02.12.2012 18:20

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Entlassungen in Zeitungen ohne Beispiel - Ex-FR-Chef: Erst der Anfang


    NÜRNBERG/BERLIN (dpa-AFX) - Die deutsche Presselandschaft erlebt nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit in diesem Herbst die größte Entlassungswelle seit Bestehen der Bundesrepublik. "Vorher sind mal einzelne Redaktionen insolvent gegangen. Aber das war nie die Größenordnung, die heute erreicht wird, wo wir mehrere Redaktionen haben, die viele Menschen freisetzen", sagte eine Sprecherin der Bundesagentur in Nürnberg auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

 

    Der frühere Chefredakteur der schwer angeschlagenen "Frankfurter Rundschau", Uwe Vorkötter, sieht in den Massenentlassungen den Beginn einer Pleitewelle. Der Chefredakteur des "SZ-Magazins", Timm Klotzek, befürchtet, dass die Krise Medienmachern den Mut zu Innovationen nehmen kann. "Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, sagt natürlich niemand: Ach, wie interessant, da kommt eine Welle, vielleicht versuchen wir mal darauf zu reiten", sagte Klotzek in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Sein Magazin fühle sich nicht bedroht und habe viel mehr Spielraum.

 

    Verlage hatten wegen gesunkener Erlöse auf dem Print-Anzeigenmarkt zuletzt Schließungen, den Abbau von Arbeitsplätzen oder Umstrukturierungen angekündigt. Insgesamt sind Hunderte Arbeitsplätze betroffen. Die Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" erscheint am nächsten Freitag zum letzten Mal. Die "Frankfurter Rundschau" hatte vor rund zwei Wochen Insolvenz angemeldet. Schon Ende September war die "Abendzeitung Nürnberg" nach 93 Jahren eingestellt worden.

 

    Eine Studie der Universität Hamburg hat im Jahr 2005 gut 48.000 hauptberufliche Journalisten in Deutschland gezählt.

 

    Allein die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" bedroht fast 500 Arbeitsplätze. Bei den Gruner + Jahr-Wirtschaftsmedien, zu denen die "FTD" gehört, stehen mehr als 300 betroffene Mitarbeiter vor einer ungewissen Zukunft. Der "Berliner Verlag" ("Berliner Kurier", "Berliner Zeitung") sieht sich nach eigenen Worten zu der Einsparung von mindestens 40 Stellen gezwungen. Bei der Nürnberger "Abendzeitung" wurden 35 Mitarbeiter arbeitslos.

 

    "Die Krise, die seit Jahren beschworen wird, hat ihre ersten beiden prominenten Opfer gefordert. Es werden nicht die letzten sein", schreibt der frühere "FR"-Chefredakteur Vorkötter in einem Gastbeitrag für das "medium magazin" (Ausgabe 12/2012) mit Blick auf "FR" und "FTD". "Die Insolvenz des einen und das Aus für das andere Blatt sind Menetekel." Er warnte die Branche zudem vor weiteren Sparrunden ohne Konzepte für den digitalen Wettbewerb. "Bleibt im Prinzip alles, wie es ist, und man spart einfach auf der Kostenseite den sinkenden Erlösen hinterher? Dann werden bald auch die Starken schwach." Vorkötter (58) hatte bis zum Juni dieses Jahres die "FR" und das Schwesterblatt "Berliner Zeitung" mit geleitet.

 

    "Es ist ein schwieriger Markt im Augenblick", sagte die Sprecherin der Bundesagentur zu den Aussichten für Entlassene. "Die Chancen, dass gerade die Kollegen aus dem Printbereich auch wieder im Printbereich unterkommen, sind nicht wahnsinnig gut." Es gebe Alternativen im Online-Bereich oder in der Unternehmenskommunikation.

 

    "Es wird aber sicher für viele schwierig werden, wieder im Journalismus unterzukommen", erklärte die Sprecherin. "Man kann auch schauen, sich mit freiberuflicher Tätigkeit selbstständig zu machen, aber da braucht man sehr viel Durchhaltevermögen." Die Arbeitsagenturen setzten bei arbeitslosen Journalisten vor allem auf Eigeninitiative, die Agentur könne weniger vermittelnd als beratend tätig werden./eri/DP/he

 

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