von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag
Nur wenige deutsche Topmanager haben es sich bislang erlaubt, die europäische Einheitswährung öffentlich zu demontieren. Einer der ersten war Linde-Chef Wolfgang Reitzle, dem bisweilen das Herz auf der Zunge liegt: „Der Euro muss nicht um jeden Preis gerettet werden. Wenn es nicht gelingt, die Krisenländer zu disziplinieren, muss Deutschland austreten“, sagte er dem „Spiegel“. Ein Austritt wäre zwar ein Schock für die deutsche Wirtschaft, aber verkraftbar, glaubt der Manager.
Verkraftbar wäre ein solches Szenario wohl vor allem für Linde. Ein Jahrzehnt nach seinem Antritt als Vorstandschef hat Reitzle den Gasekonzern und Anlagenbauer längst vom europäischen Heimatmarkt emanzipiert und systematisch die Produktion in Wachstumsregionen ausgebaut — organisch oder durch erfolgreiche Milliardenübernahmen wie die des britischen Konkurrenten BOC.
„In vier von fünf Wachstumsregionen ist Linde Marktführer im Gasegeschäft, darunter in China und Südostasien, wo sich der Markt für Industriegase bis 2020 auf 26 Milliarden Euro mehr als verdoppeln wird“, erläutert Heiko Feber vom Bankhaus Lampe. Derzeit machten diese Wachstumsregionen 35 Prozent des Umsatzes, aber 60 Prozent der Investitionen in Gase aus. „Das verdeutlicht die Wachstumsambitionen von Linde.“ Produktion vor Ort streue dabei die Währungsrisiken.
Dagegen macht Linde im Kerngeschäft Gase heute nur noch ein Viertel seines Umsatzes in Europa; in den Krisenländern wie Spanien, Griechenland oder Portugal sind es zusammen gerade mal vier Prozent. Das zweite Geschäftsfeld, Anlagenbau, ist ähnlich positioniert, schafft zusätzlich Synergien und kann sich vor Aufträgen kaum retten.
Medizin wächst
Von Aktionärsvertretern bekommt Linde durch die Bank gute Noten. Der Konzern sei „bestens aufgestellt“, sagte Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. „Rundum zufrieden“ gab sich Daniela Bergdolt von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Das zeigt auch die Rekordbilanz für 2011 mit einem Umsatzplus von sieben Prozent auf 13,8 Milliarden Euro und einem Gewinnplus von 17 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. 2012 soll es ähnlich weitergehen, für 2014 strebt der Konzern ein Ergebnis von mindestens vier Milliarden Euro an.
Dazu beitragen soll der Ausbau des Medizingeschäfts. „Der Healthcare-Markt ist zukunftsträchtig — ein globaler Megatrend“, sagt Reitzle. Mit 1,2 Milliarden Jahresumsatz ist Linde hier weltweit bereits die Nummer 2 nach dem französischen Hauptkonkurrenten Air Liquide. Gerade haben die Münchner die Europa-Sparte des Heimmedizingeschäfts des US-Konkurrenten Air Products für 600 Millionen Euro übernommen. Dort liegen die Margen höher als in der restlichen Gasesparte — ein weiterer Schritt zum 2014er-Ergebnisziel.
Und wohl auch Motivation für einen noch größeren möglichen Zukauf: den US-Konkurrenten Lincare. Linde habe im Bieterrennen mit Air Liquide die Nase vorn und könnte den Sauerstoffgerätehersteller für 3,4 Milliarden Dollar übernehmen, schreibt die „Financial Times“.
Nachfolge offen
Auch dieser Zukauf trüge dann die Handschrift Wolfgang Reitzles. Paradoxerweise könnte ausgerechnet der Erfolgsgarant zum größten Problem Lindes werden: Denn Reitzles Vertrag läuft nur noch bis 2014. Dann ist der charismatische Vorstandschef 65 Jahre alt. Eine Nachfolgeregelung ist bislang nicht in Sicht. Sie ist die wohl größte Herausforderung in den nächsten zwei Jahren. „Reitzle hat einen ausgezeichneten Job gemacht“, formuliert es NordLB-Analyst Thorsten Strauss. „Es wird nicht einfach sein, einen passenden Nachfolger zu finden.“
Investor-Info
Wolfgang Reitzle
Errol Flynn mit Händchen

Wolfgang Reitzle, Linde-Vorstandschef
„Der Paradiesvogel der Autobranche ist bei den Grauköpfen von Linde gelandet“, lästerten Beobachter, als der frühere BMW-Entwicklungschef Wolfgang Reitzle 2002 Linde-Vorstandschef wurde. Der staubtrockene Ingenieurkonzern baute zu dieser Zeit auch noch Gabelstapler, und als Reitzle bei seiner ersten Hauptversammlung auftrat – im edlen Zwirn und mit Errol-Flynn-Bärtchen – wollten Aktionäre von ihm wissen, ob jetzt auch die Gabelstapler windschnittiger werden. Reitzle grinste. Es dauerte nicht lang, bis Kritiker und Spötter verstummten. Der Maschinenbau-Ingenieur verkaufte den Gabelstaplerbereich, verlegte die Konzernzentrale von Wiesbaden nach München und fokussierte das Unternehmen auf die heutigen Kernbereiche Gase und Anlagenbau. Medizin und grüne Zukunftstechnologien wie Wasserstoff und Brennstoffzelle kamen als neue Geschäftsfelder hinzu. Durch die Übernahme des britischen Wettbewerbers BOC im Jahr 2006 war die Verschuldung vorübergehend auf knapp 13 Milliarden Euro hochgeschnellt. Reitzle konnte sie inzwischen auf fünf Milliarden Euro reduzieren. Das 2009 aufgelegte Effizienzprogramm HPO läuft in diesem Herbst aus und wird am Ende zu Einsparungen von knapp 800 Millionen Euro führen. Ein Nachfolgeprogramm wird gerade entwickelt. Eines der wichtigsten Ziele könnte hier die konzernweite Vereinheitlichung der Informationstechnik auf ein SAP-System sein.
Linde
Stabiles Wachstum
Das Wachstumspotenzial im Gasegeschäft ist relativ risikoarm, auch wegen der globalen Aufstellung. Im zweiten Unternehmensbereich, Anlagenbau, nimmt die Ertragsqualität weiter zu. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 15 ist Linde nicht gerade billig. Angesichts der guten Perspektiven ist die Bewertung dennoch akzeptabel. Spekulationen über eine Kapitalerhöhung zur Finanzierung von Übernahmen haben den Kurs zuletzt gedrückt. Wir glauben an die langfristigen Wachstumsperspektiven des Unternehmens. Die jüngsten Kursrückgänge sind deshalb eine gute Kaufgelegenheit.
Air Liquide
Noch Marktführer bei Gasen
Air Liquide ist mit einem Marktanteil von 24 Prozent weltweit größter Anbieter von Industrie- und Spezialgasen, knapp vor Linde mit 22 Prozent. Das integrierte Geschäftsmodell ist hinsichtlich der Aufstellung jedoch nicht völlig vergleichbar mit Linde, da hier die Anlagenbausparte fehlt. Air Liquide hat im ersten Quartal ein Umsatzplus von sieben Prozent auf 3,8 Millionen Euro verbucht. Positiv ist die geringe Zyklizität zu sehen. An der Börse ist der französische Konzern allerdings schon ziemlich anspruchsvoll bewertet. Deshalb nur Halteposition.