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01.02.2009 09:00

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China ist 2009 der attraktivste Aktienmarkt (EuramS)


Goldman Sachs‘ Chefvolkswirt Jim O‘Neill hat den Begriff BRIC geprägt. Im Interview spricht er über aktuelle Chancen und Risiken in Brasilien, Russland, Indien und China.

von Carsten Lootze

Jim O’Neill hat die Investmentwelt revolutioniert: 2003 veröffentlichte der Chefvolkswirt von Goldman Sachs die Studie "Dreaming with the BRICs: The Path to 2050". Seine These: 2040 stellen die vier größten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China (kurz BRIC) eine stärkere Wirtschaftsmacht dar als die G 6-Staaten USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien.

Die Studie löste einen BRIC-Boom aus. Weltweit gibt es heute 273 Investmentfonds, die speziell in Brasilien, Russland, Indien und China investieren. Diese verwalten insgesamt 11,5 Milliarden Euro, zeigt ein Blick in die Datenbank des Analysehauses Lipper. Auch die übrigen Schwellenländer in Asien und Lateinamerika erlebten durch die BRIC-Geschichte einen Investorenansturm. Die globale Finanzkrise hat diesen Boom beendet: 2008 zogen Anleger aus Schwellenländerfonds knapp 68 Milliarden US-Dollar ab, schätzt der Datenanbieter EPFR Global. Das seien mehr als die Hälfte aller Mittelzuflüsse, die zwischen 2003 und 2007 angefallen sind. Ist die BRIC-Geschichte damit vorbei? "Nein", sagt Jim O’Neill. €uro am Sonntag sprach mit ihm über die Folgen der Finanzkrise für die vier Staaten sowie aktuelle Chancen und Risiken für Bric-Investoren.

€uro am Sonntag: Weltweit senken Regierungen und Investmentstrategen ihre Konjunkturerwartungen. Müssen Sie nicht auch Ihre BRIC-Story überdenken?
Jim O‘Neill: Ja, denn langfri­stig ist der Traum von den BRICs durch die Finanzkrise noch wahrscheinlicher geworden. China hat Deutschland 2007 überflügelt, was das Bruttoinlandsprodukt angeht. Das war zwei Jahre eher, als wir vorausgesagt hatten. Und die Chance ist groß, dass die BRICs 2010 knapp 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erbringen werden. Das ist fast doppelt so viel, wie wir 2003 ursprünglich vorhergesagt hatten.

€uro am Sonntag: Aber liegt das nicht eher an der Schwäche des We­s­tens als an der Stärke der BRICs?
O‘Neill: An beidem. Bislang verkraften die Schwellenländer den globalen Abschwung doch wesentlich besser als die Industriestaaten. Bei zuletzt knapp sieben Prozent Wirtschaftswachstum in China und Brasilien sowie fast acht Prozent in Indien – wo ist denn da die Krise?

€uro am Sonntag: In Russland. Dort könnte die Wirtschaftsleistung 2009 sogar schrumpfen, erwarten Analysten.
O‘Neill: Gut, in Bezug auf Russland mache ich mir auch Gedanken. Wir haben nie genau gewusst, worauf Russlands Wirtschaftswachstum beruhte – bis die Rohstoffpreise gefallen sind. Jetzt wird sich zeigen, wie viel Substanz wirklich hinter dem Wachstum steckt. Damit muss sich das Land ernsthaft auseinandersetzen und etwas tun, wenn es weiterhin in der Weltwirtschaft mitspielen will.

€uro am Sonntag: Ohne Russland stünden die BRIC-Staaten derzeit weit besser da. Haben Sie mal überlegt, aus den BRICs die BICs zu machen?
O‘Neill: Nachgedacht schon, aber ich werde das "R" trotzdem nicht streichen. Denn selbst wenn die russische Wirtschaft 2009 schrumpfen sollte, wird das Land die Krise überleben. Aber es muss etwas unternehmen: Sich vom Ölgeschäft unabhängiger machen, seine Produktivität steigern, bessere Regeln zur Unternehmensführung aufstellen und die­se auch umsetzen sowie etwas gegen seine alternde Bevölkerung tun. Bis sich da nichts Gravierendes ändert, bleibt Russland der unattraktivste BRIC-Markt.

€uro am Sonntag: Und welcher ist der aussichtsreichste?
O‘Neill: Langfristig bleibt Indien am attraktivsten – wegen seiner gesunden Bevölkerungsstruktur. Aber kurzfristig ist China interessanter, weil es die aktuellen Probleme unbürokratischer anpackt. China ist zurzeit sogar der interessanteste Markt weltweit. Die Frage dabei ist: Wird das Land sein Wirtschaftswachstum aufrechterhalten können, oder wird es dasselbe Schicksal wie Russland ereilen? Sollte sich China erfolgreich behaupten, wird das Länder auf der ganzen Welt zu mehr direkten staatlichen Beteiligungen ermutigen – so, wie sie in China üblich sind.

€uro am Sonntag: Sollte es nicht ursprünglich andersherum laufen – so, dass die Schwellenländer das westliche Wirtschafts- und Werte­system übernehmen?
O‘Neill: Davon bin ich nie ausgegangen. Sind Sie jemals in China gewesen? Die Menschen dort wollen gar nicht so sein wie wir. In meinen Augen war dieses ganze Gerede davon, dass die Asiaten den westlichen Lebensstil annehmen wollen, nichts als eine Annahme der vorigen US-Regierung.

€uro am Sonntag: Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass China sich behauptet und künftig als Vorbild des We­stens dient?
O‘Neill: Ziemlich hoch, denn die jüngsten Daten sind sehr ermutigend. Zum Beispiel ist die chinesische Geldmenge inklusive Bargeld und Einlagen im Dezember 2008 um 17,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Das waren drei Prozentpunkte mehr als im November und entsprach dem Ziel der Regierung. Diese funktionierende Geldversorgung wird helfen, die Konjunktur zu stabilisieren.

€uro am Sonntag: Während Sie weiterhin von der BRIC-Story überzeugt sind, haben viele Investoren ihre Zuversicht verloren. Anders lassen sich die Milliardenabflüsse aus BRIC-Fonds doch nicht deuten.
O‘Neill: Geht es aufwärts, wollen alle dabei sein und denken nicht da­rüber nach, welche Werte dahinter­stecken. Und geht es abwärts, bekommen sie Panik. Aber die Wirtschaft und Aktienmärkte bewegen sich nun mal in Zyklen. Dass es bei Schwellenländeraktien mit 40 Prozent Rendite weitergeht, konnte doch keiner ernsthaft erwarten.

€uro am Sonntag: Was erwarten Sie für 2009 von den Börsen?
O‘Neill: In der zweiten Jahreshälfte dürften die Kurse wieder steigen.

€uro am Sonntag: Und wo auf der Welt zuerst?
O‘Neill: In China. Dort hat sich der Aktienmarkt ja bereits stabilisiert, seit die Regierung im November ihr Konjunkturpaket verkündet hat. Seit Jahresanfang liegt der CSI 300 zwölf Prozent im Plus.

€uro am Sonntag: Wird der chinesische Aktienmarkt 2009 auch im Plus abschließen?
O‘Neill: Davon bin ich überzeugt; China ist für mich momentan der attraktivste Aktienmarkt weltweit. Brasilien dürfte Anlegern 2009 ebenfalls positive Renditen bescheren. In Indien hängt die weitere Entwicklung davon ab, was sich dort nach der Wahl tut. Den russischen Markt sehe ich Ende 2009 im Minus.

€uro am Sonntag: Wie würden Sie ein BRIC-Portfolio demnach aktuell aufstellen?
O‘Neill: In Anbetracht der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen würde ich die Hälfte meines Kapitals in chinesische Aktien inve­stieren. Darüber hinaus sollten momentan etwa 25 Prozent auf Brasilien, 20 Prozent auf Indien und fünf Prozent auf russische Werte entfallen.

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