09.06.2012 12:00
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Gigaset: Mit Googles Android Anschluss finden

Gigaset: Die kommenden Monate versprechen, spannend zu werden
Euro am Sonntag-Interview
Euro am Sonntag führte mit Charles Fränkl, dem neuen Chef des Festnetztelefonherstellers Gigaset, ein Intervie über die aktuelle Lage des Unternehmens.
€uro am Sonntag

von Klaus Schachinger, €uro am Sonntag

Gigaset will mit Googles Handysoftware Android die Modellpalette um Smartphone-ähnliche Festnetztelefone erweitern. Inzwischen hat Gigaset jedoch die Vergangenheit eingeholt – als die heutige Firma ein Teil der Beteiligungsgesellschaft Arques war.

Euro am Sonntag: Herr Fränkl, wegen einer angeblichen Vertragsverletzung in Zusammenhang mit der Schließung der übernommenen Evonik-Tochter Oxxynova im Jahr 2006 unter der Regie der Gigaset-Vorgänger-Beteiligungsfirma Arques hat Evonik Gigaset auf die Zahlung von 12 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Die Summe wäre fast das Doppelte des für 2012 erwarteten Gigaset-Nettogewinns, 6,7 Millionen Euro für 2012. Wird Gigaset zahlen?
Charles Fränkl:
Wir sehen die Voraussetzungen für eine Vertragsstrafe nicht erfüllt. Ich persönlich gehe davon aus, dass es gute Chancen für eine außergerichtliche Einigung gibt. Wir sind verhandlungsbereit und selbstbewusst. Zudem haben wir bereits eine angemessene Rückstellung von 3,6 Millionen Euro gebildet.

Müssen sich Gigaset-Aktionäre auf weitere, ähnliche Verfahren aus Arques Zeiten einstellen?
Man sollte niemals nie sagen. Aber mir sind keine weiteren Altlasten bekannt.

Wie wollen Sie den Telefonhersteller Gigaset im schrumpfenden Markt für analoge Festnetztelefonie voranbringen?
Die Eckpunkte unserer Strategie werde ich auf der Hauptversammlung vorstellen. In unserem Kerngeschäft werden unsere Produkte immer innovativer. Wir werden zum Beispiel zur IFA im September in Berlin den Nachfolger unseres sehr erfolgreichen Full-Touch-Schnurlostelefons SL 910 vorstellen. Statt des bisherigen Linux-Betriebssystems wird das Telefon mit Googles Betriebssystem Android ausgestattet.

Auf den Seiten von Amazon und in verschiedene Internetforen wird Gigasets aktuelles Top-Modell SL 910 stark kritisiert. Das Gerät hält offensichtlich nicht was seine Smartphone-Optik verspricht. Spürt Gigaset die Auswirkungen dieser Kritik im Absatz des Modells?
Nein. Wir werden erfreulicherweise unsere Absatzziele deutlich übertreffen. Unsere Kunden sind in großer Mehrheit sehr zufrieden.

Warum wechselt Gigaset von Linux zu Googles Android-Betriebssystem?
Erstens halbieren wir damit die Entwicklungszeit für ein neues Modell auf etwa zwölf Monate und zweitens werden wir damit Geld sparen. Über Android bekommt Gigaset Zugriff auf eine globale Gemeinschaft von Programmieren und damit auf Softwarebaukästen mit Werkzeugen, die wir unter Linux selbst entwickeln mussten. Wir erwarten deshalb eine erhebliche Kostensenkung. Einen ähnlichen Effekt wird es auch bei der Hardware geben. Gigaset wird bei den Komponenten für intelligente Schnurlostelefone von den Skaleneffekten der Branche profitieren. Zudem gehen wir davon aus, dass wir mit Android beim Thema Software-Patente auf der sicheren Seite sind.

Werden künftig alle Android-Apps auf Gigasets Top-Modellen funktionieren?
Das ist das Ziel. Wir werden 2013 zwei Android-Modelle im Markt haben. Zudem können wir dank Android weitere Geschäftsbereiche aufbauen.

Zum Beispiel?
Wir arbeiten an internetbasierten Anwendungen im Bereich der Heim-Vernetzung. Dabei nutzen wir unsere bestehenden Kompetenzen. Dieser Markt entwickelt sich derzeit mit einem jährlichen Wachstum von rund 40 Prozent. Ein Beispiel: Künftige Gigaset-Festnetzmodelle kommunizieren mit Sensoren, die als private Alarmanlage funktionieren können. Wir sind überzeugt, dass für Gigaset hier ein großes Wachstumspotenzial liegt.

Wer ist die Zielgruppe für Gigaset in diesem neuen Markt?
Wir sprechen die ganz normalen Haushalte an. Der Durchschnitts-Deutsche lebt in einer Etagenwohnung mit 66 Quadratmetern. Wir wollen mit diesem Segment in den Massenmarkt und sprechen daher, um bei dem Beispiel zu bleiben, von Alarmanlage-Lösungen, die sich jeder leisten kann.

Wie groß schätzen Sie den Privatkundenmarkt für die Heim-Vernetzung?

Gegenwärtig sind rund 75 Millionen Haushalte mit Gigaset-Telefonen ausgestattet. Die werden zur Schaltzentrale für die heimische Vernetzung. Das Marktpotential in Europa für Home Networks schätzen wir auf etwa 850 Millionen Euro bis 2015 und drei Milliarden Euro im Jahr 2020.

Wird Gigaset jetzt mehr Softwareentwickler einstellen?
Nein. Wir gehen davon aus, dass unsere Ressourcen mit 120 Entwicklern ausreichen. Durch die künftig weniger an spezieller Hardware orientierten Softwareentwicklung werden Kapazitäten frei.

Wie lange wird Gigaset nochanaloge Telefone herstellen?
Noch sehr lange, sicher für die nächsten zehn Jahre. Das Abschmelzen des Marktes werden wir mit dem Wachstum bei Android-Geräten für Privat- und Geschäftskunden jedoch überkompensieren.

Wann wird sich die Home Networks-Offensive auch bei Gigasets Gewinn und Umsatz bemerkbar machen?
Wir rechnen damit, dass wir positive Effekte bereits im Jahr 2014 sehen.

Wie werden Sie mit schnurlosen Telefonen auf Android-Basis das Geschäft mit Geschäftskunden ausbauen?
Derzeit bieten wir bereits Geräte mit bis zu einhundert Nebenstellenanlagen für Unternehmen an. Der Markt für kleine Unternehmen ist stark fragmentiert und bietet ein Potential von etwa 1,6 Milliarden Euro. Wir sind überzeugt, dass wir mit unserer Marke auch im Bezug auf Videotelefonie in diesem Segment gut platziert sind. Die größerenUnternehmen überlassen wir Konzernen wie Cisco und Alcatel/Lucent.

Wie viel Umsatz macht Gigaset bisher mit Geschäftskunden?
Unser Geschäftskundenbereich inklusive unserer Marke Gigaset pro macht derzeit rund 27 Millionen Euro.

Wird es auch Gigaset-Telefone mit Microsofts neuem Windows 8 Betriebssystem geben?
Wir schauen uns das an. Wirwerden aber erst dann einsteigen, wenn wir bei den Preisen für Komponenten wie bei Googles Android-Software die Skaleneffekte der Industrie nutzen können.

Einschätzung von Euro am Sonntag: Mit dem Verkauf des Onlinebezahlsystems Clickandbuy an die Deutsche Telekom hat Charles Fränkl ein Meisterstück abgeliefert. Das nächste soll der Schweizer beim Telefonhersteller Gigaset leisten, den er seit Jahresanfang leitet. Die ehemalige Siemens-Festnetztelefonmarke Gigaset ist in Deutschland weiter stark. Allerdings in einem schrumpfenden Markt. Mit Googles Handysoftware Android soll auf Wachstum geschaltet werden. In der Bilanz wird sich die neue Strategie jedoch erst 2014 bemerkbar machen. Das ist ein langer Zeitraum, in dem viel passieren kann. Die Zwölf-Millionen-Euro-Klage durch Evonik hängt wie ein Damoklesschwert über der Firma. Die bisherige Rückstellung von 3,6 Millionen Euro könnte sich als zu gering herausstellen. Anleger sollten die Aktie deshalb weiter meiden.

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