Thomas Blunck, Gastautor von Euro am Sonntag
Zum ersten Geburtstag der Energiewende häuften sich negative Schlagzeilen: Fotovoltaikhersteller melden Insolvenz an, obwohl diese Technologie stark subventioniert wird. Von den zehn Gigawatt Leistung aus Windparks, die in der deutschen See bis 2020 installiert werden sollen, sind nicht einmal 0,3 GW am Netz. Technologiehersteller und Finanzierer schreiben dreistellige Millionenbeträge ab und der erforderliche Netzausbau hinkt hinterher. Es scheint, als sollte die Energiewende alles zugleich bewirken: schadstoffarmen, kostengünstigen Strom, ohne Atomkraft, erzeugt am besten vor Ort und mithilfe heimischer Technologie — sofern die Anlagen nicht vor der eigenen Haustür stehen. So sind wir dabei, das Projekt zu überfrachten.
Es ist an der Zeit, dass wir die Maßnahmen der Energiepolitik hinterfragen und ausrichten auf das, worauf es wirklich ankommt: nämlich, dass wir das Wirtschaftswachstum von der Verbrennung fossiler Energieträger entkoppeln, um angesichts vermutlich dauerhaft steigender Preise für Öl und Gas die
Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts zu sichern. Damit tragen wir auch entscheidend zum Kampf gegen die Erderwärmung bei. Deshalb stellt der Umbau der Energieversorgung auf erneuerbare Träger unter Gewährleistung von Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähigen Preisen eine der herausragenden Aufgaben dieses Jahrhunderts dar.
Dass der Staat erneuerbare Energien zunächst fördern muss, ist unstrittig, sie sind häufig noch nicht konkurrenzfähig. Doch der größte Hebel bleibt der Markt: Wettbewerb, Skaleneffekte, ein funktionierender Emissionshandel sowie technischer Fortschritt werden die Technologien weiter verbilligen. Deshalb sollten Subventionen nach einem streng ökonomischen Ansatz gestaltet werden und die rasche Marktfähigkeit einer Technologie zum Ziel haben. Zudem wirken Förderinstrumente nur, wenn sie langfristig verlässlich sind und nicht kurzfristig verändert werden, womöglich je nach Kassenlage.
Weitere Unsicherheit kommt daher, dass neue Technologien neue technische Risiken mit sich bringen: Liefern die Anlagen die prognostizierten Strommengen? Bläst der Wind wie prognostiziert? Die Versicherungswirtschaft kann Investoren wie Herstellern solche Risiken abnehmen und damit Investitionen in Erneuerbare befördern. Deshalb hat Munich Re eine Reihe innovativer Deckungen entwickelt, etwa für die vorzeitige Degradation von Fotovoltaikmodulen oder die Nicht-Fündigkeit bei Geothermiebohrungen. Für Offshorewindparks stehen wir mit einer Versicherung des Serienschadenrisikos von Turbinen kurz vor der Marktreife. Eine Deckung der Verzögerung von Reparaturen, weil Schiffe wegen schlechten Wetters nicht einsatzfähig sind, ist in Arbeit.
Versicherungen reduzieren
die Risiken für Investoren
An der Versicherungswirtschaft wird es auch liegen, die sich abzeichnende Risikobündelung bei schweren Stürmen aus dem Weg zu räumen. Die investierten Werte in Nord- und Ostsee, die von einem extremen Wintersturm betroffen sein können, dürften sich bis 2020 auf rund 100 Milliarden Euro summieren. Das Schadenpotenzial daraus addiert sich zum Wintersturmrisiko, das bereits an Land versichert ist — einem der weltweit größten Szenarien für Naturgefahren. Wir benötigen also neue, kapitalstarke Risikotransferlösungen und adäquate Preise, damit die Investitionen versicherbar bleiben.
Wenn die Risikosituation stimmt, sind Investitionen in erneuerbare Energien auch im großen Maßstab attraktiv. Munich Re hat bereits mehr als eine halbe Milliarde Euro in Wind- und Solarparks sowie in ein Hochspannungsnetz investiert, weitere knapp zwei Milliarden in erneuerbare Energien und bis zu 1,5 Milliarden Euro in Infrastruktur werden folgen. Betrachtet man alle deutschen Versicherer, sind enorme Beiträge möglich: So würde ein Prozent ihrer Kapitalanlagen nahezu ausreichen, um den Netzanschluss der deutschen Offshorewindparks zu finanzieren. Das ist zwar nur ein theoretisches Rechenbeispiel, da Versicherungen gezwungen sind, ihre Anlagen breit zu streuen. Es zeigt aber, was machbar ist, wenn man den Energiewandel als Jahrhundertaufgabe begreift.
Für Kleinstaaterei allerdings ist die Aufgabe viel zu groß. Leider verschwenden wir Steuergeld, wenn wir Solarstrom von deutschen Scheunendächern auf Dauer mit Milliarden subventionieren, für jeden investierten Euro in Südspanien aber doppelt so viel Energie ernten könnten. Und es trägt wenig zur gesellschaftlichen Akzeptanz bei, wenn in deutschen Kommunen um die letzten Windstandorte gerungen wird, aber an der französischen oder der griechischen Küste trotz exzellenter Bedingungen bisher kaum Windräder stehen. Ich verstehe auch nicht, wieso der Personen-, der Waren-, der Dienstleistungs- und der Kapitalverkehr in der EU frei von jeder Beschränkung, die Stromübertragungskapazität zwischen den Ländern aber oft politisch gewollt begrenzt ist.
Wenn wir von den fossilen Energieträgern loskommen wollen, benötigen wir eine europäische Energiepolitik. Das heißt, erstens die Öffnung der Strommärkte, zweitens einen europäischen Fördermechanismus und drittens ein leistungsstarkes paneuropäisches Hochspannungsnetz. Sobald diese Voraussetzungen gegeben sind, werden die Investitionen dorthin fließen, wo sie geografisch und ökonomisch am sinnvollsten sind, sodass sich effiziente Standorte und Technologien durchsetzen und Fehlallokationen vermieden werden. Daher brauchen wir mehr Projekte wie das Wüstenstromprojekt Desertec! Könnte Norwegen nicht zum Akku Europas werden? Und Frankreichs, Englands und Irlands Atlantikküsten zum Generator von Windstrom? Wenn wir Mut zu Großem aufbringen, werden wir sehen, dass die Vielfalt des Kontinents für den Energieumbau einen unschätzbaren Standortvorteil darstellt, um letztlich eine sichere, klimafreundliche, ökonomisch sinnvolle und gesellschaftlich akzeptierte Energieversorgung zu schaffen.
zur Person:
Thomas Blunck
Vorstandsmitglied bei Munich Re
Der promovierte Betriebswirt startete seine Karriere 1999 bei der Münchener Rück AG. Seit 2005 ist er Mitglied des Vorstands und trägt die Verantwortung für die Bereiche Special and
Financial Risks, Reinsurance Investments und Central Procurement.
Munich Re ist einer der weltweit führenden Rückversicherer. Eines der wichtigsten Geschäftsfelder ist die Versicherung von Naturgefahren. Munich Re ist auch Vorreiter bei Versicherungslösungen für spezielle Risiken erneuerbarer Energien. Daneben wird Munich Re in den kommenden Jahren bis zu 2,5 Milliarden Euro in Projekte erneuerbarer Energien investieren und ist einer der Initiatoren des Wüstenstromprojekts Desertec.
Bildquellen: E.ON AG