21.01.2013 03:00
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HeidelbergCement-Chef: Effizienz ist ein moralisches Gebot

Euro am Sonntag-Interview
Bernd Scheifele, der Vorstandschef von HeidelbergCement, über seine Prägung durch die schwäbische Heimat, trügerische Ratschläge von Bankern und den Aufstieg des Konzerns zum soliden Schuldner.
€uro am Sonntag

von Stephan Bauer, Euro am Sonntag

Das Geschäft des weltweit drittgrößten Zementherstellers wirkt spröde. Dabei ist die Aktie der Heidelberger eine der spannendsten im DAX: Kaum eines der größten deutschen Unternehmen hat solche Höhen und Tiefen hinter sich.

Und nur wenige Manager mussten ähnliche Nervenstärke beweisen wie Vorstandschef Bernd Scheifele. Beinahe wäre die an sich kerngesunde Firma in der Finanzkrise zusammengebrochen. Knapp 15 Milliarden Euro Last hatte sich der Konzern 2007 mit der Übernahme des britischen Konkurrenten Hanson aufgeladen. Immerhin schaffte Schei­fele es inzwischen, den Schuldenberg zur Hälfte abzutragen. Im Interview spricht Scheifele über Zerreißproben zwischen finanziellem Abgrund und DAX-Aufstieg, künftige Wachstumsmärkte des Baustoffkonzerns und die Perspektive, nach Jahren wieder ein Kredit­rating guter Bonität zu erreichen.

€uro am Sonntag: Zement, Sand, Beton — Ihr Geschäft wirkt für ­Außenstehende eher trocken. Was lieben Sie an dieser Materie?
Bernd Scheifele:
Wir betreiben hauptsächlich Massengeschäft mit Firmenkunden. Alle unsere Produkte sind DIN-normiert, Produkt­innovationen spielen in der Baustoffbranche eine untergeordnete Rolle. Das Geschäft ist also sicher nicht so sexy wie Smartphones von Apple oder Sportwagen von Porsche. Ich bin jedoch immer wieder fasziniert davon, was man etwa mit Beton alles anstellen kann. Das ist ein enorm vielseitiges Produkt. Zudem ist HeidelbergCement stark international aufgestellt. Wir profitieren von den globalen Megatrends wie Bevölkerungswachstum und ­Urbanisierung, insbesondere in den stark wachsenden Schwellenländern. Wir sind in 48 Ländern präsent. Diese Vielfalt an Kulturen kennenzulernen finde ich für mich persönlich sehr bereichernd.

Wenn es kaum Innovation gibt, wie unterscheiden Sie sich dann von Ihren Wettbewerbern?
Wir arbeiten in einem typischen Managementbusiness. Die Exzellenz im Tagesgeschäft entscheidet über den Erfolg. Die Frage ist vor allem, wie kosteneffizient wir den Konzern aufstellen. Das fängt beim Energie­einsatz an und hört beim Einkauf auf. Wir managen im Jahr ein Einkaufsvolumen von rund zehn Mil­liarden Euro, da gibt es eine Menge Optimierungsmöglichkeiten. Auch die geografische Aufstellung ist erfolgskritisch. Wir sind beispielsweise stark in Indonesien oder in ­Afrika vertreten, sind Marktführer in Osteuropa und Russland, während die Konkurrenz andere regionale Schwerpunkte hat.

Entschuldigen Sie das Klischee, aber liegt Ihnen als Schwabe das Thema Kosteneffizienz besonders?
Ich bin als protestantischer Schwabe eher calvinistisch geprägt. Aus meiner Heimat stammen viele erfolg­reiche Unternehmer wie die Boschs und Daimlers. Auch aufgrund dieser Prägung bin ich der Auffassung, dass Verschwendung nicht nachhaltig sein kann. Sparsamkeit und Effi­zienz sind für mich auch moralische Gebote.

2007 kaufte HeidelbergCement den britischen Konkurrenten Hanson für knapp 15 Milliarden Euro. Der Deal führte zu hoher Verschuldung und nahe an den finanziellen Abgrund. War das nicht maßlos?
Die Übernahme war für HeidelbergCement ein transformatorischer Deal. Hanson machte aus HeidelbergCement einen Weltkonzern. Wir waren im März 2007 der Überzeugung, dass wir das stemmen können. Den Crash von Lehman 2008 konnten wir nicht vorhersehen. Die Absatzmärkte sind so stark eingebrochen wie seit 1930 nicht mehr. Die Wirtschaftswelt hat das Thema Risikomanagement damals neu gelernt, da haben sich Dimensionen verschoben.

HeidelbergCement ist stark konjunkturabhängig. Wie sieht denn das Jahr 2013 in Ihrem inzwischen verschärften Stresstest aus?
Asien und Afrika wachsen weiter, die Erholung in Nordamerika hält an. Russland läuft ebenfalls gut. In Europa und Osteuropa bleibt es hingegen schwierig, außer in Deutschland, wo die Bauwirtschaft auf hohem Niveau stagniert. Neben der US-Fiskalklippe und der Eurokrise ­sehen wir in einer Zuspitzung der Konflikte im Nahen Osten und einem womöglich steigenden Ölpreis das Hauptrisiko. Das könnte die Konjunktur weltweit abwürgen.

Das Zementgeschäft ist sehr ­energieintensiv. Rechnen Sie 2013 mit neuerlichen Belastungen durch steigende Energiepreise?
Wir rechnen mit einem mäßigen Energiepreisanstieg von etwa einem Prozent. Operativ dürfte es 2013 besser laufen als 2012, wir erwarten eine weitere Volumensteigerung in unseren Kernwachstumsmärkten Asien und Afrika und eine fortgesetzte ­Erholung in Amerika bei flacherer Kostenentwicklung aus dem Energiebereich und besserer Produktpreisentwicklung in Europa und vor allem den USA.

Asien-Pazifik liefert bei etwa ­einem Viertel des Umsatzes fast die Hälfte des Gewinns. Werden die USA zum nächsten Gewinntreiber?
Wir haben den Gewinn in den USA in den vergangenen Jahren stetig ­gesteigert und erwarten, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Im Hausbau sehen wir eine klare Trendwende zum Positiven. Auch der Gewerbebau legt zu, weil die Industrie wegen der niedrigen Energiepreise in die USA zurückkehrt. Wir haben noch Kapazitätsreserven, müssen aber vor allem die Preise erhöhen.

In Asien wächst das Unternehmen mit fast 20 Prozent pro Jahr. Ist das nachhaltig?
Asien und Afrika sind voll ausgelastet, und wir erweitern derzeit unse­re Kapazitäten. Vor allem unser größ­ter Einzelmarkt, Indonesien, entwickelt sich stark. Bislang boomt hier vor allem der private Hausbau. Mit der Entwicklung der Infrastruktur fängt das Land gerade erst an. Hier gibt es großen Nachholbedarf. Infrastrukturprojekte werden die Baustoffnachfrage in den nächsten zehn bis 15 Jahren treiben. Aber auch in Afrika sehen wir großes Potenzial. Hier machen wir schon mehr Ergebnis als etwa in Deutschland.

Trotz dieser Glanzlichter ist die ­Gewinnmarge seit 2006 rückläufig. Wann schaffen Sie die Wende?
Bei Zuschlagstoffen wie Sand und Kies sind wir seit dem Jahr 2009 auf dem Weg nach oben. Im Zement­bereich haben wir die Marge durch die Krise hindurch bis 2011 ganz gut gehalten. Dann traf uns der Energiepreisschock infolge der Fukushima-Katastrophe. Strom wurde extrem teuer, wir konnten das nicht an die Kunden weitergeben. 2012 hat die Energiekosteninflation nachgelassen, und wir haben unsere Zementpreise sukzessive erhöht. Seit dem zweiten Quartal steigt die Marge im Zementbereich wieder an, und wir gehen davon aus, dass sich die Margen im Zementbereich 2013 weiter erholen und dadurch auch im Konzern insgesamt wieder steigen.

Sie gelten als harter Kostensenker, haben seit dem Jahr 2007 rund 15.000 Mitarbeiter abgebaut. Geht es nicht anders in dieser Branche?
Effiziente Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit weniger Leuten mehr produzieren. Vor allem in den Schwellenländern ­haben wir noch Potenzial bei der Produktivität. Die Lohnkostensteigerungen liegen dort teils bei acht, neun Prozent. Wir beschäftigen gut zwei Drittel unserer Mitarbeiter in Schwellenländern und müssen die Kostensteigerung im Konzern unter Kontrolle halten. Da geht es nicht ohne Einschnitte.

Der Konzern war 2007 noch mit fast 15 Milliarden Euro ver­schuldet, Ende 2012 sollten es noch sieben Milliarden sein. Wie viel Schulden will sich HeidelbergCement auf Dauer leisten?
Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir das Verhältnis von Nettoschulden zum Ebitda-Gewinn zum Jahresende 2012 unter drei senken konnten — und so wieder zu dem Kreis der solideren Schuldner gehören. Seit 2007 haben wir rund 7,5 Milliarden Euro Schulden abgebaut, davon rund drei Milliarden Euro aus dem eigenen Cashflow — und das trotz ­Finanz- und Wirtschaftskrise. Das zeigt, welche finanzielle Kraft in dem Unternehmen steckt.

Sie wollen 30 bis 35 Prozent des Jahresüberschusses ausschütten. Zuletzt lag die Quote deutlich niedriger, bei knapp 19 Prozent. Wann wollen Sie Aktionären die versprochene Dividende liefern?
Wir werden uns langsam an das Ziel herantasten. Große Sprünge sind aber erst mal nicht drin. Der Schuldenabbau hat Vorrang. Wir wollen auf 6,5 Milliarden Euro runter.

2009 wurde bereits über eine Insolvenz spekuliert, ein Jahr später schaffte der Konzern den Sprung in den DAX. Wie haben Sie dieses Wechselbad der Gefühle erlebt?

Der Konzern war operativ, gerade auch im Wettbewerbsvergleich, in guter Verfassung und erwirtschaftete auch 2009 einen Cashflow von über einer Milliarde Euro. Wir mussten allerdings Kreditlinien um eineinhalb Jahre bei einem internationalen Konsortium verlängern. Die Banken standen unter politischem Druck, bevorzugten nationale Unternehmen bei der Kreditvergabe. Wir hatten da mit 60 Instituten ein echtes Komplexitätsproblem, weil keine Bank mehr geben wollte als die anderen. Alle mussten unterschreiben. Das war ein Nervenspiel. Das DAX-Ziel hatten wir Ende 2008 bereits für uns formuliert, als wir planten, eine Kapitalerhöhung durch­zuführen — was auch unseren Freefloat steigern würde. Das haben wir auch geschafft.

Was haben Sie daraus gelernt?
Bleibe deinen Werten treu. Wir haben nicht auf die Banken gehört, die uns dazu drängten, Kronjuwelen wie das Indonesien-Geschäft komplett zu Spottpreisen zu verkaufen. Das hätte Unternehmenswert vernichtet, das war mit mir keinesfalls zu machen. 

Zur Person:
Bernd Scheifele
Der promovierte Jurist begann seine Karriere 1988 in der Stuttgarter Wirtschaftskanzlei Gleiss Lutz Hootz Hirsch, begleitete die Gründung des Pharma­händlers Phoenix — und wurde dort 1994 Vorstandschef. Seit 2005 steht der 54-Jährige an der Spitze von HeidelbergCement. Scheifele leitete zwischenzeitlich die Holding VEM des 2009 verstorbenen Adolf Merckle, die zeitweise bis zu 80 Prozent der Anteile am Zementhersteller hielt.

Zur Aktie:
Der DAX-Zykliker
Das Papier des weltweit drittgrößten Zement­herstellers schwankt stark, schließlich ist das Geschäft grundsätzlich stark abhängig von der Konjunkturentwicklung. Dem steht indes die breite globale Aufstellung gegenüber, die im operativen Geschäft für Stabilität sorgt. Der freie Cashflow steigt seit 2009 wieder stetig an. Für 2013 rechnen Analysten mit einer Steigerung des operativen ­Gewinns von knapp zehn Prozent. Angesichts dessen ist die Aktie derzeit angemessen bewertet.

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12:21 UhrHeidelbergCement HaltenBankhaus Lampe KG
15.10.2014HeidelbergCement NeutralUBS AG
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13.08.2014HeidelbergCement HaltenBankhaus Lampe KG
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22.10.2014HeidelbergCement UnderweightMorgan Stanley
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