Der Weise mit dem Löwenherz (EuramS)
Jahrelang hielt er still – jetzt ist Warren Buffett auf Einkaufstour. 28 Milliarden
Dollar hat er in diesem Jahr schon investiert.
von Günter Heismann
War er erst sieben Jahre alt? Oder doch bereits zehn? So genau weiß es Warren Buffett nicht mehr, wann sein Vater, ein Börsenmakler, ihn zum ersten Mal mitgenommen hat zu Goldman Sachs, der hochmögenden Investmentbank an der Wall Street. "Die haben mich behandelt wie einen Erwachsenen", erinnert sich Buffett, heute 78. Fortan war der Junge fasziniert von der geheimnisvollen Welt des Geldes.
Es dauerte nicht lang, bis der kleine Warren selbst an der Börse aktiv wurde – bereits mit elf kaufte er seine ersten drei Aktien. Mitte 20 war er so erfolgreich, dass er von Sidney Weinberg persönlich hofiert wurde, damals Chef von Goldman Sachs. Als Lloyd Blankfein 2003 Präsident des Finanzinstituts wurde, stattete er dem legendären Investor aus Omaha im US-Bundesstaat Nebraska unverzüglich einen Antrittsbesuch ab. Längst war Buffett da einer der reichsten Männer der Welt – sein Vermögen wird heute auf rund 60 Milliarden Dollar geschätzt.
Die Kontaktpflege hat sich für Goldman Sachs gelohnt. Unlängst eilte Buffett der angeschlagenen Investmentbank zu Hilfe. Für rund fünf Milliarden Dollar kaufte er Vorzugsaktien von Goldman Sachs. Obendrein erhält Buffett Bezugsrechte auf Stammaktien im Wert von ebenfalls fünf Milliarden. Nimmt er die Option wahr, wäre er mit sieben Prozent einer der größten Aktionäre von Goldman Sachs.
"Die amerikanische Wirtschaft hat einen Herzinfarkt erlitten und liegt flach auf dem Boden", stellt Buffett fest. Kann er den amerikanischen Patienten kurieren und die Sorgen der Investoren zerstreuen? Neben Goldman Sachs hilft er einer weiteren Ikone der US-Wirtschaft wieder auf die Beine: Der Mischkonzern General Electric, dessen Finanzsparte unter der Immobilienkrise ächzt, erhält von Buffetts Investmentfirma Berkshire Hathaway eine Kapitalspritze von drei Milliarden Dollar. Zudem will die kalifornische Bank Wells Fargo für knapp 15 Milliarden den maladen Konkurrenten Wachovia kaufen – größter Wells-Fargo-Aktionär ist Buffett. Darüber hinaus könnte er Teile des bankrotten Versicherungskonzerns AIG übernehmen, deutet er an.
Die Wall Street jubelt. "Wenn der erfolgreichste Anleger der Welt wichtige Positionen in Firmen wie General Electric und Goldman Sachs einnimmt, werden nicht nur in diesen Unternehmen, sondern im gesamten System Vertrauenssignale ausgesandt", schwärmt Matt Kaufler, Portfoliomanager beim Finanzinstitut Touchstone Value. Ganz ähnlich ließ die Ratingagentur Standard & Poor’s verlauten, das Investment von Buffett sei eine "positive Entwicklung" für die Bewertung von GE.
Wirtschaftshistoriker fühlen sich an die Rettungsaktion erinnert, die Bankier John P. Morgan und Ölmagnat John D. Rockefeller vor einem Jahrhundert einleiteten. 1907 war die US-Wirtschaft ebenfalls in eine schwere Krise geraten, an den Börsen herrschte Panik. Morgan und Rockefeller gelang es, mit all ihren Milliarden die taumelnden Banken zu retten. "Buffetts Rolle in der heutigen Krise ist durchaus mit jener vergleichbar, die wohlhabende Banker und Industrielle in früheren Krisen gespielt haben", meint Robert Bruner, Professor an der Universität von Virginia und Experte für die Panik von 1907.
So weise, reich und tatendurstig das "Orakel aus Omaha" sein mag – er allein wird schwerlich die Wall Street retten. Dazu sind die Probleme zu groß. Die Verantwortlichen täten gut daran, zuweilen auf Buffetts Rat zu hören. Schon vor Jahren warnte er vor der hohen Verschuldung der Finanzinstitute und den Derivaten, deren Risiken schlicht nicht abzuschätzen seien. "Das sind finanzielle Massenvernichtungswaffen", stellte Buffett bereits 2002 fest.
"Man sollte Angst haben, wenn die Leute gierig werden, und gierig sein, wenn die Leute Angst bekommen", lautet ein anderer seiner Kernsätze. Getreu diesem Motto hielt sich Buffett zurück, als Ende der 90er-Jahre der Run auf Technologieaktien einsetzte. Er behielt recht, als dann die Blase platzte.
Statt blind dem neuesten Trend zu folgen, sucht der Weise aus der Prärie lieber beharrlich nach echten Schnäppchen. Er investiert nur in Firmen, die klar unterbewertet sind – wo der innere Wert der Aktie größer ist als der Börsenkurs. "Wir denken langfristig, und da ist es egal, wie hoch die Zinsen oder das Wachstum sind", sagt Buffet. "Entscheidend ist, ob die Firma gut ist – jetzt und in den nächsten 100 Jahren."
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