von Christoph Platt und Carl Batisweiler, Euro am Sonntag
Alles Sträuben half am Ende nichts: Auf anhaltenden Druck der Aktionäre erhöhte der US-Softwarekonzern Microsoft seine Dividende für das dritte Quartal 2010 um fast ein Viertel. Angesichts seiner immensen Bargeldbestände von knapp 37 Milliarden US-Dollar nach Abschluss des zweiten Quartals war den Anteilseignern eine stagnierende Dividende nicht mehr zu vermitteln.
Microsoft ist ein prominentes Beispiel für eine auffällige Entwicklung: Viele Unternehmen sitzen auf Bergen von Bargeld. Bei Firmen wie Hennes & Mauritz, Beiersdorf und Ryanair machen die liquiden Mittel einen Anteil von rund 40 Prozent aller Vermögenswerte (Aktiva) aus. Goldman Sachs schätzt die Barreserven der 600 größten Konzerne Europas ohne Finanztitel auf etwa zehn Prozent der Vermögenswerte der Unternehmen. Für die kommenden zwei Jahren erwartet die US-Bank gar, dass sich dieser Anteil auf zwölf Prozent erhöhen wird. Da der langfristige Durchschnitt bei etwa neun Prozent liegt, ist das ungewöhnlich hoch.
Christian Müller-Glissmann, Aktienstratege von Goldman Sachs, beschreibt mögliche Folgen: „Um auf das durchschnittliche Cashniveau zurückzukehren, müssten die Unternehmen in den kommenden zwei Jahren etwa 230 Milliarden Euro zusätzlich in den Ausbau ihres Geschäfts, in Übernahmen, Dividenden oder den Kauf eigener Aktien investieren.“ Eine riesige Summe, die die Märkte beeinflussen wird.In den USA sei eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, so Müller-Glissmann. Auch dort liege der Anteil der Barreserven im Vergleich zu den Vermögenswerten von Nichtfinanzunternehmen im S & P-500-Index mit etwas mehr als zehn Prozent auf Rekordniveau.
Eine Reihe von Faktoren hat dafür gesorgt, dass die liquiden Mittel vieler Konzerne so stark gestiegen sind. Der Ursprung dieser Entwicklung liegt in der Finanzkrise. „In den vergangenen zwei bis drei Jahren mussten viele Unternehmen schmerzhaft erfahren, wie schnell ihre Kreditlinie infrage gestellt werden kann“, sagt Frank Ebersbach, Aktienstratege der Deka Investment. „Das führte in der Folgezeit zu einer deutlich konservativeren Vorgehensweise beim Cashmanagement.“ Die Unternehmen setzten alles daran, sich ein Liquiditätspolster zu schaffen. Vor allem ein zügiger Abbau der Kosten sollte dies herbeiführen.
Als die Kosten gesenkt und Restrukturierungen vollzogen worden waren, kam die Überraschung: Genauso schnell, wie die Weltwirtschaft in die Rezession gerutscht war, kam sie vielerorts wieder heraus. Die Geschäfte entwickelten sich besser als erwartet, der Kapitalfluss nahm zu. Das hat zu dem enormen Anstieg der Barreserven geführt.Die hohe Cashquote und die historisch niedrigen Zinsen nehmen einige Unternehmen zum Anlass, wieder andere Firmen zu übernehmen oder mit ihnen zu fusionieren (Englisch: Mergers & Acquisitions, kurz M & A).
Im Überblick: 15 Top-Cashwerte aus Europa (PDF)
Aktuelle prominente Beispiele: Der Bergbaukonzern BHP Billiton bietet für den kanadischen Düngerhersteller Potash of Saskatchewan rund 30 Milliarden US-Dollar. Das Angebot bringt für Potash-Aktionäre einen Aufschlag von 25 Prozent auf den Kurs. Der französische Energieerzeuger Suez fusioniert mit dem britischen Stromkonzern International Power, Aktionäre der Briten erhalten dafür eine Sonderdividende von 20 Prozent des Aktienkurses. Und für den US-Telekommunikationsdienstleister Qwest Communications bietet die viel kleinere, aber profitablere US-Telefongesellschaft CenturyLink fast 16 Milliarden Dollar, was einem Aufschlag auf den Kurs vor dem Angebot von 12,5 Prozent entspricht.
Im Schnitt ist die Prämie, die die übernehmenden Konzerne bieten, sogar noch höher als bei den genannten Beispielen. Mit durchschnittlich fast 36 Prozent sind die Aufschläge derzeit sogar höher als während des M & A-Booms im Jahr 2007. Da lagen sie zwischen zwölf und 25 Prozent. Allerdings wurden damals auch mehr Transaktionen getätigt, was die Höhe der Prämien in Grenzen hielt.
Laut dem Branchendienst Mergermarket betrug der globale M & A-Markt in den ersten neun Monaten des Jahres 1,422 Billionen Dollar, 25 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Auch die Zahl der Abschlüsse stieg – um 18 Prozent auf 8102.Es tut sich also etwas auf dem Markt für Fusionen und Übernahmen. Die hohen Barreserven fördern die M & A-Aktivität gleich in zweierlei Hinsicht: Die Übernahmewilligen haben gut gefüllte Kassen und können damit fette Einstiege finanzieren. Auf der anderen Seite machen hohe Cashbestände ein Unternehmen als Übernahmekandidat attraktiv. „Konkurrenten könnten es kaufen wollen, um Cash aus dem Unternehmen herauszuziehen“, sagt Deka-Experte Ebersbach.
Einen Anstoß fürs M & A-Geschäft liefern die hohen Cashbestände zwar. Doch ein Boom ist nicht zu erwarten. Dafür sind die wirtschaftlichen Aussichten zu unsicher. Zudem: „Bisher war der schnelle Anstieg der Barreserven als Anteil der Vermögenswerte oder des Börsenwerts immer ein guter Indikator für die Zunahme der Firmenübernahmen. Dieses Mal sind die Unterschiede in der Bewertung der Unternehmen jedoch sehr gering. Damit fehlt einer der Treiber für das M & A-Geschäft“, sagt Goldman-Sachs-Stratege Müller-Glissmann.Dennoch werde sein Umfang zunehmen. „Wesentlich vorangetrieben wird es dieses Mal durch das Bestreben der Firmen, beim Umsatz schneller zu wachsen“, sagt er. Denn da das weitere Wirtschaftswachstum wohl eher schwach ausfallen wird, bieten Übernahmen eine der wenigen Möglichkeiten für Konzerne, sich auszudehnen. Müller-Glissmann erwartet vor allem grenzüberschreitende Transaktionen durch Zukäufe von Firmen in Schwellenländern. „Allerdings werden das bei europäischen Konzernen in der Regel kleinere Übernahmen sein, meistens in der Größenordnung bis 500 Millionen Euro Firmenwert“, sagt er.Als Übernahmekandidaten in Deutschland sehen die Aktienspezialisten von JP Morgan Salzgitter und Beiersdorf – auch, aber nicht nur wegen der hohen Cashbestände. Ein weiterer Pluspunkt sei, dass die Unternehmen an der Börse unter ihrem wahren Wert gehandelt werden. Und auch aus rein strategischen Gründen könnten die beiden Konzerne für Aufkäufer interessant sein.
So sehr eine Übernahme die Aktionäre des Zielunternehmens freut, so wenig begeistert sind die Anteilseigner des übernehmenden Konzerns. Denn oft kosten Akquisitionen viel Geld, und die Integration des neuen Unternehmens verläuft nicht unbedingt aktionärsfreundlich.
Weitaus mehr schätzen Anleger eine Erhöhung der Dividende – eine weitere Möglichkeit, die hohen Cashbestände zu reduzieren. „Wir gehen davon aus, dass die Unternehmen im Vorfeld der Hauptversammlungssaison im Frühjahr 2011 in der Breite Dividendenerhöhungen vorschlagen werden“, sagt Christian Kahler, Aktienanalyst der DZ Bank. „Nach unseren Berechnungen könnten die Ausschüttungen auf DAX-Ebene um bis zu 20 Prozent höher ausfallen als derzeit von Analysten geschätzt.“ Speziell die Automobilhersteller und Firmen aus den Sektoren Grundstoffe und Industrie dürften wieder deutlich mehr zahlen, meint Kahler.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum