aktualisiert: 07.05.2012 08:29
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Ausgezeichnetes Finanzbuch: Beraten und verkauft

Grundsätzlich sind Zertifikate keine schlechte Sache
Euro am Sonntag-Interview
Michael Ferber, der Träger des Deutschen Finanzbuchpreises 2012, über Gebührenabzocke und Eigenverantwortung der Anleger.
€uro am Sonntag

von Jens Castner, €uro am Sonntag

Journalisten müssen sich von Berufs wegen tagtäglich kritisch mit der Finanzindustrie, ihren Produkten und vor allem der Beratungsqualität am Bankschalter auseinandersetzen. Nicht immer zur Freude der Banker. „Dann mach’s doch besser“, ist einer der Sätze, den Vertreter der schreibenden Zunft immer wieder zu hören bekommen.

Michael Ferber (39), Finanzredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“, nahm das wörtlich und schrieb in seinem 309 Seiten starken Ratgeber „Was Sie über Geldanlage wissen sollten“ alles auf, was Anleger beachten müssen, bevor sie sich für (oder gegen) bestimmte Finanzprodukte entscheiden oder mit ihrem Bank­berater in den Ring steigen.

Lohn der Mühe: Der Deutsche Finanzbuchpreis 2012. Dafür gab’s sogar Lob vom Banker: „Michael Ferber zeigt einen pragmatischen Weg zum sinnvollen und effizienten Management der eigenen Geldanlage auf und veranschaulicht auf sachliche Weise, warum Anleger täglich Rendite verschenken“, meint etwa Jurymitglied Dirk Heß von der Citigroup, die den Preis gemeinsam mit der Derivatebörse Scoach stiftete.

Nach der früheren Fondsmanagerin Susan Levermann ist Ferber der Zweite, der die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung erhält.

€uro am Sonntag: Herr Ferber, wodurch verschenken Anleger am meisten Rendite?
Michael Ferber:
Indem sie nicht langfristig in Aktien investieren — und wenn, dann setzen sie sich meist Klumpenrisiken aus. Nur 17 Prozent der Schweizer legen privat überhaupt in Aktien an, viele davon ­haben zwei, drei Standardtitel im Depot, natürlich Werte aus dem ­eigenen Land. Von Diversifikation keine Spur. In Deutschland sieht die Statistik noch düsterer aus.

Sicher, nur etwa jeder zehnte Deutsche hält Aktien. Das lässt den Umkehrschluss zu, dass sich 90 Prozent die Crashs 2001 bis 2003 und 2008/09 erspart haben.
Richtig ist, dass es im zurückliegenden Jahrzehnt mehrfach zu Verwerfungen an den Märkten kam. Trotzdem sind viele echte Qualitätsaktien per saldo deutlich gestiegen. Wir ­leben in einer Zeit manipulierter Märkte. Die Notenbanken schwemmen die Märkte mit Liquidität und schalten Marktsignale aus. Diese Geldflut kann auch Aktienkurse verfälschen.

Was nun nicht unbedingt für Aktien spricht ...
Wer aber langfristig gesehen nicht bis zu einem gewissen Grad in Aktien investiert, dürfte in einem Niedrigzinsumfeld wie im Moment kaum eine Chance haben, sein Vermögen zu erhalten. Von realer Rendite nach Steuern ganz zu schweigen. Allerdings sollte die Höhe des Aktienanteils im Depot immer vom Risikoprofil eines Anlegers abhängen. Wer mit einem hohen Aktienanteil im Depot nicht mehr ruhig schlafen kann, sollte zurückhaltender sein.

Welcher Aktienanteil ist gesund? Es gibt ja die Faustregel: 100 minus Lebensalter gleich Aktienquote.
Ich halte nicht viel von solchen Faustregeln. Die optimale Aufteilung des Vermögens ist ein sehr persönlicher Entscheid. Meine Motivation, ein Buch zu schreiben, war es, Anleger aufzuklären und zu animieren, sich ihre eigenen Gedanken über solche Dinge zu machen — ob als Selbstentscheider oder mit einem Berater ihres Vertrauens.

Ein Kapitel in Ihrem Buch heißt „Beraten und verkauft“. Trotzdem stellen Sie die Anlageberatung nicht grundsätzlich infrage?
Es gibt ja auch Honorarberater. Es kann sich durchaus lohnen, ein paar Hundert Euro in unabhängige, kompetente Beratung zu investieren. Die meisten Anleger lehnen das ja ab, weil sie die Beratung am Bankschalter vermeintlich kostenlos bekommen. Dabei sollten sie aber bedenken, dass Bankberater mehr und mehr zu Produktverkäufern mutieren, die im Zweifelsfall die Interessen der Bank über die Interessen des Kunden stellen. Von einem Honorarberater oder freien Vermögensverwalter sollten sie sich allerdings auch schriftlich versichern lassen, dass dieser keine Provisionen oder Rückvergütungen kassiert.

Provisionen sind offenbar eines Ihrer Lieblingsthemen. Was ist daran verwerflich? Banken sind ja keine Wohlfahrtsinstitute.
Verwerflich sind Provisionen nicht, solange sie dem Kunden fair und transparent offengelegt werden. Anleger sollten selbst entscheiden, wie viel an Provisionen und Gebühren sie zu schlucken bereit sind. Bei Aktienfonds mit fünf Prozent Ausgabeaufschlag plus zwei Prozent Managementgebühr plus möglicherweise noch Bestandsprovisionen wird es schwer, im ersten Jahr überhaupt eine positive Rendite zu erzielen. Bei Lebensversicherungen zahlt man seine Monatsraten oft die ersten zwei Jahre überhaupt nur für den Vermittler, dann erst fängt das Geld langsam an zu arbeiten.

Die neuen Anlegerschutzgesetze reichen demnach nicht?
Immer neue Regulierungen führen sicherlich auch nicht zum Ziel. Außerdem erhöhen sie die Kosten von Finanzprodukten, was wiederum die Anleger bezahlen müssen. In der Praxis werden Anlegerschutzgesetze ständig unterlaufen und ausgehöhlt. Letztlich führt kein Weg daran vorbei, dass die Anleger sich besser informieren und die Mechanismen des Finanzgeschäfts verstehen.

Wie können sich Anleger schützen, die kein Geld für Honorarberatung ausgeben wollen?
Jetzt muss ich doch eine Faustregel bemühen: Je komplizierter und innovativer ein Finanzprodukt ist, je höher der Marketingaufwand, mit dem es beworben wird, desto besser lassen sich Gebühren darin verstecken. Einfache, passiv gemanagte In­dexprodukte wie ETFs sind selten mit Gebühren überladen. Sie liefern zwar keine bessere Performance als der Markt, aber auch keine schlechtere wie viele aktiv gemanagte Fonds, bei denen noch dazu Gebühren an der Rendite nagen.

Aber jeder will doch besser sein als der Markt, oder?
Möglicherweise wäre es für Privatanleger besser, ihre Ziele neu zu ­definieren und eine marktkonforme Rendite zu akzeptieren. Wenn das Gros der Profis nicht in der Lage ist, den Markt zu schlagen, wie soll es dann jemand schaffen, der sich nicht den ganzen Tag mit Geldanlagen und Märkten auseinandersetzen kann? Produkte, die Überrenditen versprechen, enttäuschen am Ende des Tages meistens. Irgendwann wird dem Anleger dann zum Umschichten geraten, und die Finanzindustrie verdient erneut.

Würden Sie bei passiven Investments ausschließlich zu ETFs greifen oder auch zu Zertifikaten?
Grundsätzlich sind ETFs die bessere Wahl, weil das Emittentenrisiko entfällt. Allerdings muss man hier zwischen replizierenden und swapbasierten ETFs unterscheiden. Nur voll replizierende halten die Aktien der zugrunde liegenden Indizes tatsächlich als Sondervermögen im Portfolio. Und es gibt auch Fälle, in denen am Indexzertifikat kein Weg vorbeiführt. Auf den Swiss Performance Index, in dem im Unterschied zum bekannteren Swiss Market Index die Dividenden enthalten sind, gab es zum Beispiel lange gar keine ETFs.

Ist das Misstrauen vieler Anleger gegenüber Zertifikaten Ihrer Meinung nach ungerechtfertigt?
Grundsätzlich sind Zertifikate keine schlechte Sache. Positiv ist zum Beispiel, dass sie auch in Zeiten seitwärts oder abwärts tendierender Börsen Rendite bringen können. Allerdings muss man aufpassen und die Prospekte genau studieren. Denn viele strukturierte Produkte sind mit Gebühren überladen.

Ist Ihnen bei Ihren Recherchen ein besonders dreistes Beispiel für Gebührenschinderei begegnet?
Bei Schweizer Banken ist es ja weit verbreitet, Gebühren für Bareinzahlungen zu nehmen. Da kann das erste Prozent schon weg sein. Angenommen, Sie zahlen 50.000 Euro ein und kaufen damit zwei Aktienfonds und norwegische Staatsanleihen. Da werden Ihnen zusätzlich zu den Konto- und Depotkosten also noch Gebühren für Einzahlung, Ausgabeaufschläge, Währungsumrechnung und so weiter in Rechnung gestellt. Im krassesten Fall summierte sich das auf 4.265 Euro oder 8,53 Prozent der Anlagesumme.

Ihr wichtigster Tipp für Anleger? Es ist unerlässlich, sich selbst mit dem Thema Geldanlage auseinanderzusetzen. Wer die Entscheidung über sein Vermögen anderen überlässt, ist irgendwie selbst schuld, wenn’s in die Hose geht. Und man sollte den Medien nicht alles glauben. Da müssen wir Journalisten uns auch an die eigene Nase fassen. Läuft es an den Märkten rund, ist der Tenor vieler Börsenkommentare positiv. Im umgekehrten Fall werden schnell Weltuntergangsszenarien gemalt. Meistens ist dann aber die richtige Zeit, um zu investieren.

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