von Beate Charlotte Kirchner, €uro am Sonntag
Das Verhältnis von Schwellenländern und Industriestaaten hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Brasiliens Finanzminister Guido Mantega spricht sogar von einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Die Gruppe der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) zum Beispiel hat über 50 Prozent Anteil am globalen Wirtschaftswachstum und repräsentiert 40 Prozent der Weltbevölkerung, aber nur 25 Prozent des Bruttosozialprodukts.
Gegen dieses Ungleichgewicht zieht der im italienischen Genua geborene Wirtschaftswissenschaftler und Politiker zu Felde. Weltweites Aufsehen erregte er im vergangenen Jahr, als er den Ausdruck „Währungskrieg“ prägte. Im Interview erklärt er, welche Probleme künstlich niedrig gehaltene Währungen schaffen.
€uro am Sonntag: Europa und die USA ächzen unter hohen Schulden. In der westlichen Welt geht die Angst vor einer Rezession um. Wie bekommt Brasilien das zu spüren?
Guido Mantega: Von einem neuerlichen Abschwung der Weltwirtschaft wären alle Länder der Erde mehr oder weniger stark betroffen. Dennoch befindet sich Brasilien in einer privilegierten Lage.
Inwiefern?
Wir verfügen aktuell über ein robustes Polster an Devisenreserven. Der Staatshaushalt ist solide, die Gesamtverschuldung liegt mit 39,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wesentlich unter der Schwelle einiger Industriestaaten. Hinzu kommt, dass der Export lediglich 13 Prozent des brasilianischen BIP ausmacht. Durch die rege und dynamische Binnennachfrage sind wir von internationalen Konjunkturschwankungen weniger abhängig. Davon abgesehen werden wir natürlich geeignete Maßnahmen ergreifen – sei es auf steuerlicher oder währungspolitischer Seite – falls sich die Krise verschärfen sollte.
Aber auch Brasilien hat Probleme: Die Preise sind hoch, die Inflation liegt bei sieben Prozent, die Wirtschaftskraft sinkt.
Die Preissteigerungen waren ursächlich auf die Entwicklungen an den Rohstoffmärkten zurückzuführen, in erster Line im Lebensmittelbereich. Externe Faktoren sind dafür verantwortlich, hauptsächlich der enorme globale Liquiditätsüberschuss durch die Geldpolitik der quantitativen Lockerung in den Vereinigten Staaten; ferner die Steigerung der Produktionskosten. Deshalb ist die Inflation gestiegen, hat jedoch ihren Höhepunkt bereits erreicht und wird in Kürze wieder sinken. Im Gesamtjahr wird sie in Brasilien unter 6,5 Prozent liegen.

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Nichtsdestotrotz übersteigt die Inflationsrate das Wirtschaftswachstum. Ist der Boom der vergangenen Jahre vorbei?
Die Wirtschaft unseres Landes kühlt sich nach dem starken Wachstum von 7,5 Prozent im vergangenen Jahr ab. Das war ohnehin erwartet worden und ist aus wirtschaftspolitischer Sicht willkommen.
Schließlich wollen wir nachhaltig und beständig wachsen. Nach einer Steigerung des BIP von 1,2 Prozent im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnete die Wirtschaft im zweiten Jahresviertel 0,8 Prozent Zuwachs und ist damit etwas schwächer gewachsen als im ersten Quartal.
Welche Wachstumsraten erwarten Sie für dieses und kommendes Jahr?
Brasilien wird weiterwachsen. Wir haben eine Reihe von Programmen auf den Weg gebracht, um die Infrastruktur und den Wohnungsmarkt zu verbessern, aber auch die Produktions-, Innovations- und Schlagkraft der Industrie zu fördern. Zudem ist der Zuwachs künftiger Investitionen quasi garantiert. Unser Land steht vor internationalen Großereignissen, allen voran die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016. Das zieht weitere Investitionen ins Land. Für die kommenden beiden Jahre liegen unsere Vorhersagen bezüglich des Wachstums bei einem Mittelwert von über fünf Prozent, vorausgesetzt, die Krise spitzt sich nicht weiter zu. Aber es soll ein gesundes Wachstum sein mit einer Inflation, die unter Kontrolle ist.
Anfang September hat die brasilianische Notenbank die Zinsen erstmals wieder gesenkt. Heizt das nicht die Inflation an?
Die brasilianische Notenbank hat die Senkung der Leitzinsen mit dem abflachenden globalen Wachstum begründet. Die ganze Welt ist sich bewusst, dass die Folgen des schwächeren Wachstums gravierend sein werden, mit Wirkung auf die Preise an den Rohstoffmärkten – die wiederum die Inflation beeinflussen – und die internationalen wirtschaftlichen Aktivitäten.
Sie haben die Steuern auf Industrieprodukte erhöht, was die Geldentwertung zusätzlich treibt. Importautos sind jetzt bis zu 28 Prozent teurer, um die heimische Wirtschaft zu schützen. Haben Sie keine Angst, damit internationale Investoren abzuschrecken?
Die expansive Geldpolitik in den Industrienationen schlägt sich in den Wechselkursen solider Volkswirtschaften – wie der Brasiliens – nieder. Unsere Industrie kämpft mit dem vergleichsweise hohen Wechselkurs des Real, zeitgleich halten andere Länder ihre Währungen künstlich niedrig. Wir können nicht zulassen, dass solche Maßnahmen von anderen Ländern – besonders was Wechselkurse betrifft, die zu Wettbewerbsvorteilen führen – auf Kosten unserer Industrie gehen. Außerdem denke ich nicht, dass wir Investoren abschrecken. Im Gegenteil: Ich glaube, dass viele Unternehmer die Gelegenheit beim Schopf ergreifen werden, um in unserem Land zu produzieren. So können sie von dem wachsenden Konsumentenmarkt profitieren, der aktuell der fünftgrößte der Welt ist. Industrieunternehmen können auf qualifizierte und erfahrene Arbeitskräfte bauen.
Ihren Ausführungen zufolge befinden wir uns bereits in einem internationalen Währungskrieg, vor dem Sie im vergangenen Jahr warnten.
Ohne Zweifel, wir befinden uns mitten in einem Wechselkurskrieg. Auf der einen Seite werten einige Länder ihre Währungen ab, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Exporte zu steigern und so den Mangel an Binnennachfrage im eigenen Land zu kompensieren. Es ist nicht richtig, dass die starke globale Überschussliquidität – einseitig von einigen Ländern herbeigeführt – negative Effekte auf andere Märkte hat. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, mich an die Welthandelsorganisation zu wenden, um aufzuzeigen, auf welche Weise diese Wechselkursmanipulationen unfaire Praktiken im internationalen Handel sind.
Was fordern Sie?
Die Welt darf nicht wegsehen, es ist eine Reaktion vonnöten. Gemeinsam müssen Lösungen für das aktuelle globale Ungleichgewicht gefunden werden. Das geht nicht durch einseitige Maßnahmen, sondern nur mittels Dialog und Kooperation, um die Beschäftigung zu stimulieren und nachhaltiges Wachstum für alle Länder zu schaffen.
Deutsche Unternehmen wie BMW investieren gerade in Brasilien. Wie sehen Sie deren Engagement im Vergleich zur internationalen Konkurrenz?
Deutsche Unternehmen sind schon seit vielen Jahren hier etabliert, haben über Generationen Arbeitsplätze geschaffen, zur Industrialisierung des Landes beigetragen, den Export und die Technikinnovation vorangetrieben. Brasiliens Industrielandschaft ist auch Folge der langen Geschichte der Automobilindustrie. Die Präsenz deutscher Unternehmen trägt zu einem hochwertigen Produktangebot für den brasilianischen Konsumenten bei.
Wo sehen Sie Brasiliens künftige Rolle in der Weltwirtschaft?
Ich denke, dass Brasilien stark dazu beitragen kann, die schwierigen internationalen Fragen zu lösen – und zwar über Dialog und Kooperation. Abgesehen davon zeigt Brasilien, dass wirtschaftliches Wachstum auch mit sozialer Beteiligung der wachsenden Bevölkerungsschichten einhergehen kann.
Zum Beispiel?
Die Armut in Brasilien wurde in nur acht Jahren halbiert. In diesen acht Jahren sind über 29 Millionen Menschen in die Mittelklasse aufgestiegen, der bereits 100 Millionen Brasilianer angehören. 17 Millionen Arbeitsplätze wurden geschaffen, während zur selben Zeit das Land durchschnittlich um vier Prozent gewachsen ist. So unterstützt etwa das Programm „Bolsa Família“ 13 Millionen Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Das hat im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit Standards gesetzt.
Investor-Info
Powerhouse Brasilien
Die Abkühlung ist da
Die Turbulenzen in Folge des europäischen Schuldendramas treffen nun auch Brasilien. Nach einem Rekordwachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2010 erwartet Brasiliens Finanzministerium für 2011 und 2012 nur noch ein Plus von 3,8 Prozent und fünf Prozent.(pg)
Brasilien in einem Fonds
iShares MSCI Brazil
Auch wenn Brasilien mehr zu bieten hat als Bodenschätze: Im MSCI-Brazil-Index spielen Rohstoffwerte mit knapp 47 Prozent eine dominierende Rolle. Daher ist der ETF auch eine Wette auf die Entwicklung der Rohstoffmärkte. Nach dem Preiseinbruch in den vergangenen Monaten könnte es hier wieder zu einer leichten Erholung kommen. Nur zur Beimischung kaufen.(pg)
Lateinamerika in einem Fonds
Lyxor ETF MSCI EM Latin America
Etwas weniger rohstofflastig ist der Lyxor-ETF MSCI EM Latin America A, der in die wichtigsten Unternehmen Lateinamerikas investiert. Knapp zwei Drittel des Portfolios machen brasilianische Werte aus, gefolgt von mexikanischen, chilenischen und kolumbianischen Unternehmen. Dank der breiteren Zusammensetzung ist der ETF etwas weniger volatil als ein Brasilien-Indexfonds. (pg)
Petrobras
Beste Verbindungen
Das brasilianische Energieunternehmen profitiert nicht nur von den weiterhin relativ hohen Öl- und Gaspreisen. Auch für die Zukunft hat Petrobras dank riesiger Ölreserven vor Brasiliens Küste für die kommenden Jahrzehnte gut vorgesorgt. Vorteilhaft sind auch die guten Verbindungen des Staatsunternehmens zur brasilianischen Regierung. Finanzminister Guido Mantega etwa steht dem Verwaltungsrat des Unternehmens vor.(pg)
Bildquellen: Portal of the Brazilian Government