
Börse Frankfurt Sentiment-Analyse zum DAX: DAX-Investoren fahren aggressiv-antizyklische Strategie
19. November. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Lange Zeit hatte niemand in Deutschland das R-Wort in den Mund nehmen müssen. Nun ist sie wieder da, die Rezession – nach gut fünf Jahren Pause. Andererseits hat es nicht einmal elf Monate gedauert, bis der Dax von Niveaus nahe seinem Allzeithoch auf Indexstände zurückgefallen ist, an denen er vor fünf Jahren – also zum Ende der vorangegangenen Rezessionsphase – handelte. Zwar hatte sich der deutsche Leitindex schnell und heftig von seinem Oktobertief abstoßen können. Doch mittlerweile hat er schon wieder mehr als die Hälfte der Gewinne dieser Aufbäumaktion eingebüßt. Die 4.000er Marke ist damit erneut in Sichtweite gerückt.
Mit den Kursen schwinden auch die Hoffnungen auf eine Erholung zum Jahresende – zumindest wenn man einigen Analysten Glauben schenkt. Ihre Rufe nach einer tiefen Rezession, der Scherbenhaufen, den die Finanzbranche hinterlassen hat, aber auch die Tatsache, dass weltweit renommierte Unternehmen am Abgrund stehen, haben für große Verunsicherung bei zahlreichen Anlegern gesorgt. Kündigungswellen und Kurzarbeit sind Damoklesschwerter, die derzeit drohend über den in Not geratenen Unternehmen hängen. Dies, in Verbindung mit der eisigen fundamentalen Landschaft, setzt besonders den privaten Investoren zu und hält wohl viele davon ab, den wärmenden Kamin in Betrieb zu nehmen; vielleicht aus Furcht, es könne noch mehr Geld durch den Schornstein geblasen werden. Man bevorzugt lieber Flüssiges. Damit ist aber weniger Hochprozentiges gemeint, als das Parken des Vermögens in liquiden Anlageformen.
Dieses Verhalten ist bei den institutionellen Vermögensverwaltern unseres Panels derzeit jedoch nicht zu beobachten. Im Gegenteil, ihr Anlagestil muss dieser Tage als extrem antizyklisch, wenn nicht sogar als ausgesprochen aggressiv bezeichnet werden. Denn erstens steht ihre Haltung im krassen Gegensatz zur Marktentwicklung. Zweitens haben sie innerhalb von nur vierzehn Tagen einen kompletten Glaubenswechsel vollzogen. Zu Beginn des Monats herrschte noch drakonischer Pessimismus. Nun blüht deutschen Standardwerten gegenüber frühlingshafte Zuversicht. Der Bull/Bear-Index schoss auf das höchste Niveau seit Anfang Oktober. Dieses plötzliche Konvertieren kann – aufgrund des zuvor beschriebenen Umfeldes – wohl kaum mit tiefer fundamentaler Überzeugung begründet werden. Eher spiegelt sich Hoffnung wider. Hoffnung, dass das Jahrestief der jüngsten Schwäche Einhalt gebieten wird. Und natürlich Hoffnung, dass die Käufe, die zweifelsohne in den vergangenen beiden Wochen von den Investmentprofis vollzogen wurden, ertragreich wieder aufgelöst werden können – möglichst noch vor dem Jahresende.
Besondere Flexibilität haben wir den von der Börse Frankfurt Befragten bereits in unserer letzten Analyse attestiert. Die Fähigkeit, sich schnell zu drehen und zu wenden, ist aber eng mit der Aussicht auf hohe Volatilität am Aktienmarkt verknüpft. Und zwar nicht nur in eine Richtung. Nur, wenn der Markt sich also weiterhin wild hin- und herbewegt, wird die Strategie der jüngsten Optimisten Früchte tragen. Wir vermuten, dass sie sich mit Kursen von knapp unter 5.000 DAX-Punkten bereits zufrieden geben werden. Und damit in diesem Fall alles ganz schnell gehen kann, haben die meisten ihre Austrittserklärung aus dem Bullenlager vermutlich schon ausgefüllt.
Gianni Hirschmüller, cognitrend
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