von Norbert Hofmann, Euro
Wolfgang Reitzle liebt den Erfolg. Da wird es ihm gefallen haben, dass ihn der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger gerade mit der „Goldenen Victoria“ als Unternehmer des Jahres geehrt hat. Zukunftsweisendes und nachhaltiges Denken attestierte die Jury dem Linde-Chef, der zudem weltweit für den wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands stehe.
Und dann durfte der selbstbewusste Manager am Allerseelentag dieses Jahres auch noch die passenden Zahlen zu den Lorbeeren servieren. Die Linde-Group, so die Botschaft des immer adrett gekleideten Managers, wird das operative Konzernergebnis in diesem Jahr nicht nur signifikant verbessern. „Wir rechnen nun damit, auch den Gewinn von 2,5 Milliarden Euro aus dem Rekordjahr 2008 zu übertreffen“, verkündete Reitzle. Noch im Krisenjahr 2009 war das einst anvisierte Gewinnziel von drei Milliarden Euro bis auf Weiteres verschoben worden. Dass es nun wieder in greifbare Nähe gerückt ist, haben die Aktienmärkte bereits im Oktober honoriert und den Kurs der Linde-Aktie erstmals in dreistellige Regionen befördert.
Den Treibstoff für das Comeback hat die schnelle Erholung der Weltkonjunktur geliefert, die für steigende Nachfrage nach Lindes Industriegasen aus Schlüsselsektoren wie der Chemie-, Stahl- und Autoindustrie sorgt. Doch Reitzle wäre nicht Reitzle, würde er nicht auch die eigenen Verdienste betonen: „Das Geschäftsmodell steht, wir sind global präsent und in den aufstrebenden Schwellenländern sehr gut aufgestellt.“
Marktführer in China
Seitdem er Linde zu einem globalen Marktführer getrimmt hat, darf sich der 61-Jährige, der zuvor als Automanager unter anderem bei BMW und Rover tätig war, wieder voll auf Kurs fühlen. Eine der entscheidenden Weichen hat er vor fünf Jahren mit der Übernahme des britischen Industriegaseanbieters BOC gestellt, dessen starke Präsenz in Asien heute Gold wert ist. In China ist Linde jetzt mit einem Marktanteil von zehn Prozent der stärkste Anbieter. Mit dem Verkauf der Kältetechnik- und Gabelstaplersparten hat Reitzle zudem gleich zu Beginn seiner Amtszeit, die im Jahr 2002 begann, den Schritt vom Mischkonzern zum reinrassigen Gaseanbieter vollzogen.
Im sogenannten On-Site-Geschäft, bei dem man die Großkunden über direkt vor Ort installierte Anlagen mit Industriegasen versorgt, hat Linde in diesem Jahr die stärksten Wachstumsraten erzielt. Die mit neuen Projekten gut gefüllte Pipeline verspricht zudem weiterhin gute Geschäfte. Doch der Gesamtmarkt für Industriegase ist trotz der jüngsten Wachstumsschübe vom Vorkrisenniveau noch ein gutes Stück entfernt. Vor allem das Segment der kleineren Firmenkunden, die ihr Gas in Zylinderflaschen beziehen, gilt als spätzyklisch. Hier könnten die Umsätze weiter anziehen, wenn sich die Konjunkturerholung in Branchen wie der Bauindustrie oder bei den Reedereien noch deutlicher niederschlägt. „In Europa erzielt Linde rund 40 Prozent seiner Umsätze aus dem Zylindergeschäft, und da ist das Erholungspotenzial noch längst nicht ausgeschöpft“, sagt Markus Mayer, Aktienanalyst bei der Großbank Unicredit.
Das könnte auch für die Aktie gelten. Mayer verweist darauf, dass Linde im Vergleich zu Rivalen wie Air Liquide, Air Products und Praxair noch unterbewertet ist. Zusätzliches Anlegerinteresse könnte die zu erwartende Dividendenerhöhung bringen. „Unser Ziel ist es stets, die Dividendenpolitik mit der operativen Performance in Einklang zu bringen“, sagt Reitzle. Sowohl für das Dividendenpapier selbst als auch für offensive Zertifikate auf die Aktie (siehe Tabelle) bildet diese Perspektive den Treibsatz für steigende Kurse.