von Stephan Bauer, Euro am Sonntag
Es ist mehr als ein Appetithappen. Bei Michel Landel, dem Chef der französischen Sodexo, dürfte es in der Magengegend gehörig kribbeln, wenn er an die bevorstehende Entscheidung in Washington denkt. Der US-Kongress befindet in Kürze über den größten Einzelkontrakt des Caterers, die Verlängerung des Vertrags für das US Marine Corps. Für das zweitgrößte Verpflegungsunternehmen der Welt geht es um insgesamt 1,2 Milliarden Dollar Umsatz bis zum Jahr 2018.
Noch im Januar soll die Entscheidung fallen. Das Projekt sei auf einem guten Weg, heißt es aus Washingtoner Regierungskreisen. Als verdiente Armeeköche haben die Franzosen demnach gute Karten. „Es ist für die Regierung günstiger, den Vertragspartner zu halten. Schwierig wird es nur, wenn irgendwo geschlampt wurde“, sagt Charles Tiefer, Rechtsprofessor und Mitglied der für Dienstleister zuständigen Kommission des US-Kongresses.
Wie leicht verderblich das Geschäft der Franzosen oder auch das des britischen Weltmarktführers Compass sein kann, zeigte sich 2007 in Kalifornien. Damals musste Sodexo 69 Kisten Fleisch wegen Verdachts auf Bakterienkontamination zurückrufen. Die bereits an die US-Streitkräfte im Stützpunkt Camp Pendleton ausgelieferte Ware konnte noch rechtzeitig abgefangen werden. Keiner der Soldaten erkrankte.
Glück gehabt. Denn die Elitesoldaten der US-Army sind schon aufgrund der schieren Größe des Deals die wichtigsten Gäste Sodexos in den Staaten. Nicht weniger bedeutend ist es für Landels Truppe, die Marines überhaupt auf der Kundenliste zu haben. Die Anforderungen der Elitetruppe sind bekanntermaßen hoch – der Schutz des Vaterlandes darf schließlich nicht an einer Magenverstimmung scheitern. Mit dieser Referenz im Kochgeschirr lassen sich potenzielle Klienten leichter überzeugen. Auch dank der US-Connection gelang es der weltweiten Nummer 2, im abgelaufenen Geschäftsjahr (Ende August) acht Prozent mehr Aufträge an Land zu ziehen.
Nach jüngsten Daten setzte sich der Trend fort. Das Umsatzwachstum beschleunigte wegen des gut gefüllten Ordertopfs bis November in den zweistelligen Bereich. Marktführer Compass registriert ebenfalls anziehende Geschäfte: Soeben meldete Unternehmenschef Richard Cousins ein Umsatzplus von acht Prozent für das Quartal bis Ende Dezember. Der Gewinn der Briten schoss um rund 13 Prozent in die Höhe.
Die Branche liefert den Beweis dafür, dass Geschäfte mit dem öffentlichen Sektor durchaus lukrativ sein können. Da Universitäten, Schulen oder Krankenhäuser wegen knapper Kassen sparen müssen, trennen sich die Verwaltungen gern von Bereichen, die nicht zu den Kernaufgaben gehören – beispielsweise vom Betrieb der eigenen Kantine.

Caterer trotzten erfolgreich der Wirtschaftskrise
Ein gefundenes Fressen für Caterer. Dank des Outsourcing-Trends bei Behörden verzeichneten die Dienstleister auch in der Wirtschaftskrise einigermaßen gute Geschäfte. Das allerdings hielt viele Auftragsköche nicht davon ab, in den vergangenen Jahren selbst kräftig abzuspecken. Vor allem Compass-Chef Cousins sparte beim Personal und organisierte seine Produktion effizienter. Die Gewinnmargen des Unternehmens stiegen seither kontinuierlich.
Das globale Geschäftsvolumen für die Verköstigung von Belegschaften in Firmen und Verwaltungen ist in der Krise zwar leicht geschrumpft. Laut Schätzungen von Sodexo sind es aber immer noch rund 250 Milliarden Euro pro Jahr. Und mit drei bis vier Prozent stellt sich allmählich wieder Wachstum ein.
Die weltweit in Fahrt kommende Konjunktur verschafft den Konzernen vor allem im Geschäft mit Unternehmen Rückenwind. Und die Rechnung ist recht simpel: Je mehr Mitarbeiter es zu beköstigen gilt, desto mehr Umsatz ist für die Verpfleger drin. „Die Beschäftigung ist der entscheidende Wachstumstreiber“, sagt Lena Thakkar, Analystin bei der Bank of America Merrill Lynch.
Vor allem international präsente Unternehmen profitieren in der stark zersplitterten Branche vom globalen Aufschwung. „Wir glauben, dass sowohl Sodexo als auch Compass künftig besonders starke Zugewinne bei den Neuaufträgen erzielen können“, erklärt Analystin Thakkar.
Die Profiköche kochen überdies – jedenfalls aus Sicht der Investoren – umso leckerer, je mehr Portionen sie über die Theken schieben. Finanzfachleute sprechen hier vom operativen Hebel: Bei Compass etwa steige der Gewinn beim gegenwärtigen Umsatzniveau um über vier Prozent, wenn der Umsatz um ein Prozent zunehme, rechnen die Experten von Merrill Lynch vor. Bei Sodexo sind es demnach sogar mehr als fünf Prozent. Im Klartext: Holen die Konzerne mehr Aufträge rein als erwartet und klettert daraufhin der Umsatz höher als gedacht, gibt es schöne Überraschungen beim Gewinn.
Investoren finden indes weitere Leckereien bei den Dienstleistern. So erzielt etwa Sodexos Voucher-Geschäft hohe Renditen. Das Rezept: Firmen kaufen Essens- beziehungsweise Einkaufsgutscheine als Motivationsanreiz für ihre Angestellten. In vielen Ländern sind diese nicht nur als Draufgabe zum Gehalt bei Mitarbeitern willkommen, sondern auch steuerlich begünstigt. Sodexo wiederum kann bis zur Abrechnung mit den Verbrauchsstellen in aller Ruhe mit dem Geld wirtschaften.
Die Gewinnmargen Sodexos liegen hier über 30 Prozent – und somit weit über denen des Kerngeschäfts. Die Mittelzuflüsse verfeinern überdies die Bilanz. Nach Schätzungen von Merrill Lynch sollen die Franzosen dank des Voucher-Business in zwei Jahren de facto schuldenfrei sein – trotz einer üppigen Einkaufstour in den vergangenen Jahren. Und: Die Finanzstärke schafft Raum für neue Akquisitionen. „Wir suchen kleine, lokale Anbieter“, bekundete Vorstandschef Landel jüngst weiteren Appetit.
Ihre süßen Bons ließ sich im vergangenen Jahr die französische Hotelkette Accor teuer bezahlen: Der Konzern spaltete sein Voucher-Geschäft ab und ging damit Anfang Juli unter dem Firmennamen Edenred an die Börse – mit hoher Bewertung. Der Neuling beeindruckte Anleger bislang gleichwohl mit einer formidablen Kursentwicklung. Wachstum und Gewinnmargen des Spezialisten liegen noch ein gutes Stück über der Vorzeigesparte Sodexos. Zudem konzentriert sich Edenred auf die Emerging Markets und erzielt dort mehr als die Hälfte des Umsatzes. Vor allem in Brasilien erfreuen sich die Gutscheine und Guthabenkarten großer Beliebtheit.

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Risiken gibt es für Voucher-Firmen allerdings auch: Das Geschäft steht und fällt erfahrungsgemäß mit der steuerlichen Einsortierung der Bons. Knappe Staatskassen etwa führten in Argentinien, Ungarn und Rumänien zuletzt dazu, dass Vorteile beschnitten beziehungsweise abgeschafft wurden. Die Signale in einem der größten Märkte, in Deutschland, waren hingegen ermutigend: Die steuerfreien Tagessätze für Verpflegungsgutscheine wurden Anfang November abermals angehoben.In den Schwellenländern haben die Verpflegungsriesen allerdings noch Nachholbedarf. Sodexo verleibte sich zwar jüngst das Cateringbudget des Handyweltmarktführers Nokia in China ein, doch trotz konzernweit höchster Wachstumsraten in den Wachstumsmärkten machen die dortigen Aktivitäten bislang nur 15 Prozent des Konzernumsatzes aus. „Unser Augenmerk liegt auf den Emerging Markets“, bekundete Cousins mit Blick auf die Problemzone vor wenigen Tagen bei der Präsentation der Quartalszahlen. Die jüngsten Auftragsgewinne von Compass zeigen indes, dass es dem Vorstand damit ernst ist: In Brasilien überzeugten die Briten Johnson & Johnson, in Südafrika Microsoft von ihren Diensten. Mit 18 Prozent Umsatzanteil kann Cousins hier durchaus noch Gas geben.Auch wenn die Briten hier knapp die Nase vorn haben: Was die Verbindungen zum US-Militär angeht, sind ihnen die Franzosen meilenweit voraus. Für den Marines-Deal hat sich Compass erst gar nicht beworben. Doch auch Sodexo-Chef Landel hat bereits eine Verteidigungslinie aufgebaut – nur für den Fall, dass man doch scheitern sollte. „Kein Auftrag steht für mehr als zwei Prozent Umsatz“, beruhigte er jüngst Investoren. Sein Appetit auf den Happen dürfte gleichwohl ziemlich groß sein.
Investor-Info
Die Marktführer
Kochduell mit Megazahlen
Die größten Caterer weltweit trumpfen mit Superlativen auf: Die britische Compass rühmt sich, jährlich rund vier Milliarden Mahlzeiten auszugeben. Sodexo verköstigt etwa 50 Millionen Kunden täglich. Beide Konzerne gehören nach Anzahl der Mitarbeiter zu den größten der Welt. Weltmarktführer Compass kann jedoch höhere Umsätze und größere Gewinne vorweisen als die Nummer 2.
Sodexo
Attraktive Rezeptur
Die Franzosen erwirtschaften mehr als die Hälfte des Umsatzes mit öffentlichen Auftraggebern. Das macht den Konzern unabhänger von Konjunkturzyklen, das Geschäft profitiert vom anhaltenden Outsourcing-Trend und hat einen hohen operativen Hebel. Sodexo betreibt zudem eine hochprofitable Voucher-Sparte, die mit fünf Prozent Umsatzanteil 28 Prozent zum operativen Konzerngewinn beisteuert. Das Gewinnplus soll 2011 laut Schätzungen knapp 15 Prozent betragen. Topaktie.
Compass
Starke Nummer 1
Der Weltmarktführer konzentriert sich auf das Kerngeschäft Catering und andere Dienstleistungen – vor allem für Unternehmenskunden. Rund 50 Prozent des Geschäfts sind konjunktursensibel, das bringt Aufschwungfantasie. Vorstandschef Richard Cousins hat die Kosten stark gesenkt, die Gewinnmargen steigen. Analysten rechnen für 2011 mit rund 13 Prozent Gewinnwachstum. Kein Voucher-Business. Dennoch kaufenswert.
Edenred
Teurer Spezialist
Die Gewinnmargen der weitestgehend auf das Voucher-Geschäft spezialisierten Abspaltung des Hotelkonzerns Accor sind mit über 35 Prozent extrem hoch. Das Gewinnwachstum ist aber nicht größer als das von Sodexo. Angesichts dessen ist die Aktie recht teuer – zumal die Fokussierung auch höhere Risiken mit sich bringt und der operative Hebel nicht stark ausgeprägt ist.
Bildquellen: Thinkstock, McDonalds