von S. Parplies und S. Bauer, €uro am Sonntag
Noch knapp zwei Monate, dann jubelt ganz Deutschland mit Adidas. Etwa eine Million Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft dürfte der Konzern zur Europameisterschaft in diesem Jahr absetzen. Bei Verkaufspreisen von bis zu 80 Euro pro Stück wird das Hemd mit dem Bundesadler einen zweistelligen Millionenbetrag in die Adidas-Kasse spielen. Noch wichtiger ist jedoch der Werbeeffekt des Fußballspektakels.
Sportartikel sind dank des steigenden Gesundheitsbewusstseins auch in Krisenzeiten gefragt. Hinzu kommt das Wachstum in den Schwellenländern. Dort sind westliche Marken Statussymbole, die Nachfrage ist groß. Das gilt auch für die Adidas-Aktie: Kein Wert im DAX hat die Turbulenzen der Staatsschuldenkrise so gut überstanden wie die drei Streifen. Seit dem Vorkrisenhoch aus dem Mai des vergangenen Jahres liegt der Index elf Prozent im Minus — Adidas hat 20 Prozent an Wert gewonnen. Ähnlich erfolgreich hat SAP abgeschnitten. Da Lizenzgebühren verlässliche Einnahmen bringen, ist auch der Softwarespezialist relativ resistent gegen Konjunkturschwankungen. Zusätzlich kann auch SAP eine klare Wachstumsstrategie aufzeigen. Neueste Innovation aus Walldorf ist HANA, ein Programm, das die Arbeitsgeschwindigkeit von Datenbanken deutlich erhöht. Wie bei Adidas rechnen Analysten auch für SAP mit einem Gewinnwachstum von rund 16 Prozent im kommenden Jahr.
Ausgereizt oder unterbewertet?
Krisenfest und wachstumsstark —das ist die Mischung, die Börsianern Freude bereitet. Wie angespannt die Lage noch immer ist, erlebten Anleger in dieser Woche. Staatsschulden, Bankenkrise, Konjunkturängste —jene Dämonen, die Börsianer in den ersten Monaten des Jahres erfolgreich verdrängt hatten, verbreiten plötzlich wieder Angst. In vier Handelstagen büßte der DAX in der Spitze mehr als sechs Prozent ein. Die Börse sei keine Einbahnstraße, erinnerte Allianz Global Investors in einem Marktkommentar.
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Aktienmarktstrategen sind uneins, wie sie den größten Kursrutsch nach vier Monaten Rally interpretieren sollen. Die Optimisten mahnen zu Gelassenheit. Nach 18 Prozent Kursplus im ersten Quartal sei eine Korrektur normal. Die Unicredit bekräftigte ihr Kursziel für den DAX von 7.600 Punkten bis Jahresende. Das steht im krassen Widerspruch zur DZ Bank, die das Potenzial bei einem Kursziel von 6.600 Punkten bis Jahresende ausgereizt sieht. Der Markt sei der fundamentalen Lage der Unternehmen weit vorausgeeilt, warnen die Genossenschaftsbanker.
Der Blick richtet sich wieder mal auf Südeuropa. Dort sind die Renditen der Staatsanleihen zuletzt spürbar gestiegen, nachdem die spanische Regierung unerwartet große Probleme hatte, Käufer für neue Papiere zu finden. Das könnte einfach nur eine normale Fluktuation sein, aber auch ein Alarmsignal.
Im Winter hatte die Europäische Zentralbank 1.000 Milliarden Euro als Billigkredite an Banken vergeben, in der Erwartung, dass diese das Geld auch für den Kauf von Staatsanleihen nutzen. Die Rendite der zehnjährigen spanischen Staatsanleihe sank in der Folge von fast sieben auf deutlich unter fünf Prozent. Veröffentlichungen zeigen, dass spanische Banken knapp 70 Milliarden Euro in Staatsanleihen ihres Heimatlandes gesteckt haben. Das kettet die Banken noch stärker an das Schicksal der Staatsfinanzen und erhöht die Gefahr einer unkontrollierten Kettenreaktion in Europas Finanzsystem, falls sich die wirtschaftliche Lage verschlechtern sollte.
Auch die wichtigsten Wachstumsquellen der Weltwirtschaft bereiten Sorgen. Die USA haben eine Rezession abwenden können, die Erholung ist bislang aber verhalten. Selbst China berauscht nicht mehr mit Rekordwerten. Die Wirtschaft dort wuchs im ersten Quartal weniger stark als erwartet. Anziehende Preise für Nahrungsmittel schränken zudem den Handlungsspielraum der Staatsregierung ein.
Dennoch bleibt China der große Hoffnungsträger: Um rund acht Prozent wird die Wirtschaft des Riesenreichs im laufenden Jahr zulegen. Die Inflationsrate ist — gemessen an europäischen Standards — hoch, liegt aber weiterhin unter der Zielmarke der dortigen Staatsplaner. Wie stark die Nachfrage aus China noch immer ist, demonstrieren die Autobauer aus dem DAX, die fürs erste Quartal erneut Verkaufsrekorde meldeten. BMW steigerte den Absatz in China um 37 Prozent, Mercedes-Benz um 24, Volkswagen immerhin um über zwölf Prozent.
Welche Unternehmen am besten in den Wachstumsregionen positioniert sind, ist natürlich kein Geheimnis mehr, wie die deutlichen Kursgewinne bei Adidas oder auch BMW zeigen. Hohe Erwartungen steigern zudem das Risiko, dass die alten Favoriten enttäuschen. Ausgebombte Verlierer hingegen können zu Überraschungssiegern werden, wenn sich die Lage aufhellt. In diesem Sinn hat die britische Bank HSBC den europäischen Bankensektor auf „Übergewichten“ hochgestuft. Zum ersten Mal seit vier Jahren traut man den Titeln eine überdurchschnittliche Kursentwicklung zu. Anzeichen, dass die Gewinnsituation der Branche einen Boden findet, könnten eine Neubewertung des Sektors nach sich ziehen, kalkuliert HSBC.
Die wichtigsten Daten zum DAX
Kurzfristig reagiert die Börse nach bekanntem Muster: An schwachen Tagen rotieren Anleger reflexartig in klassische defensive Titel. Vor allem Fresenius und Fresenius Medical Care, aber auch Beiersdorf und Merck sind als Fluchtburgen beliebt. Erholen sich die Kurse, liegen die Finanzwerte vorn. Nachhaltige Trends aber werden stärker von der Entwicklung der Gewinnschätzungen getrieben. Schließlich bilden Aktienmärkte die erwarteten Gewinnsteigerungen ab.
Die vom Finanzdienst Bloomberg ermittelten Daten zeigen, dass die Stimmung für knapp zwei Drittel der DAX-Mitglieder noch immer negativ ist. Bei ThyssenKrupp haben Analysten die Erwartungen seit Anfang Januar um über 60 Prozent gekürzt. Entsprechend schwach hat sich der Aktienkurs entwickelt. Zu den positiven Überraschungen zählen weiterhin die Autowerte. Nach massiven Gewinnsteigerungen hatten Analysten mit einer Abkühlung gerechnet. Offenbar voreilig. Bei BMW sind die Gewinnschätzungen seit Jahresbeginn um mehr als zehn Prozent angehoben worden. Ein Trend, der nach den jüngsten Absatzzahlen fortgeschrieben werden dürfte.
Um Anlegern einen Überblick über die zum Teil weit
auseinanderdriftenden Perspektiven der bedeutendsten deutschen Aktien zu geben, hat €uro am Sonntag die wichtigsten Kennziffern ausgewertet. Die Daten zeigen, dass die meisten DAX-Aktien moderat bewertet sind. Bei 18 der 30 Indexmitglieder liegt der Kurs — gemessen am Buchwert — unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis liefert keine Hinweise auf eine Überbewertung.
Die Redaktion ist der Ansicht, dass Aktien mit hohem Umsatzanteil in Schwellenländern und klarem Gewinntrend Anlegern weiterhin die besten Chancen bieten. Turnaround-Spekulationen bieten sich angesichts der konjunkturellen Risiken nur in Ausnahmefällen an. Kandidat hierfür wäre am ehesten RWE. Der Versorger hat unter dem Atomausstieg gelitten, dürfte den Boden bei der Gewinnentwicklung aber erreicht haben. Banken, die am stärksten schwankenden Aktien im Index, bleiben angesichts der noch immer sehr realen Gefahren der Staatsschuldenkrise extrem riskant.
Die Offensiven: Zyklisch geprägte DAX-Werte (pdf)
Die Defensiven: DAX-Werte mit Konjunkturresistenz (pdf)
Die Problemfälle: Von Bankenkrise bis Energiewende (pdf)
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum