von Sven Parplies, €uro am Sonntag
Deutschlands Topmanager profitieren stärker als bislang wahrgenommen von den Gewinnsteigerungen der Unternehmen. Eine Untersuchung dieser Zeitung zeigt, dass mindestens sieben Vorstandsvorsitzende von DAX-Unternehmen durch Nebenjobs in externen Aufsichtsräten im vergangenen Jahr sechsstellige Beträge verdienten.
Allein durch Aufsichtsratsmandate bei anderen DAX-Unternehmen kassierten Vorstandsvorsitzende nach Berechnung von €uro am Sonntag im vergangenen Jahr insgesamt annähernd zwei Millionen Euro. Die Dunkelziffer ist groß, da etliche Topmanager auch bei nicht börsennotierten Unternehmen, die Vergütungen nicht offenlegen müssen, Nebenjobs haben.
Schon ein einziger Posten kann für sechsstellige Einkünfte reichen: Merck-Chef Karl-Ludwig Kley verdiente als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von BMW im vergangenen Jahr 340.000 Euro. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Vergütung für diesen Posten um 76 Prozent, vor allem dank der deutlichen Gewinnsteigerung des Automobilherstellers. Wolfgang Reitzle von Linde wurde für seine Aufgabe als Aufsichtsratsvorsitzender bei Continental mit 188.000 Euro entlohnt, 77 Prozent mehr als im Vorjahr. BMW-Chef Norbert Reithofer sitzt seit April vergangenen Jahres im Aufsichtsrat von Henkel und wurde mit 145.000 Euro vergütet.
Auch Volkswagen-Chef Martin Winterkorn — mit 17,5 Millionen Euro im Hauptberuf der bestbezahlte Manager in der Geschichte des DAX — hatte Zeit für Nebenbeschäftigungen. Als Aufsichtsrat von Salzgitter wurden ihm vergangenes Jahr 40.500 Euro gutgeschrieben. Das waren allerdings 2.100 Euro weniger als im Vorjahr.
Kritik von Aktionärsschützern
Aktionärsschützer kritisieren weniger die Höhe der Vergütung als vielmehr die Häufung der Mandate. Zwei Drittel der DAX-Chefs jobben neben ihrem Hauptberuf zusätzlich bei einem externen Unternehmen als Aufsichtsrat. Die Hälfte davon hat mindestens zwei zusätzliche Mandate. „Die Ansprüche an einen Aufsichtsrat sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Der Trend geht deshalb ganz klar zum hauptamtlichen Aufsichtsrat. Vorstandsvorsitzende, die zusätzlich noch in mehreren solcher Kontrollgremien sitzen, sind aus Sicht der Aktionäre nicht wünschenswert“, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
Viele und anspruchsvolle Ämter besetzt Michael Diekmann. Der studierte Rechtswissenschaftler und Philosoph ist hauptberuflich Vorstandsvorsitzender bei der Allianz, einem Konzern mit 140.000 Mitarbeitern und über 100 Milliarden Euro Jahresumsatz. Zusätzlich sitzt Diekmann bei drei DAX-Konzernen im Aufsichtsrat: Bei BASF und Linde als stellvertretender Vorsitzender, bei Siemens als einfaches Mitglied. Diese drei Jobs brachten 2011 Einkünfte von 625.000 Euro.
Und viel Arbeit. Die Aufsichtsräte von BASF, Linde und Siemens hielten im Vorjahr 17 große Sitzungen ab. Unter der Annahme, dass jede Zusammenkunft einen Tag und einen weiteren zur Vorbereitung in Anspruch nimmt, würde das einer Belastung von 34 Arbeitstagen entsprechen. Diekmanns Hauptarbeitgeber sieht das nicht als Problem: „Die Allianz-Gruppe investiert für ihre Kunden erheblich im Aktienbereich und daher liegt es nahe, dass unser Unternehmen die Sicht der Anteilseigner im Aufsichtsrat von ausgewählten Unternehmen mit vertritt“, heißt es aus der Münchner Konzernzentrale.
Aktionärsschützer Kurz sieht die Mehrfachbelastungen vor allem in Krisenzeiten als Gefahrenquelle: „Wenn es in einem Unternehmen Probleme gibt, steigt der Arbeitsaufwand für die Kontrolleure. Aufsichtsräte mit vielen Ämtern stoßen dann schnell an ihre Belastungsgrenzen.“ Dieser Gedanke setzt sich langsam auch in den Konzernen durch. Bei jedem dritten DAX-Mitglied konzentriert sich der Vorstandsvorsitzende ausschließlich auf seinen Hauptberuf.
Die durchschnittliche Vergütung der Vorstandsvorsitzenden im DAX ist nach Berechnung der Unternehmensberatung Towers Watson 2011 ohne Altersvorsorge und Nebenleistungen um zwölf Prozent auf 4,8 Millionen Euro gestiegen.