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24.07.2009 18:15

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Böser Bube im Anmarsch (EuramS)


Das Klimaphänomen El Nino sagt sich an. Im kommenden Winter drohen Stürme und Dürre Ernten zu vernichten. Das hat Konsequenzen für die Agrarpreise.

von Oliver Ristau

Viel ist nicht mehr übrig von der ältesten bekannten Kultur Amerikas. In der trockenen Wüste Perus erheben sich ein paar Steinpyramiden, Granitblöcke und die Reste eines Amphitheaters. Hier stand vor mehr als 5000 Jahren Caral – die erste Stadt des Kontinents. Das vor wenigen Jahren entdeckte archäologische Kleinod wurde Anfang Juli von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Wo der Rest der Stadt im Tal des Rio Supe, rund 180 Kilometer nördlich von Perus Hauptstadt Lima geblieben ist, weiß niemand. Zu den Hauptverdächtigen des Verschwindens zählt El Niño.

"Der Junge" ist ein Wetterphänomen, das die Westküsten Südamerikas vermutlich schon seit Jahrtausenden regelmäßig mit verheerenden Überschwemmungen und Niederschlägen heimsucht. Möglich scheint, dass der böse Bube einst den Fluss Supe so stark anschwellen ließ, dass er die frühgeschichtliche Kultur mit sich fortriss.

 

Den letzten großen Auftritt hatte El Niño vor zehn Jahren. Im Winter 1997/98 sorgte er für Wetterkatastrophen von Mexiko bis Australien, die Ernte- und Infrastrukturschäden in Höhe mehrerer Milliarden Dollar nach sich zogen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass er diesen Winter wiederkommt, ist sehr hoch", sagt Klimaexperte Mojib Latif, Professor am Leipniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel. Darauf deuten die Ergebnisse einer Vielzahl von Messbojen im tropischen Pazifik zwischen Südostasien und Südamerika hin, die regelmäßig die dortigen Wassertemperaturen messen. Diese Daten werden mit weiteren Informationen zu Winden und Niederschlägen kombiniert, bis sie – ähnlich der normalen Wettervorhersage – eine relativ verlässliche Prog­nose abgeben.

"Wenn sich die Bedingungen im tropischen Pazifik nicht ändern, wird 2009 ein El-Niño-Jahr", warnt das staatliche Wetteramt Australiens. Auf der Südhalbkugel wird mit jedem Tag bis zum Beginn des Frühlings – wenn bei uns der Herbst anbricht – dieses Szenario wahrscheinlicher. Zumal auch die US-Klima- und Wetterbehörde NOAA mit einem weiteren Anstieg der El Niño befördernden Oberflächentemperaturen im äquatorialen Pazifik rechnet. "Über die zu erwartende Stärke lassen sich aber keine verlässlichen Prognosen anstellen", sagt Meeresforscher Latif. "In der Vergangenheit waren diese zumeist falsch."

Ertragseinbrüche sind dennoch programmiert. Das gilt etwa für die Fischwirtschaft Südamerikas. Die Temperaturerwärmung sorgt vor Chile und Peru für einen Zusammenbruch der Nahrungsketten und damit der Fischvorkommen – und das in einem der wichtigsten Fanggebiete Amerikas. Ein weiterer Preisanstieg für Fisch ist mit El Niño deshalb kaum zu vermeiden. Betroffen sind aber vor allem die Anbaugebiete für Getreide und Ölsaaten auf der anderen Seite des Pazifiks. "Australien ist der weltweit größte Produzent von Weizen", sagt Commodities-Spezialist Eugen Weinberg von der Commerzbank. Da El Niño dieser Region Dürre und Hitze bringt, werde "die australische Weizenernte nicht verschont bleiben können". Hinzu kommt, dass ein Teil der Winterweizenernte in den USA ausgefallen ist und die Produktion in Argentinien (die weltweite Nummer 4) wegen starker Dürre im Frühjahr ebenfalls zurückgegangen ist.

Selbst wenn es wegen des Wetterphänomens in Argentinien bald wieder üppiger regnen sollte, "werden etwaige Mehrerträge die Ausfälle nicht mehr kompensieren können". Ein Anstieg des Weizenpreises ist mit diesem Szenario wahrscheinlich. Eine erste Reaktion haben die Weizen-Futures an der Börse in Chicago schon gezeigt: Seit den ersten Warnungen der Klimabehörden Anfang Juli hat sich das Getreide um zehn Prozent verteuert.

Bei den anderen klassischen Nahrungs- und Futtermitteln Soja und Mais haben die Preise bisher noch nicht auf den drohenden Anmarsch des bösen Buben reagiert. "Die Hauptanbaugebiete dieser Produkte liegen außerhalb der am meisten bedrohten Regionen", sagt Weinberg. Sollte sich aber zum Beispiel Weizen verknappen, steige automatisch die Nachfrage nach anderen Getreiden und Futtermittel, die dann ersatzweise herhalten müssten. Unter diesen Produkten sieht Weinberg "vor allem beim Mais und seinen Notierungen Nachholbedarf".

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