21.12.2012 11:00
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Biotech: Wie Anleger mit Biosimilar-Aktien kräftig verdienen können

Boom aus dem Labor
Immer mehr biotechnologisch erzeugte Medikamente verlieren den Patentschutz. Durch die Herstellung von Nachahmerpräparaten, sogenannten Biosimilars, ­entsteht eine neue Branche.
€uro

von Georg Pröbstl, Euro Magazin

Wenn der Patentschutz für Medikamente abläuft, stehen Generikahersteller Gewehr bei Fuß. Ohne immense Summen in Forschung und Entwicklung investieren zu müssen, dürfen sie die Produkte dann nachbauen. Deshalb können sie billiger sein als die Hersteller der Originalpräparate, was vor allem die Krankenkassen freut.

Solche Nachahmermedikamente, die in der chemisch-pharmazeutischen Industrie Generika heißen, gibt es zunehmend auch auf Basis biotechnologisch erzeugter Wirkstoffe. In der Fachsprache werden sie als Biosimilars bezeichnet. Dadurch entsteht eine neue Branche, die noch auf den Durchbruch wartet.

Fachleute rechnen mit einem gewaltigen Schub in den kommenden Jahren. „Bei Biopharmazeutika verlieren bis 2020 etwa 80 Prozent der Medikamente, die in den 80er- oder 90er-Jahren ­entwickelt wurden, ihren Patentschutz“, sagt Branchenexperte Carsten Brockmeyer (siehe Interview in €uro Ausgabe Januar 2013).

Ein Milliardenmarkt entsteht

Insgesamt laufen laut Fachverband Generics and Biosimilars Initiative bis 2020 ­Biopharmazeutika-Patente mit einem Marktvolumen von 67 Milliarden US-Dollar aus. Dazu passt, dass die Biosimilar-Branche in den vergangenen Wochen mit einer ganzen Reihe von Meldungen auf sich aufmerksam machte.

Neben LG Life Sciences und Mochida Pharmaceuticals will ein Gemeinschaftsunternehmen von Fujifilm und Kyowa Kirin Bio in das Geschäft einsteigen. ­Anfang November vereinbarten die ­US-Pharmafirmen Boston Oncology und Oncobiologics eine strategische Partnerschaft, bei der vier Biosimilars gegen Krebs aus der Entwicklungspipeline von Oncobiologics via Lizenzvergabe produziert und insbesondere in Nordafrika und im Nahen Osten vertrieben werden sollen. Die vier zugrundeliegenden Wirk­stoffe repräsentieren weltweite Umsätze von 25 Milliarden US-Dollar.

Obwohl die ersten Biotechpatente bereits vor etwa zehn Jahren ausliefen, ist der Markt noch recht überschaubar. 2010 hatte er ein weltweites Volumen von etwa 250 Millionen Dollar. Nach Schätzungen des Researchhauses Datamonitor soll es 2015 mit 3,7 Milliarden Dollar schon fast das 15-Fache sein. „Bis 2018 gehen wir von einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 8,2 Prozent im Jahr aus“, sagt Sho Matsubara, Branchenanalyst bei S & P Capital IQ. Ideale Marktbedingungen für die Hersteller von Nachahmerpräparaten, die einfach nur auf der Welle mitsurfen müssen.

Kassen ächzen

Der verstärkte Einsatz von gentechnisch hergestellten Medi­kamenten entwickelt sich zum Budget­problem für die Gesundheitssysteme. Hatten Biopharmazeutika 2009 einen Anteil an den Ausgaben für Arzneimittel bei den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland von 16 Prozent, so sollen es 2020 bereits 21 Prozent sein. Wegen des komplizierten Herstellungsverfahrens sind die Biotechmedikamente alles andere als günstig. So entfielen bei der Barmer GEK 2010 bereits 15,2 Prozent der Ausgaben für Arzneimittel auf Biopharmazeutika. Diese wurden aber nur 2,8 Prozent der Versicherten verordnet. Der durchschnittliche Betrag pro Patient und Jahr lag bei 2400 Euro.

Experten sehen in Biosimilars eine Lösung zur Entschärfung der rollenden Kostenlawine. „Biosimilars sind etwa 20 bis 25 Prozent günstiger als die Origi­nalpräparate“, weiß Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Branchenverbands ProGenerika. Derzeit werden die biologischen Nachahmermedikamente allerdings trotz Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen noch vergleichsweise selten verschrieben. Nach Angaben des Marktforschers IMS entfielen in Deutschland zwischen Januar und August 2012 von den Ausgaben für Biopharmazeutika in Höhe von 3,7 Milliarden Euro lediglich 42 Millionen Euro auf Biosimilars. Allerdings waren von diesem Gesamtvolumen mit 3,5 Milliarden Euro noch nahezu alle Präparate patentgeschützt.

Noch sind sich Ärzte und Krankenkassen nicht so recht einig über die ­Verordnung der billigeren Alternativen. „Derzeit sind in Deutschland zwar 14 Bio­similars gegen Krebs, Blutarmut oder Wachstumsstörungen zugelassen. Es ist aber nur für ein einziges Medikament ­eine Verordnungsquote zwischen gesetzlichen Krankenkassen und Ärzten vereinbart“, berichtet Bretthauer.

Dabei wäre das Sparpotenzial enorm. So veranschlagt das Beratungsunternehmen IGES die Einsparungen über die Verwendung von Biosimilars alternativ zum Original in einer Studie für acht Länder der Europäischen Union von 2007 bis 2020 auf 11,8 bis 33,4 Milliarden Euro. Während sich in Europa oder in den USA der Sparzwang in den Gesundheitssystemen zum Treiber für die Biosimilar-Nachfrage entwickeln dürfte, geht es in Schwellenländern darum, eine Art Grundversorgung mit Biopharmazeutika sicherzustellen. „Biosimilars verschaffen in Emerging Markets wie Brasilien, Indien und China breiteren Bevölkerungsschichten den ­Zugang zur Gesundheitsversorgung und könnten in einigen dieser Länder zu ­einem Schlüsselfaktor des Wirtschaftswachstums werden“, vermutet Sarah Rickwood, Pharmaexpertin der Unternehmensberatung IMS Health.

Angesichts dieses Umfelds dürften die Gesellschafter bei Boston Oncology und Oncobiologics schon anfangen zu rechnen. Beide Unternehmen sind in privater Hand, zu den Gesellschaftern zählen bezeichnenderweise auch Führungskräfte der Pharmaindustrie. Es gibt aber auch börsennotierte Firmen, die auf Biosimilars spezialisiert sind. Neben den großen Pharma- und Generikakonzernen wie Sandoz/Hexal, Teva/Ratiopharm oder Stada setzen in jüngster Zeit weitere Player der Branche auf die eigene Entwicklung von Bio­similars oder auf Partnerschaften. So gab Merck Serono im Juni die ­Zusammenarbeit mit dem indischen Generika- und Biosimilar-Spezialisten Dr. Reddy’s bekannt.

Für etwas risikofreudigere Anleger mit Geduld sind die kleineren Player wie der chinesische Biosimilar-Produzent 3SBio, der deutsche Vorreiter Formycon oder das US-Unternehmen Momenta Pharmaceuticals interessant, die über das entwicklungs- und analysetechnische sowie regulatorische Know-how verfügen, etwa Formycon. Bei den kleinen Firmen bringt nicht unbedingt die eigene Produktion das große Geld, sondern die Auslizenzierung der entwickelten Medikamente oder der Verkauf der Entwicklungspipeline an große Pharmakonzerne.

Schon Anfang 2009 verkaufte das US-Biotech-Unternehmen Insmed seine Entwicklungspipeline mit zwei Biosimilars für 130 Mil­lionen Dollar an den Pharmariesen Merck & Co. Der Insmed-Kurs verfünffachte sich daraufhin innerhalb weniger Monate. Wenn die Biosimilar-Welle erst richtig anrollt, dürften solche Deals öfter vorkommen.

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