STUTTGART (Dow Jones)--Der neue Chef des ins Schlingern geratenen Pharmagroßhändlers Celesio, Markus Pinger, will die weitere Expansion des Unternehmen zunächst zurückstellen und den Konzern erst einmal wieder auf Kurs bringen. Das Ende Oktober aufgesetzte Spar- und Restrukturierungsprogramm soll im kommenden Jahr wieder zu stabilen Ergebnissen führen, sagte Pinger am Mittwochabend in Stuttgart vor Journalisten.
Möglichst erst 2013 oder 2014 will sich der Manager, der seit August im Amt ist, wieder dem Thema Expansion widmen - "wenn ich mir es aussuchen könnte". Würden sich früher günstige Gelegenheiten für Zukäufe ergeben, will Pinger diese jedoch prüfen.
Im Blick hat er dabei die stark wachsenden Märkte in Lateinamerika und im Nahen Osten. In Brasilien ist Celesio mit dem Großhändler Panpharma und dem kürzlich erworbenen Spezialdistributeur Oncoprod vertreten. "Wir können uns vorstellen, in weitere Märkte in Lateinamerika zu investieren", sagte Pinger. Länder wie Argentinien oder Peru verzeichneten ein dynamisches Wachstum deutlich über dem Niveau saturierter Märkte wie etwa Deutschland.
Kein Thema ist hingegen China. "Da sind die Eintrittshürden zu hoch", meinte Pinger. Für Indien gibt es eine Machbarkeitsstudie. Eine Entscheidung, in diesen Markt zu investieren, gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht, auch wegen erst langsam fallenden Regulierungsbarrieren. "Indien ist derzeit dabei, die Märkte zu liberalisieren". Mittelfristig ist ein Markteintritt für den Manager jedoch noch keine Option.
Die Strategie, sich künftig auf das Kerngeschäft Pharmagroßhandel und Apotheken zu konzentrieren, verteidigte Pinger. "Unser Kerngeschäft ist trotz der Krise ein stabiles Geschäft", ist der ehemalige Beiersdorf-Manager überzeugt. Steigende Gesundheitsausgaben und die demografische Entwicklung sorgten für einen "positiven Megatrend". "Ich bin zuversichtlich, dass das die richtige Richtung ist."
Celesio leidet derzeit erheblich unter den Sparmaßnahmen der europäischen Regierungen im Gesundheitswesen, insbesondere im wichtigen Markt Großbritannien. Die Schuldenkrise einer ganzen Reihe von Euro-Ländern wie Portugal, Irland oder Italien sorgen zudem für tiefe Einschnitte in deren Gesundheitswesen und damit für schlechte Geschäfte bei Celesio. In Frankreich und in Deutschland liefern sich Pharmagroßhändler zudem Rabattschlachten, die an den Margen nagen.
Um dies aufzufangen hat Celesio nun ein Restrukturierungsprogramm vorgelegt, dessen Einmalaufwendungen von bis zu 100 Mio EUR bereits größtenteils im laufenden Jahr wirksam werden.
Für Deutschland erhofft sich Pinger im kommenden Jahr im Pharmagroßhandel eine Stabilisierung. Alle Unternehmen hätten durch den Rabattwettbewerb verloren, kritisierte der Vorstandsvorsitzende, der die daraus resultierenden Verluste für die Branche "zum Teil dramatisch" nannte. Das habe offensichtlich auch die Politik erkannt. Die Änderung des Vergütungssystems im kommenden Jahr soll dazu führen, dass es nicht mehr zu solchen "Panikreaktionen" der Pharmagroßhändler kommen soll.
Um das Kerngeschäft konzernweit wieder auf Vordermann zu bringen, will Celesio den konzernweiten Einkauf, die Lieferkette und das Niederlassungsnetz im Großhandel jeweils bündeln und effizienter gestalten. Auch das Apothekengeschäft, das derzeit über verschiedene Partnerschaften, Kooperationen oder Franchisemodelle läuft, soll vereinheitlicht werden. Dabei geht es Pinger zufolge nicht darum, die Apotheken unter einer Marke wie DocMorris zu laufen zu lassen, sondern Formate und Konzepte zu harmonisieren.
In Schweden will Celesio beim Aufbau neuer Apotheken einen Gang zurückschalten. Hier ist das Unternehmen seit der Liberalisierung stark gewachsen und hat mehr als 80 Apotheken eröffnet. 16 dieser Apotheken, die sich nicht so entwickeln wie erwartet, sollen nun wieder geschlossen werden.
Der Bereich Manufacturer Solutions mit seinen Dienstleistern Movianto und Pharmexx steht weiter zur Disposition. Das Geschäft war unter dem früheren Chef Fritz Oesterle aufgebaut worden, der Celesio damit unabhängiger vom Kerngeschäft machen wollte. Laut Pinger ein Fehlschlag: Die neu aufgebauten Geschäfte hätten die Erwartungen nicht erfüllt.
Für den Manager geht es nun darum, Vertrauen zurückzugewinnen. Celesio hat in diesem Jahr eine Serie von Gewinnwarnungen herausgegeben, zudem nahm Oesterle nach einem mit dem Mehrheitsaktionär Haniel öffentlich ausgetragenen Streit über die Strategie seinen Hut. Mit den Abgängen des Finanzvorstands Christian Holzherr sowie des für Manufacturer Solutions zuständigen Michael Lonsert haben damit drei Manager das Unternehmen seit dem Streit mit Haniel verlassen.
-Von Natali Schwab,
Dow Jones Newswires, +49 69 29725119,
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