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24.01.2012 16:29

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Siemens-Hauptversammlung: Pfeifkonzert der Aktionäre

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Siemens: Aktionäre pfeifen Vorstand und Aufsichtsrat aus
Windkraft-Baustellen in der Nordsee lassen Gewinn der Energiesparte sinken. Finanzchef Joe Kaeser räumt Fehler ein. Industriesektor ist jetzt der Hoffnungsträger.



Von Stephan Bauer, Euro am Sonntag

München. Mit einem Pfeifkonzert haben Siemens-Aktionäre heute Vorstand und Aufsichtsrat des größten deutschen Industriekonzerns empfangen. Anlass waren allerdings nicht die vergleichsweise schlechten Quartalszahlen, die der DAX-Konzern am Dienstag vor Beginn der Veranstaltung vorgelegt hatte. Viele der rund 8800 Anteilseigner reagierten vielmehr aufgebracht auf ein Begrüßungsvideo, das in Rockkonzert-Lautstärke in der Münchner Olympiahalle präsentiert wurde. Mit wütenden „Leiser“-Rufen kämpften einige der meist älteren Anteilseigner noch gegen den ohrenbetäubenden Lärm an – Verursacher neben der Rockgruppe Queen unter anderem ein überlebensgroßer Vorstandschef Peter Löscher mit donnernder Botschaft: „Wachstum, Wachstum“ – da war schon längst klar, dass die Entwicklung des Konzerns zumindest in den drei Monaten bis Ende Dezember eher kleinlaut ausgefallen ist.


Siemens zehrte im ersten Viertel des Geschäftsjahres vom dicken Auftragspolster von rund 100 Milliarden Euro, schaffte aber dennoch bloß eine kleine Umsatzsteigerung um zwei Prozent auf 17,9 Milliarden Euro.

Der Auftragseingang war allerdings um fünf Prozent geschrumpft. „Die Unsicherheiten der anhaltenden Schuldenkrise haben auch in der Realwirtschaft Spuren hinterlassen. Auch wenn in der zweiten Jahreshälfte eine Erholung erwartet wird, müssen wir hart arbeiten, um unsere Ziele zu erreichen“, sagte Löscher.
Sechs Milliarden Euro operativen Gewinn will der Vorstandschef in der Periode bis Ende September schaffen und zudem einen moderaten Umsatzanstieg von drei bis fünf Prozent – wobei nach dem schwierigen Jahresauftakt wohl eher das untere Ende der Spanne relevant sein dürfte.

Offshore-Stromleitungen: Gewinne vom Winde verweht

Hausgemachte Probleme führten dazu, dass der Gewinn der Münchner mit 1,46 Milliarden Euro um beinahe 300 Millionen Euro hinter dem Vorjahresquartal zurück blieb. In der Energieübertragungssparte entstand eine überraschend hohe Belastung von über 200 Millionen Euro. Der Grund: Verzögerungen bei der Anbindung von vier Offshore-Windparks in der Nordsee an das Stromnetz auf dem Festland. Man habe hier mit Projektlaufzeiten von um die 30 Monaten gerechnet, jetzt stelle man sich auf eine Dauer bis zur Fertigstellung von teils länger als 45 Monaten ein, hieß es. Die Gründe sieht Siemens auch im komplexen regulatorischen Rahmenbedingungen, sprich, in sehr langwierigen Genehmigungsverfahren. Die Energieübertragungssparte, sonst ein stabiler Gewinnbringer, rutschte mit 145 Millionen Euro tief in die Verlustzone.

Finanzchef Joe Kaeser räumte dabei auch eigene Fehler ein. So habe sich Siemens bei der Projektierung etwa eines externen Dienstleisters bedient. Kaeser rechnet mit vorerst dauerhaften finanziellen Folgen für den Konzern. „Die Gewinnmarge aus dem Auftragsvolumen von insgesamt 1,6 Milliarden Euro wird stark belastet. Wir fahren hier quasi auf Null herunter“, sagte Kaeser am Rande der Veranstaltung gegenüber Euro am Sonntag.


Auch die Sparte Erneuerbare Energien fuhr Verluste ein. Im Windkraft- und Solargeschäft führten höhere Entwicklungs- und Vertriebskosten und starker Preisdruck zu einem Quartalsverlust von knapp 50 Millionen Euro. Insgesamt sank der Gewinn des Energiesektors, im abgelaufenen Geschäftsjahr noch mit Abstand der größte Gewinnbringer im Konzern, gegenüber dem Vorjahresquartal um über ein Drittel auf 481 Millionen Euro.

Während dem Energiebereich auch beim Auftragseingang mit einem Minus von elf Prozent die Puste ausging, schlägt sich der Industriebereich von Siemens überraschend gut. Trotz Abkühlung der Weltwirtschaft läuft vor allem die Automatisierungstechnik noch rund. Siemens verbuchte im gewöhnlich schnell auf konjunkturelle Flauten reagierenden Geschäft ein hohes Auftragsplus von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Selbst in den südeuropäischen Märkten spüren wir keine Anzeichen einer Abschwächung. Ein breiter Einbruch, wie er etwa 2008/09 zu verzeichnen war, ist nicht in Sicht.

Die Lage ist viel besser als in der Krise“, sagte Siegfried Russwurm, Sektorchef Industrie, gegenüber Euro am Sonntag. In Geschäften mit längeren Zyklen von Auftragsvergabe bis zur Fertigstellung, also etwa im Anlagenbau, täten sich jedoch vor allem Mittelständler mit Investitionen inzwischen schwerer. „Hier spürt man eine gewisse Verunsicherung. Teilweise hakt es auch mit der Finanzierung, weil die Banken kritischer bei der Kreditvergabe geworden sind“, sagte Russwurm. Auch im Industriesektor sank der Quartalsgewinn um 13 Prozent auf 556 Millionen Euro.

Zum Leidwesen von Vorstandschef Löscher konnte auch der neueste Siemens-Bereich Infrastruktur & Städte nicht glänzen. Das Geschäft, das unter anderem die Bürgermeister weltweiter Großstädte als Kunden adressieren soll, wurde im Quartal durch Belastungen in der Verkehrstechnik-Sparte zurück geworfen. Durch Probleme mit einem Zulieferer entstanden dem Vernehmen nach Auslieferungsverzögerungen bei bestellten Zügen in Deutschland, die zu Kosten in Höhe von 69 Millionen Euro führten. Der Gewinn des Sektors sank um mehr als ein Drittel auf 200 Millionen Euro.

Demgegenüber steht die Medizintechnik gut da. Zwar wurden im Vorfeld spekuliert, in der Sparte könnten die Belastungen durch den Ausstieg aus der Partikeltherapie, einer Krebsbehandlungsform, womöglich stärker zu Buche schlagen, als bekannt. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Medizintechnik hielt sich mit lediglich vier Prozent Gewinnschwund auf 364 Millionen Euro vergleichsweise wacker.

Vorstandschef Löscher warb bei Aktionären auch angesichts des vermasselten Jahresauftakts um Vertrauen. „Eine Investition in Siemens ist sicher und attraktiv – vor allem für langfristig orientierte Anleger“. Angesichts eines bis dahin verzeichneten Tagesminus der Aktie von fast vier Prozent lag die Betonung dabei eindeutig auf dem zweiten Halbsatz. „Sie müssen es jetzt richten“, hatte Löscher zuvor im Vorbeigehen noch seinem Industriechef Siegfried Russwurm zugeraunt. Im Lärm der kraftstrotzenden Videobotschaft gingen diese leiseren Töne allerdings unter.

Bildquellen: Siemens press picture

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