
Quelle: Sentix
Der schon zum Jahresanfang vorhandene kurzfristige Pessimismus, brachte zum Ausdruck, dass die Mehrheit der Börsianer zunächst mit einem Rückschlag gerechnet, ja diesen geradezu herbeigesehnt hatte. Doch stattdessen legte der DAX nochmals um über 400 Punkte zu und ließ einige verzweifelt auf den fahrenden Zug aufspringen. Andere mussten unter Verlusten Ihre Short-Positionen glattstellen. Erst als die Mehrheit der Bären das Handtuch geworfen hatte, und der Anstieg zu einer prozyklische Meinungsänderung der kurzfristigen Akteure geführt hat, war der Markt dann reif für den Rückschlag.
Der jetzt noch gestiegene kurzfristige Pessimismus spricht auf jeden Fall dafür, dass die Korrektur in seinem Ausmaß begrenzt sein dürfte. Eine mögliche Marke für den Wiedereinstieg ist die 6.723,50. Hier würde der DAX-Future ein Overnight-Gap schließen, dass er am ersten Dezember vergangenen Jahres aufgemacht hatte. Ein solches Overnight-Gap kommt dann zustande, wenn ein Markt deutlich über, oder deutlich unter dem Vortagesschluss eröffnet. Und solange dieser nicht wieder erreicht ist, spricht man von einem offenen Gap. Gerade in Korrekturen neigt der Markt dazu, solche Marken als Anziehungspunkte zu nutzen und nicht selten wendet er dann im Bereich dieser.
Erst eine Kataststrophe, die die langfristig positive Einschätzung der Anlegermehrheit ändern würde, könnte zu einem Auflösen der hinter dieser Sicht stehenden Aktieninvestments und damit zu einer echten Baisse führen. Eine solche Katastrophe ist – so dramatisch die Situation in Japan auch ist – derzeit jedoch nicht erkennbar. Auch das Liquiditätsbild spricht dagegen. Noch bis Juni kauft die US-Notenbank Fed jeden Monat Staatsanleihen im Wert von 60 Milliarden Dollar auf. Der europäische Rettungsschirm (EFSF) wurde am Wochenende von 250 auf 440 Millionen Euro aufgestockt. Und der EFSF darf nun auch Staatsanleihen aufkaufen. So kann sich die Europäische Zentralbank (EZB) aus diesem Prozess verabschieden. Die Kritik in Bezug auf die Aufkäufe dürfte insofern zurück gehen, weil zumindest nicht mehr die Unabhängigkeit der Notenbank dadurch in Frage gestellt wird. Und auch das Erdbeben bringt nun weitere Liquidität ins Finanzsystem. Die Bank of Japan stellt kurzfristig in einer Notaktion umgerechnet 62 Milliarden Euro zur Verfügung.
Ich bleibe daher bei meiner Einschätzung, dass das Bild kurzfristig weiter positiv bleibt und die Korrektur gute Einstiegsgelegenheiten bietet. Längerfristig sehe ich es jedoch - ebenfalls konträr zur Mehrheit - längst nicht so positiv. Die Konjunkturprognosen für Amerika sowie Europa – mit Ausnahme von Deutschland – sind viel zu optimistisch. Wenn sich dies im zweiten Halbjahr zeigt, bei einem gleichzeitigen Auslaufen der Liquiditätsmaßnahmen, dürfte es schwierig an den Börsen werden.
Stefan Riße, ist Deutschlandchef und Chefstratege von CMC Markets. Bekannt ist er durch seine jahrelange Tätigkeit als Börsenkorrespondent für den Nachrichtensender N-TV. Sein aktuelles Buch „Die Inflation kommt“, ist bereits jetzt ein Bestseller. Updates und mehr gibt es auf risseblog.de.
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