von Sven Parplies, €uro am Sonntag
Sonderschichten statt Kurzarbeit: Für die internationale Automobilbranche könnte 2010 das zweitbeste Geschäftsjahr der Geschichte werden. Die deutschen Hersteller, nach den Turbulenzen der Finanzkrise lange Zeit verhalten in ihren Prognosen, können die positiven Fakten nicht länger ignorieren: Man erwarte gegenüber den bisherigen Planungen eine „deutlich bessere Geschäftsentwicklung“, erklärte BMW in der vergangenen Woche. Erzrivale Daimler hatte zuvor für Mercedes-Benz den besten Juni aller Zeiten vermeldet. Im ersten Halbjahr hat die wichtigste Daimler-Sparte 15 Prozent mehr Pkw an die Kundschaft ausgeliefert als im Vorjahreszeitraum.
Auch andere Wirtschaftsbranchen brummen. Der Chemiekonzern BASF kündigte in einer Konferenz mit Analysten eine „signifikante Verbesserung“ des Vorsteuergewinns (Ebit) vor Sondereffekten im laufenden Jahr an. Selbst die Commerzbank, die während der Finanzkrise nur durch Staatshilfe vor dem Kollaps bewahrt wurde, verbreitet Optimismus: Sollten die Finanzmärkte stabil bleiben, dürfte man nach 4,5 Milliarden Euro Verlust im Vorjahr jetzt in die Gewinnzone zurückkehren, sagte Finanzvorstand Eric Strutz.
Analysten erwarten für die Ende des Monats anlaufende Berichtssaison des DAX weitere positive Nachrichten. In den vergangenen drei Monaten haben Investmenthäuser ihre Gewinnschätzungen für Deutschlands Top-Konzerne um fast zehn Prozent angehoben. Sie setzen dabei vor allem auf einen positiven Schub durch Exporte in die boomenden Schwellenländer Asiens.
Erste Quartalsergebnisse aus den USA, die traditionell vor den deutschen präsentiert werden, bestätigen den Optimismus. Neben dem Aluminiumhersteller Alcoa gab vor allem der überraschend deutliche Gewinnanstieg des Chipherstellers Intel den Aktienmärkten weltweit Auftrieb. Der DAX kletterte Anfang vergangener Woche sogar nahe an sein Jahreshoch aus dem April.
Doch auch langfristig werden sich die aktuell guten Gewinnzahlen vieler Firmen auswirken. Denn im Sog der allgemeinen Konjunkturerholung werden viele Dividendenzahlungen deutlich steigen. €uro am Sonntag hat deshalb nachgeforscht, bei welchen DAX-Firmen mit den größten Überraschungen zu rechnen ist - und wo Enttäuschungen lauern (siehe Tabelle dax_konzerne_im_dividenen_check.pdf) .
Laut den Daten des Finanzdiensts Bloomberg erwarten Analysten für das laufende Geschäftsjahr bei 28 der insgesamt 30 DAX-Mitglieder eine höhere Ausschüttung als für 2009. Bei jedem zweiten Indexmitglied wird der Anstieg nach Einschätzung der Profis sogar im zweistelligen Prozentbereich liegen.
Damit dürfte ein schmerzhafter Abwärtstrend gestoppt werden. Seit Ausbruch der Finanzkrise war die Ausschüttung der DAX-Konzerne zwei Jahre in Folge gesunken. Vier Indexmitglieder – Daimler, Commerzbank, Lufthansa und Infineon – hatten zuletzt sogar komplett auf eine Zahlung verzichtet. Und das, obwohl die Dividende gerade für langfristig orientierte Investoren ein zentraler Renditebestandteil ist. Historisch betrachtet, macht sie rund 50 Prozent der Gesamterträge aus Aktieninvestments aus.
Besonders bei Unternehmen aus zyklischen Branchen dürfen Anleger jetzt auf deutliche Dividendenerhöhungen hoffen. Den stärksten Aufschlag, wenn auch auf niedrigem Niveau, erwarten Börsianer bei K & S. Im vergangenen Jahr hatte der Düngemittelhersteller nur 20 Cent ausgeschüttet – für das laufende Jahr wird mit 92 Cent gerechnet. Bei Indexneuling HeidelbergCement und MAN sollte eine Vervierfachung der Ausschüttung möglich sein.
Selbst auf hohem Niveau dürfte der Chemiekonzern BASF noch mal drauflegen. Nach 1,70 Euro je Aktie im vergangenen Jahr erwarten die Profis jetzt im Schnitt 1,93 Euro. Das wäre sogar fast so viel wie in den Rekordjahren 2007/2008 und entspräche auf dem aktuellen Kursniveau der Aktie einer Dividendenrendite von über vier Prozent.
Sogar der Chiphersteller Infineon, zuletzt stets eine sichere Nullnummer für Dividendenjäger, verbreitet vage Hoffnung auf eine Ausschüttung. Immerhin fünf von 18 Analysten, die das Unternehmen regelmäßig beobachten, prophezeien für das laufende Jahr eine Ausschüttung von bis zu zwölf Cent je Aktie. Voraussetzung wäre, dass Infineon wie erwartet in diesem Jahr in die Gewinnzone vorrückt.

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Auf eine Nullrunde müssen sich im DAX lediglich die Aktionäre der Commerzbank einstellen. Der Konzern hatte im Zuge der Finanzkrise Staatshilfe in Anspruch nehmen müssen. Solange das Geld nicht zurückgezahlt ist, wäre eine Dividende politisch nicht zu rechtfertigen.
Nur geringe Veränderungen werden bei den Unternehmen aus defensiven Branchen erwartet. Das ist keine Überraschung. Die Gewinne von Unternehmen wie RWE und E.on sind weniger stark von Konjunkturschwankungen abhängig. Solide Erträge wiederum bedeuten Dividendensicherheit in Krisenzeiten, aber eben auch wenig Aufwärtspotenzial, wenn sich die Wirtschaftslage verbessert. Bei den Versorgern wurden die Dividendenschätzungen in den vergangenen Monaten sogar nach unten korrigiert. Unter dem Strich sollte das Vorjahresniveau aber gehalten werden. Mit Dividendenrenditen von mehr als sechs Prozent wären RWE und E.on weiter unter den Top-Werten im deutschen Leitindex.
Wie verlässlich aber sind die Prognosen der Profis? Die Erfahrung zeigt, dass die Analysten die Dynamik der Konjunkturtrends oft unterschätzen und Wendepunkte zu spät erkennen. Vor allem bei Firmen aus zyklischen Branchen sind die Schätzungen sehr schwankungsanfällig. Vor knapp zweieinhalb Jahren rechneten Analysten etwa für BMW mit einer Dividende von 1,75 Cent je Aktie für 2010. Bis Sommer vergangenen Jahres wurde die Prognose auf 46 Cent gekürzt, mittlerweile wieder – auf 67 Cent – angehoben.
Auffallend: Die Futures, über die Investoren auf die künftige Dividendenentwicklung des Euro Stoxx 50 wetten, weisen auf fallende Dividenden hin (siehe Seite 21) und stehen damit in krassem Widerspruch zum Optimismus der Analysten. Offenbar messen aktive Anleger den Konjunkturrisiken wie der hohen Staatsverschuldung der westlichen Industrienationen ein deutlich größeres Gewicht bei. Zumindest kurzfristig spricht die Dynamik für die Theoretiker. Sowohl die Unternehmensgewinne des ersten Quartals – also auch die ersten Daten für den Zeitraum April bis Juni – sprechen für deutlich steigende Gewinne im laufenden Jahr und damit für Spielraum für höhere Dividenden.
Wie dramatisch der Umschwung nach der Finanzkrise ist, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel Daimler: Nach einem Verlust von 2,6 Milliarden Euro 2009 kalkulieren Analysten jetzt mit einem deutlichen Plus. Das klingt spektakulär, ist aber machbar: Im ersten Quartal hat Daimler nach einem Verlust von knapp 1,3 Milliarden im Vorjahreszeitraum jetzt 600 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet.
Eine genauere Betrachtung der DAX-Daten zeigt außerdem, dass Analysten keineswegs einseitig euphorisch sind. Bei elf Unternehmen, also etwa einem Drittel aller Indexmitglieder, haben sie ihre Dividendenschätzungen seit Jahresbeginn gekürzt. Am deutlichsten sind die Abstriche bei der Lufthansa. Die Nachfrage in der Flugbranche zieht zwar an, Sonderfaktoren wie die durch die Aschewolke verursachten die Flugausfälle aber setzen der Kranich-Airline zu. Noch immer ist unsicher, ob der Konzern in diesem Jahr in die Gewinnzone zurückkehrt. Auch bei der Deutschen Bank, Merck und MAN ist die Konsensschätzung seit Jahresbeginn deutlich gesenkt worden.
Nur ein Konzern wird laut Einschätzung der Börsenprofis für das laufende Geschäftsjahr weniger ausschütten als 2009: die Deutsche Telekom. Konzernchef René Obermann hat Anlegern bis zum Jahr 2012 zwar eine Dividende von jeweils mindestens 70 Cent je Aktie versprochen. Viele Analysten sehen das aber offenbar als die versteckte Ankündigung einer Kürzung, schließlich zahlte die Telekom zuletzt 78 Cent.
Selbst mit den von Analysten derzeit erwarteten 72 Cent je Aktie würde der rosa Riese Anlegern aber weiterhin die höchste Dividendenrendite im DAX bieten.
Lesen Sie auf der folgenden Seite, welches die top Dividendenwerte aus dem EuroStoxx50 sind.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum