzdem war niemand so richtig erschreckt über diese Zahlen. Überall hieß es, das sei Vergangenheit. Es sage nichts über die Zukunft aus. Der Tiefpunkt des Zyklus liege hinter uns. Ab jetzt gehe es wieder aufwärts. Das erinnert sehr an den verzweifelten Song der Beatles in den sechziger Jahren "I've got to admit it's getting better, it's a little better all the time (it can't get no worse)", den der Chefvolkswirt des Institutes für International Finance, Phil Suttle, in einem Kommentar zu den Zahlen zitierte.

 

Was macht uns eigentlich so sicher, dass es von nun an wieder aufwärts geht? Zwei Gründe werden angeführt. Einmal die Ergebnisse der Befragungen. Sowohl in den USA (ISM) als auch in China (PMI) und Deutschland (ifo) zeigen die Indikatoren schon seit einigen Monaten nach oben. Die Stimmung wird besser. Zum Anderen die freundlichen Aktienkurse. Sie deuten nicht auf einen Konjunkturabschwung hin.

 

Beides sind aber "Soft Facts", auf die man nicht zu sehr bauen sollte. Stimmungen können stark schwanken. Aktienkurse haben eigene Gesetze. Ausgerechnet im vierten Quartal, als es mit der Wirtschaft so stark nach unten ging, sind die Aktienkurse besonders kräftig gestiegen.

 

Im Übrigen gibt es eine Reihe von Indizien, die an der Theorie eines bevorstehenden Aufschwungs Zweifel aufkommen lassen. Das erste Quartal wird schon aus Witterungsgründen vermutlich nicht besonders gut. Im Januar war die Temperatur durchwachsen. Im Februar war sie zumindest in Deutschland für den Bau schlecht. Da müsste der März schon außerordentlich warm sein, um das herauszureißen.

 

Die Weltwirtschaft ist nach wie vor lahm. Der Baltic-Dry-Index, der die Frachtraten misst, bewegt sich nach dem Absturz im Dezember auf niedrigem Niveau seitwärts. In den USA sind im Januar kräftige Steuererhöhungen in Kraft getreten (Payroll Tax). Im März drohen Ausgabenkürzungen (Sequester). Dann folgen die Verhandlungen über die Anhebung der Obergrenze für die Schulden. Von der öffentlichen Hand gehen also keine positiven Impulse aus. Die Unternehmen, die sich mit ihren Investitionen im Hinblick auf den "Fiscal Cliff" zurückgehalten hatten, werden jetzt kaum erleichtert aufatmen.

 

Über die chinesische Konjunktur wissen wir nicht viel, außer den Einkaufsmanagerindizes (die dort aber besonders wenig aussagen). Die neue Parteiführung, die Ende 2012 gewählt wurde, tritt ihre Staatsämter erst im März an. Bis dahin dürfte nicht allzu viel passieren. In Asien sind nur in Japan die Zeichen eindeutig auf Wachstum gestellt. Es ist aber zu klein, um die ganze Region nach oben zu ziehen.

 

Im Euroland ist die Stimmung zwar nach wie vor entspannt. Es drohen aber Unsicherheiten von den italienischen Wahlen und von den Verhandlungen mit Zypern. Frankreich ist auch in diesem Jahr nicht in der Lage, seinen Haushalt in Ordnung zu bringen. Die Niederlande sind schon seit zwei Quartalen in der Rezession. Es ist bereits die Rede von einer neuen Ländergruppierung, die die GIPS ablöst: Die FINS (Frankreich, Italien, die Niederlande und Spanien).

 

Damit sind die Perspektiven des Exports zumindest für Deutschland weiterhin verhalten. Unsicher sind auch die Aussichten für die Investitionen. Die Ausgaben für Maschinen und Ausrüstungen sind in der Bundesrepublik in den letzten fünf Quartalen real zurückgegangen. Warum sie sich ausgerechnet jetzt wieder erholen sollten, ist schwer zu verstehen. Dies insbesondere im Hinblick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen. Da gibt es zwar Wahlgeschenke (Betreuungsgeld, Abschaffung des Praxisgelds etc.). Das wirkt sich positiv auf den privaten Verbrauch und die öffentlichen Ausgaben aus. Andererseits ist es nicht geeignet, die Zuversicht der Unternehmen zu stärken.

 

Manche setzen die Hoffnung auf den Lagerzyklus, der die Nachfrage im vierten Quartal gedämpft haben könnte, im ersten Quartal aber wieder belebend wirken wird. Bisher ist davon aber nichts zu sehen. Aus den Unternehmen (zum Beispiel beim Stahl und in der Chemie) gibt es bisher keine Anzeichen für einen lagerzyklisch bedingten Aufschwung. Für den Anleger

 

Setzen Sie nicht zu viel Hoffnung auf positive Konjunkturdaten zur Untermauerung der guten Aktienentwicklung. Ich gehöre hier eher zu den Skeptikern. Ich kann den für den weiteren Jahresverlauf erwarteten Aufschwung noch nicht verlässlich ausmachen. Wir stehen jetzt zwar vor der Saison mit Hauptversammlungen und der Ausschüttung von Dividenden. Das stützt die Märkte. Andererseits sind die Ausblicke der Unternehmen immer noch verhalten. Für die Aktienmärkte muss dies aber kein Schaden sein. Sie leben derzeit ohnehin vor allem von der hohen Liquidität und von der Hoffnung, dass der Höhepunkt der Eurokrise hinter uns liegt.

 

Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com.

 

© 21. Februar 2013 /Martin Hüfner

 

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa - Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

 

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

 

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

 

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