von Martin Richenhagen, Gastautor
Es ist Mode geworden, den Anstieg der Lebensmittelpreise allein den Investoren auf den Kapitalmärkten zuzuschreiben. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat den Kampf gegen die Spekulanten bereits zum zentralen Thema seiner G 20-Präsidentschaft erhoben. Die Spekulanten zum Sündenbock zu machen verhindert aber eine Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft. Und die ist bitter nötig.
Jede Sekunde wächst die Weltbevölkerung um 2,4 Menschen, jährlich steigt sie um 75 Millionen Menschen. Der steigende Wohlstand in vielen Staaten ermöglicht einen höheren Fleischkonsum. Vor allem in aufstrebenden Ländern wie Indien, Brasilien und China legt der Fleischverbrauch jährlich zweistellig zu. Zur Aufzucht der Tiere wird wiederum Soja, Weizen und Mais benötigt. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass in den Medien Nahrungsmittelproduktion und Lebensmittelversorgung eher eine untergeordnete Rolle spielen. Klimawandel, die Bekämpfung von Aids oder die Energiegewinnung der Zukunft erregen unsere Aufmerksamkeit ungleich stärker. Dagegen wird die Frage, wie wir eine stark wachsende Weltbevölkerung ernähren wollen, nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit geführt.

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Wasser und Anbauflächen
werden knapp
Während der Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten steigt, geht immer mehr nutzbare Ackerfläche unwiederbringlich verloren. Jede Sekunde verschwinden auf dem Globus 0,3 Hektar Agrarfläche. Die fortschreitende Versteppung weiter Landstriche durch den Klimawandel spielt hier ebenso eine Rolle wie der Faktor Mensch. Durch Straßen- und Städtebau werden Nutzböden versiegelt und fallen als Anbaugebiete weg. Deshalb müssen die bestehenden Flächen effizienter genutzt werden.
Auch der zunehmende Wasserverbrauch wird immer mehr zum Problem. Ohne Wasser keine Landwirtschaft. Diese Erkenntnis klingt banal, hat aber gravierende Konsequenzen. Der Grundstoff Wasser ist in vielen Gegenden der Erde zu einem kostbaren Gut geworden. Die Experten der HypoVereinsbank haben errechnet, dass sich der Wasserverbrauch in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht hat. Die Folge: Der Grundwasserspiegel sinkt. Auch in den drei größten Getreide produzierenden Staaten der Welt – in China, Indien und den USA. Die Produktionsbedingungen für Agrarprodukte werden also tendenziell schwieriger, und dies bei steigender Nachfrage.
Die Zeiten günstiger Nahrungs-
mittelpreise gehen zu Ende
Vieles spricht also dafür, dass Weizen, Mais und Soja auf Dauer teurer werden. Die Preissteigerungen der vergangenen zwölf Monate waren allenfalls ein Aufgalopp für einen fundamentalen Trend, der die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren prägen wird.
Viele Ökonomen und Politiker sind der Ansicht, dass der Preisanstieg durch eine gesetzliche Begrenzung der Spekulation an den Rohstoffbörsen gestoppt werden kann. Doch Zweifel sind angebracht. Es ist zwar richtig, dass viel Anlegergeld in die Rohstoffmärkte geflossen ist. Ein Grund dafür sind die extrem niedrigen Zinsen in der industrialisierten Welt. Es gibt Untersuchungen, wonach Fonds in einigen Lebensmittelmärkten mit bis zu 40 Prozent engagiert sind. Ein Verbot brächte aber wenig, denn Hedgefonds verstärken meist nur bestehende Trends. Das Problem hoher Lebensmittelpreise bekommt man durch gesetzgeberischen Aktionismus kaum in den Griff.
Hinzu kommt, dass die meisten Rohstoffinvestoren mit ihrem Geld nicht riesige Vorräte beispielsweise an Getreide kaufen und lagern. Sie legen ihr Geld vielmehr an den Terminmärkten an, also in Kaufoptionen, und wetten so auf einen zukünftigen Preis. Für den Konsumenten sind aber nicht die Terminpreise, sondern der aktuelle Preis ausschlaggebend. Und der wird weniger durch Spekulationen, sondern durch Angebot und Nachfrage beeinflusst.
Wir müssen effizienter
anbauen und konsumieren
Gegen steigende Lebensmittelpreise gibt es nur zwei wirkungsvolle Rezepte: Das erste lautet: „No food for fuel.“ Die Nutzung von Feldfrüchten für die Gewinnung von Biodiesel löst keine Probleme. Im Gegenteil: Die politisch gewollte Subvention einer Landwirtschaft, die immer mehr Agrarflächen für die Energiegewinnung benötigt, verschärft soziale Spannungen und befeuert extreme Sprünge an den Nahrungsmittelbörsen. Wer Energie mit dem Einsatz von Nahrungsmitteln gewinnen will, steigert die Nahrungsmittelpreise und belastet damit die Ärmsten der Armen. Dies schürt nicht nur soziale Konflikte in vielen Staaten, sondern minimiert die Wohlfahrtschancen breiter Bevölkerungsschichten in den Entwicklungsländern.
Zweitens müssen die Investitionen in eine moderne Landwirtschaft verstärkt werden. Es ist eine Tatsache, dass der Produktivitätszuwachs im Agrarsektor weit hinter dem Bevölkerungswachstum zurückbleibt. Nur eine stärkere Technisierung der Landwirtschaft kann die wachsende Lücke zwischen den zur Verfügung stehenden Anbauflächen und der steigenden Nachfrage nach Agrarprodukten überbrücken. Das bedeutet: Einsatz modernster Geräte, Anwendung neuester Erkenntnisse bei Düngung und Verarbeitung.
Afrika, wo laut UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft mehr als 15 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Gebiete der Erde liegen, ist ein gutes Beispiel. Hier werden nur 13 Prozent des Volumens an Dünger eingesetzt, der sonst durchschnittlich je Hektar ausgebracht wird. In Afrika kommt ein Traktor auf 868 Hektar Nutzfläche, der Weltdurchschnitt liegt bei 56 Hektar. Derzeit liegen die landwirtschaftlichen Erträge in Afrika um 70 Prozent unter dem globalen Schnitt. Bessere Anbaumethoden könnten die Erträge dort signifikant steigern.
Die rasante technologische
Entwicklung ist teuer
Heute beträgt der Zyklus von Landmaschinen nur noch sieben Jahre. Nur ökonomisch starke Betriebe können mit den technischen Innovationen Schritt halten. Deshalb müssen kleinere landwirtschaftliche Betriebe zu effizienteren Großbetrieben zusammengelegt werden. Es ist kein Wunder, dass in den USA die Anzahl der sogenannten Megafarms, die Umsatzerlöse von über einer Milliarde US-Dollar erzielen, rapide anzieht. Die Anzahl der Kleinbetriebe (unter 4000 Quadratmeter) nimmt dagegen jährlich um 25 Prozent ab.
Die Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, sind immens. Gerade deshalb könnte die Landwirtschaft vor einer neuen Ära stehen. Die Effizienzgewinne der Bodenbewirtschaftung sind noch lange nicht ausgeschöpft. Und es gibt durchaus Regionen, die gute Chancen für einen agrartechnischen Höhenflug haben. Sicher wird es noch lange dauern, bis Afrika sein Potenzial entfalten kann. Die schlechte Ausbildung der heimischen Bevölkerung, die Korruption in der Wirtschaft sowie die instabile politische Situation schränken die landwirtschaftliche Entwicklung stark ein. Wenn wir aber heute den Grundstein für den notwendigen technologischen Wandel legen, können wir auch in Zukunft Nahrungsmittel zu einem bezahlbaren Preis herstellen. Selbst wenn die Weltbevölkerung in den nächsten 50 Jahren auf annähernd zehn Milliarden Menschen anwachsen sollte, wie die ambitioniertesten Schätzungen voraussagen.
Mangelware Acker (pdf)
Mangelware Acker
Drei Milliarden Menschen lebten 1960 auf der Erde. Um diese zu ernähren, standen durchschnittlich 1,1 Hektar Ackerland pro Kopf zur Verfügung. Im Jahr 2000 – also nur 40 Jahre später – hatte sich die Weltbevölkerung bereits verdoppelt. Gleichzeitig halbierte sich die verfügbare Anbaufläche pro Kopf. Diese Tendenz wird anhalten. Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Nahrungsmittel werden benötigt. Doch durch die fortschreitende Urbanisierung, den Klimawandel und die Umweltverschmutzung wird täglich Ackerland zerstört.
zur Person:
Martin Richenhagen,
Chef der AGCO
Corporation
Martin Richenhagen ist seit 2004 Präsident und CEO des Landmaschinenherstellers AGCO. Zudem ist er Ehrendirektor des US-Verbands der Maschinenhersteller (AEM) auf Lebenszeit und Honorarprofessor an der Fakultät für Maschinenwesen an der TU Dresden.
Der US-Landmaschinenhersteller AGCO zählt zu den führenden Unternehmen in der Branche. AGCO bietet weltweit Traktoren, Mähdrescher, Grünland- und Pflanzenschutztechnik sowie Futterbau- und Bodenbearbeitungsgeräte an. Zu AGCOs Kernmarken gehören beispielsweise Fendt und Massey Ferguson. Der Nettoumsatz des Unternehmens lag 2010 bei 6,9 Milliarden US-Dollar.