"Chinesische Firmen in Sippenhaft"
Kepler Capital Markets hat kürzlich den chinesischen Generatorenhersteller United Power an die Börse gebracht. Finanzen.net sprach mit Managing Director Serge Ragotzky über die zunehmenden Börsenpläne hierzulande und die Verhältnisse in den USA.
Euro: Herr Ragotzky, vor kurzem hat Kepler Capital Markets den chinesischen Generatorenhersteller United Power an die Frankfurter Börse geführt. Mit etwas Abstand – sind Sie zufrieden mit dem IPO?
Serge Ragotzky: Das Unternehmen und die Anteilseigner sind zufrieden, also bin ich es auch. Zumal das Marktumfeld schwierig war: Während der Preisfindungsphase für die Aktien waren Investoren verunsichert, weil in den USA schlechte Konjunkturdaten veröffentlicht wurden und die Schuldenkrise in Griechenland einmal mehr für schlechtere Börsenstimmung sorgte.
Es sind in den vergangenen Wochen aber auch betrügerische Unternehmen aus China aufgeflogen, die vor allem an der New Yorker Börse notieren. Hat auch das den Börsengang von United Power beeinflusst?
Leider ja. Durch diese Schlagzeilen haben auch wir einige Investoren verloren, die eigentlich in United Power investieren wollten. Es ging bei den Diskussionen vor allem um ein in Toronto gelistetes Unternehmen namens Sino-Forest, das weder in der Art des Börsengangs noch im Grad der Transparenz mit United Power vergleichbar ist.
Wo liegen die Unterschiede?
Sino-Forest ist zum Beispiel durch einen so genannten Reverse IPO an die Börse gegangen…
Das heißt?
Das Unternehmen hat sich in eine bereits börsennotierte Firmenhülle eingekauft. De facto ist das ein Unternehmenszusammenschluss, für den die Behörden weit weniger Transparenz- und Anleger schützende Vorgaben machen als bei einem Börsengang mit Kapitalaufnahme wie bei United Power.
Seit Jahresanfang sind bei mehr als zwei Dutzend chinesischen Unternehmen, die in New York notiert sind, Unstimmigkeiten aufgetaucht.
Deshalb werden nun gelegentlich leider alle außerhalb Chinas gelisteten chinesischen Unternehmen in Sippenhaft genommen Und das schadet auch Unternehmen, die viel höheren Qualitätsanforderungen nachkommen als die Betrugsfälle. Zu Unrecht natürlich.
Worauf müssen Anleger achten, damit sie nicht in einen Betrugsfall investieren?
Zum Beispiel auf die etablierten Kundenbeziehungen. United Power etwa beliefert schon seit Jahren die Märkte von Metro und Obi mit Stromgeneratoren. Diese Großabnehmer haben das Unternehmen und seine Produkte natürlich gründlich geprüft, ansonsten hätten sie gar keinen Liefervertrag mit United Power abgeschlossen. Das ist ein wesentlicher Hygienecheck für die Anleger, aber auch für eine Investmentbank wie Kepler Capital Markets. Das Unternehmen kann sozusagen für alle nachvollziehar an den Verkaufsregalen beweisen, dass es gute Qualität liefert. Dadurch kann es nachhaltig Reputationsschäden vermeiden. Zudem sollten die Firmen von einem der großen Wirtschaftsprüfer unter die Lupe genommen worden sein, nach europäischen Transparenzstandards ihre Bilanz offen legen und nachweisbar qualifizierte Vorstände und Aufsichtsorgane haben.
Wie stark werden chinesische Unternehmen vor einem Börsengang in Deutschland geprüft?
Wie bei allen anderen Unternehmen auch kommt das darauf an, in welchem Börsensegment sich die Unternehmen listen lassen wollen – etwa im weniger regulierten Freiverkehr oder im Prime Standard der Deutschen Börse mit den höchsten Transparenz- und Qualitätsanforderungen. Dort ist United Power als deutsche Aktiengesellschaft notiert. Das heißt, dieses Unternehmen muss alle Vorgaben an eine AG erfüllen, die eine deutsche AG im Prime Standard auch erfüllen muss.
Warum hat sich United Power für ein Listing in Frankfurt entschieden?
Für chinesische Unternehmen ist ein Börsengang per se ein Prestigegewinn. Bei United Power kommt hinzu, dass es fast die Hälfte seiner Stromgeneratoren nach Europa verkauft, in Deutschland beispielsweise an Metro und Obi. Westeuropäische und US-Unternehmen legen übrigens die höchsten Qualitäts-, Umwelt- und Sicherheitsstandards an ihre Lieferanten an. Das erleichtert die anschließende Expansion in andere Märkte. Und United Power will den Emissionserlös zudem unter anderem in die Ausweitung der produktionskapazitäten und in seine Produktentwicklung investieren. Das Listing am weltweit hoch angesehenen Ingenieurstandort Deutschland ist ein zusätzlicher Prestigegewinn, der wie absatzfördernder Qualitätsstempel wirkt.
United Power ist nur einer von vielen chinesischen Mittelständlern, die außerhalb Chinas an die Börse gehen. Warum machen die ihr IPO nicht in Shanghai, Shenzhen oder Hongkong?
An diesen Märkten gibt es bereits sehr lange Wartelisten für kleinere Börsenkandidaten. Die Börsenaspiranten warten oft zwei, drei Jahre, bis sie dran sind, weil die großen und staatsnahen Börsenkandidaten bevorzugt werden. Wenn ein Unternehmen wie United Power jetzt Geld braucht, um sein Wachstum zu finanzieren, muss es halt ins Ausland gehen.
Renommierte Börsen wie New York und London stehen auch zur Wahl.
Diese großen Börsen sind aber nicht für jedes Unternehmen die erste Wahl. Denn jede der großen Börsen ist auf bestimmte Branchen fokussiert. Hongkong zum Beispiel ist insbesondere im Luxusgüterbereich beliebt. Für viele Technologieunternehmen ist New York Favorit. Und produzierende Industrieunternehmen sind eher an der deutschen Börse interessiert. Ein Unternehmen holt sich am liebsten dort das Geld, wo es am besten verstanden wird. Auch bei den kosten des Listings gibt es große Unterschiede.
Dennoch sind London und New York bei China-IPOs beliebter.
Das sind eben Weltbörsen mit globalem Anspruch und einem entsprechenden Prestige.
Die Deutsche Börse ist auch global orientiert.
Die Deutsche Börse verbreitet das aber erst seit wenigen Jahren mit dem erforderlichen Marketingaufwand. Dieser Anspruch muss sich erst einmal in den Köpfen der Investoren und Unternehmen verankern. In London fragt kein Marktteilnehmer, warum ein Unternehmen ausgerechnet dort an die Börse will. Die sagen: „Ist doch klar, dass die zu uns wollen. Wohin auch sonst?“. Für die ist das so selbstverständlich wie dass die besten Tennisspieler der Welt in Wimbledon spielen wollen. In Deutschland fragt man sich eher: Warum will der Chinese hierher, will den etwa keine andere Börse? Diese Skepsis passt überhaupt nicht zu dem tollen Image, dass Deutschland, deutsche Konzerne und deutsche Produkte im Ausland haben, was wiederum auch auf den Finanzplatz abstrahlt.
Werben die Deutsche Börse oder deutsche Banken um chinesische Börsenkandidaten oder geht die Initiative von denen aus?
Sowohl als auch. Die Deutsche Börse ist sehr aktiv, macht auch Veranstaltungen in China, zu denen sie auch deutsche Anwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfer und so genannte Listing Partner wie Kepler Capital Markets einlädt. Diese Initiative läuft schon einige Jahre. Mittlerweile bekommen wir bei Kepler pro Woche ein, zwei Anfragen aus China für einen Börsengang in Frankfurt.
Welche Investoren haben in United Power investiert?
Zu 90 Prozent institutionelle Investoren aus Europa, beispielsweise Aktienfonds. Der Rest sind Privatanleger aus Deutschland.
Mit rund 20 Millionen Euro Emissionserlös war United Power ein eher kleiner Börsengang. Könnte er dennoch ein Eisbrecher für andere chinesische Unternehmen gewesen sein, die an die Frankfurter Börse wollen?
Einen Tag vor und am Tag des Börsengangs gab es jeweils eine Ankündigung von chinesischen Börsenkandidaten, in Frankfurt an die Börse gehen zu wollen. Diese Unternehmen haben darauf gewartet, dass United Power Erfolg hat und sind dann sofort an die Öffentlichkeit gegangen. Insofern ist das Bild eines Eisbrechers durchaus zutreffend.
Wie viele China-IPOs erwarten Sie dieses Jahr noch in Deutschland?
Schwer zu sagen. Ich weiß von etwa zehn Gesellschaften, die es vorhaben. Davon wollen es vier oder fünf noch im Sommer schaffen, wenn das Marktumfeld günstig ist und die beteiligten Investmentbanken, Wirtschaftsprüfer und Anwälte ihre Arbeit bis dahin schaffen.



