08.02.2012 14:00
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Siemens-Vorstand: Schlechten Lauf im ersten Quartal

Euro am Sonntag-Interview: Siemens-Vorstand: Schlechten Lauf im ersten Quartal | Nachricht | finanzen.net
Siemens: Offshore-Windpark Lillgrund
Euro am Sonntag-Interview
Michael Süß, Chef des Energiesektors, über die Pannen im jüngsten Quartal und die Perspektiven der gewinnträchtigsten Sparte des DAX-Konzerns.
€uro am Sonntag
von Stephan Bauer, €uro am Sonntag

Michael Süß ist groß und von kräftiger Statur. Eine ordentliche Portion Widerstandskraft kann der gebürtige Münchner in seinem Job gut gebrauchen. Seit Anfang April 2011 leitet Süß den Energie­sektor von Siemens. Der 48-jährige Ingenieur hat damit einen besonders großen Packen Verantwortung von Konzernchef Peter Löscher erhalten. Denn der Sektor ist Herzstück des inzwischen radikal umgebauten Konzerns, der auf umweltfreundliche Technologien wie Gasturbinen oder Windkraftanlagen setzt.

Die alte Siemens, zu der etwa die Kommunikationssparte zählte, macht meist negative Schlagzeilen. Das Telefonnetz-Joint-Venture mit Nokia, NSN, schockierte soeben mit der Nachricht, dass rund 3.000 Jobs in Deutschland gestrichen würden.

Doch auch im neuen, grüneren Siemens-Konzern läuft nicht alles rund. Der Start des Energiesektors ins neue Geschäftsjahr ging gründlich daneben, die Sparte meldete einen Einbruch bei Gewinn und Auftragseingang. Die verspätete Netzanbindung von Offshore-Windparks belastete mit rund 200 Millionen Euro. Dabei war der Sektor im Ende September beendeten Geschäftsjahr 2011 noch der größte Gewinnbringer. €uro am Sonntag sprach mit Süß über den ungewöhnlichen Gegenwind, sein Verhältnis zu Löscher und die Zukunft des Kerngeschäfts von Siemens.

€uro am Sonntag: Herr Süß, Sie kommen aus der Automobilbranche. Wie ist denn dazu im Vergleich das Arbeitsklima bei Siemens?
Michael Süß:
Zugegeben, ich habe ein Faible für schöne Autos. Aber bei Siemens fasziniert mich die Chance, mit unseren Energietechnologien die Zukunft nachhaltig zu gestalten. Diese Leidenschaft teile ich mit sehr vielen unserer Mitarbeiter. Der Pioniergeist, der bei Siemens zur Unternehmenskultur gehört, treibt uns alle an. Das ist extrem spannend.

Zuletzt hat es den Sektor kalt erwischt. Ihr Bereich sorgte auf der Hauptversammlung für Verdruss. War Peter Löscher arg sauer?
Wir hatten im ersten Quartal einen schlechten Lauf, was die Sonder­belastungen betrifft. Doch das hervorragende Jahresergebnis des Sektors von gut vier Milliarden Euro hat sicher geholfen, den Verdruss in Grenzen zu halten. Natürlich ärgert mich persönlich jede außerordent­liche Belastung. Und wo wir Fehler gemacht haben, schauen wir auch genau hin, wie wir diese künftig vermeiden können.

Im Kern ging es zuletzt vor allem um Offshore-Windprojekte, deren Anbindung an das deutsche Stromnetz sich verzögert. Rechnen Sie hier mit weiteren Belastungen?
Bei Power Transmission haben wir Projektverzögerungen vor allem im Zusammenhang mit Genehmigungsprozessen bei der Anbindung von Offshore-Windanlagen. Die gebuchten Belastungen basieren auf unserer Prognose zu den Verzögerungen. Anpassungen bei den Belastungen könnte es allenfalls geben, wenn Verzögerungen über den Zeitraum und die Annahmen, die wir gewählt haben, hinaus eintreten sollten.

Es hieß, Siemens habe eine externe Projektfirma betraut, das sei schiefgegangen. War das der Grund?
Nein, es gibt mehrere Gründe für die Verzögerungen. Externe Ressourcen haben wir vor allem eingekauft, um die Komplexität der Projekte zu bewältigen. Wir betreten hier technisches Neuland. Es sind sehr anspruchsvolle Bedingungen, unter denen wir Umspannplattformen ins Meer stellen. Teilweise mehr als 100 Kilometer von der Küste entfernt installieren wir Hochtechnologie, die jahrzehntelang zuverlässig Windenergie an Land bringen soll. Dass wir witterungsbedingt nur von Mai bis September arbeiten können, war klar. Doch wir können nicht einmal diesen Zeitraum voll ausschöpfen, da wir aus Naturschutzgründen weiteren Beschränkungen unterliegen.

Also ist es die deutsche Bürokratie, die Siemens ausbremst?
Wir müssen ein Jahrhundertprojekt wie die Energiewende umsetzen, sind aber gezwungen, die Arbeiten komplett einzustellen, sobald ein junger Seehund in Sichtweite auftaucht. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Die Genehmigungsverfahren zur Aufstellung und zum Betrieb der Anlagen sind zu komplex. Wir brauchen einstufige, standardisierte Verfahren, wie es in Großbritannien schon der Fall ist. Ein Beispiel: Für das Rammen der Fundamente brauchen wir in Deutschland ein Lärmgutachten. Doch für die dafür nötigen Tests mussten wir ins Ausland ausweichen — samt Ausrüstung und Schiffen.

Läuft der Energiesektor im Geschäftsjahr 2012 Gefahr, seine ­Margenziele zu verpassen?
Diese Folgerung wäre voreilig. Der Zielkorridor liegt bei zehn bis 15 Prozent Marge, im ersten Quartal lagen wir bei 7,8 Prozent. Wir sind zuversichtlich, dass wir 2012 im Margenband landen werden.

Gewinn und Auftragseingang sind merklich gesunken. Wir lange wird die Orderschwäche anhalten?
2011 haben wir einen Rekord beim Auftragseingang erzielt. Viele unserer Kunden waren sehr optimistisch und haben Projekte vorgezogen. Inzwischen ist die Stimmung vorsichtiger. Insbesondere in Europa wird eine Reihe von Kraftwerkprojekten verschoben. Stornierungen sehen wir nicht, das passiert in diesem Geschäft nur selten, weil die Kunden in der Regel eine Reihe von Vorinvestitionen tätigen müssen. Aufgrund unserer regionalen Aufstellung erwarten wir in diesem Jahr in etwa wieder einen Auftragseingang in ähnlicher Größenordnung wie 2011. Unsere Auftragsbücher sind mit einem Bestand von 60 Milliarden Euro sehr gut gefüllt. Beim Umsatz rechnen wir mit einem leichten Plus.

Konzernchef Löschers Umsatzziel lautet mittelfristig: 100 Milliarden Euro. Schaffen Sie die Vorgabe?
Das ist keine Vorgabe, sondern die Summe der Planungen der Sektoren, die wir gemeinsam verabschiedet haben. Wir sind organisch in den vergangenen Jahren massiv gewachsen. In der Krise haben wir im Sektor Energie unseren Marktanteil um rund 50 Prozent ausgebaut, im fossilen Geschäft in einigen Bereichen sogar verdoppelt. Unsere Wettbewerber haben in dieser Zeit eine Reihe von Firmen zu teils hohen Preisen gekauft. So etwas werden wir nicht tun. Wir haben langfristige strategische Planungen, aus denen sich unser Konzernziel ableitet. Siemens hat eine hohe Wachstums­dynamik. Diese wird uns bis zur Mitte des Jahrzehnts zu einem dreistelligen Milliardenumsatz führen.

Im Abschwung müsste es aber günstige Gelegenheiten für Übernahmen geben. Sehen Sie welche?
Wir prüfen den Markt fast täglich. Falls es eine echte Chance gibt, greifen wir zu.

Gilt das auch für den Bereich der regenerativen Energien?
Vor allem der Solarmarkt ist schwierig, hier fragt man sich, wann der Boden erreicht ist. Viele Unternehmen befinden sich im freien Fall, weil sie sich offenbar an politisch motivierte Förderungen angelehnt haben. In der Windkraft haben wir derzeit zwar ein sehr schwieriges Marktumfeld, das von kurzzeitigen Überkapazitäten und hohem Preisdruck geprägt wird. Mit einem Windkraft-Auftragsbestand von fast zwölf Milliarden Euro gehen wir aber aus einer starken Position in die nun zu erwartende Marktkonsolidierung. Die politischen Rahmen­bedingungen sind für den Markt der erneuerbaren Energien weiterhin ausschlaggebend — Änderungen schlagen unmittelbar auf das Geschäft und die Kapazitäten durch.

zur Person:

Michael Süß, Vorstand
Sektor Energie, Siemens

Der Maschinenbauingenieur ist kein klassischer Siemensianer. Nach dem Studium ging Süß zu BMW und wurde 1995 Leiter der Fabrikplanung bei Porsche, 2001 Geschäftsführer bei MTU Aero Engines. 2006 kam er zu Siemens, wurde 2008 Vorstand der gewinnträchtigen Gas­turbinensparte. Im April 2011 stieg Süß zum Chef des Sektors Energie auf, zu dem auch die Stromübertragung sowie die Wind- und Solarenergie zählen.

Bildquellen: Siemens-Pressebild
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