Von Heide Oberhauser-Aslan
Europas Industrievertreter erhöhen den Druck auf die Politik. Kurz vor dem Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstag und Freitag in Brüssel meldet sich auch die europäische Chemieindustrie zu Wort. Die chemische Industrie in Europa sehe die Zukunft der europäischen Union und des Euro gefährdet, heißt es in einem bislang unveröffentlichten Brief an die europäischen Staats- und Regierungsführer, der dem Wall Street Journal Deutschland vorliegt. Darin fordert der Wirtschaftsverband den Einstieg in eine gemeinsame Haushaltspolitik mit einer integrierten Kontrolle der Finanzpolitiken der Länder und eine stärkere Deregulierung zur Stärkung der Wachstumskräfte. Die Europäische Union sei an einem Wendepunkt angelangt, heißt es darin. Die Stärke der EU und des Euro stünden auf dem Spiel.
Die europäischen Staats- und Regierungsführer sollten in der Krise daher mehr Führungsstärke zeigen. Es sei an der Zeit, ein stärkeres und integrierteres Europa zu schaffen. Die Führer der europäischen Chemieindustrie sprechen sich in dem Brief zudem für die gemeinsame Währung aus. Nur ein mehr vereintes und integriertes Europa mit einer gemeinsamen Währung werde zukünftigen Generationen Frieden und Wohlstand bescheren.
Ähnlich wie in anderen Industriebereichen beobachten auch die großen europäischen Chemiekonzerne die europäische Schuldenkrise mit Wachsamkeit und Sorge. Erst kürzlich forderte beispielsweise Bayer-Chef Marijn Dekkers im Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland klare Regeln für eine solide Finanzpolitik in den Euro-Ländern. Das Kernproblem sei, dass es den Euro, aber keine gemeinsame Fiskalpolitik gebe, hatte der Manager erklärt. Bayer richte seine Finanzpolitik mittlerweile deutlich konservativer aus als noch vor einigen Jahren, sagte Dekkers. Auch BASF-Lenker Kurt Bock appellierte unlängst in einem Interview mit einem Anlegermagazin an die Politik, ihren Konsolidierungskurs diszipliniert fortzusetzen und die Grundlagen dafür schaffen, dass Europa wettbewerbsfähig bleibe. BASF erwirtschaftet nach wie vor den größten Umsatzanteil in der Eurozone und hat deshalb großes Interesse daran, dass die Staatsschuldenkrise schnellstmöglich überwunden wird.
Vom Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs ab Donnerstag in Brüssel erhoffen sich Beobachter den Startschuss zu einer tief greifenden Reform der Euro-Währungsunion. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hat am Mittwoch ein Grundsatzpapier für eine Wirtschafts- und Währungsunion vorgelegt. Darin macht er sich gemeinsam mit EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso, Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker und EZB-Präsident Mario Draghi unter anderem für eine Bankenunion stark und die schrittweise Einführung von Gemeinschaftsanleihen. Die Bundesregierung hat dagegen bereits Widerstand angekündigt.
Bereits am Montag hatten 50 Konzernchefs in einem gemeinsamen Schreiben an die Staats- und Regierungschefs eine starke Deregulierung als Voraussetzung zur Ankurbelung von Wirtschaftswachstum gefordert.
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June 27, 2012 06:57 ET (10:57 GMT)
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