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21.04.2011 06:00

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DAX und Co: Die Dividendenlüge

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Dividenden können auch gestrichen werden
In der neuen Dividendensaison schütten allein die DAX-Konzerne 26 Milliarden Euro aus. Doch Anleger müssen aufpassen: Denn nicht alle können sich diese Großzügigkeit leisten.

von J. Lang und P. Maier, €uro am Sonntag

Die Essener Grugahalle hat manches Spektakel erlebt: Rockgrößen wie die Beatles oder die Rolling Stones, Politiker wie Willy Brandt, der hier den Wahlkampf 1969 eröffnete, nach dessen Ende er ins Kanzleramt einzog.

Seit Jahren ist der Veranstaltungsort mit seinen mehr als 7.000 Sitzplätzen Mitte April auch Schauplatz eines der größten Zahltage in Deutschland. Wenn Vorstandschef Jürgen Großmann auf der Hauptversammlung des Energieriesen RWE am kommenden Donnerstag ans Rednerpult tritt, wird er auch Punkt 2 der Tagesordnung erläutern: Die Dividende von 3,50 Euro pro Aktie. Die Zustimmung vorausgesetzt, landen einen Tag später 2,3 Milliarden Euro auf den Konten der Aktionäre.

Doch Feierstimmung wird in Essen nicht aufkommen. Denn den Aktionären schwant nichts Gutes: Es könnte auf Jahre hinaus der letzte große Zahltag gewesen sein. Noch ist RWE mit 7,4 Prozent Dividendenrendite DAX-Spitzenreiter. Die Vorzugsaktie bringt sogar 7,9 Prozent.

Deutschland ist wieder in Dividen­denlaune. Nach zwei Jahren mit sinkenden Ausschüttungen bringt die neue Dividendensaison dicke Zuwachsraten. Für das Geschäftsjahr 2010 zahlen nach Berechnungen der Commerzbank allein die 30 Unternehmen aus dem DAX 26 Milliarden Euro an die Anteilseigner aus – 30 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Neun Firmen stellen Milliardenschecks aus. Weil sich die Konjunktur positiv entwickelt hat und deutsche Produkte vor allem in Schwellenländern punkten können, gehen viele Beobachter davon aus, dass der Aufwärtstrend anhalten wird. Vielleicht ein wenig zu optimistisch.

Zumindest RWE wird sich am Wachstum der Dividendensumme kaum beteiligen können. Hier müssen sich die Anteilseigner vielmehr auf eine deutliche Senkung der Ausschüttung einstellen. Geht es nach den Analystenprognosen, werden im kommenden Jahr nur noch drei Euro ausgezahlt. Bis 2014 könnte die Dividende laut Durchschnittsschätzung der Experten auf etwa 2,80 Euro fallen. Die größten Pessimisten rechnen sogar damit, dass dann nur noch zwei Euro gezahlt werden.

In der Tat steht der Konzern vor einer Wende, die durch die Zwangsabschaltung von Block A des Kernkraftwerks Biblis noch beschleunigt wird. Auf der einen Seite belasten hohe Investitionen die Finanzrechnung. Der Versorger muss Milliarden in die Erneuerung der Kraftwerke stecken, zudem wird RWE wegen des hohen Anteils an verstromter Kohle zunehmend Emissionsrechte kaufen müssen. Erneuerbare Energien steuern bisher nur einen geringen Anteil zum Gesamtumsatz bei.


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Hohe Dividendenrenditen gelten als Kaufargument für Aktien. Besonders, wenn festverzinsliche Wert­papiere deutlich niedriger rentieren. Doch Vorsicht: „Es werden Äpfel mit Birnen verglichen“, warnt Philipp Bärtschi, Chefstratege bei der ­Schwei­zer Privatbank Sarasin. „Dividendenzahlungen sind keineswegs ­sicher, sondern können jederzeit ­ausgesetzt werden.“ Anleihen von si­cheren Schuldnern wie der Bundes­republik Deutschland zahlen am Laufzeitende den Nennwert des Papiers zurück. Dazu erhält der Anleihenbesitzer noch einen Kupon.

Wer jedoch eine Aktie kauft, muss mit zwei Unbekannten umgehen: der Höhe der jährlichen Ausschüttung und der Ungewissheit, wo der Kurs nächste Woche, nächsten Monat oder auch in zehn Jahren stehen wird.

Bittere Erfahrungen mussten Anleger beispielsweise 2007 machen. Damals zählten Finanzwerte zu den attraktivsten Dividendenzahlern. Ein Jahr später hatten sie mehr als die Hälfte an Börsenwert verloren. Bis heute ist nur ein Teil davon wieder aufgeholt worden. Da relativiert sich selbst eine Dividendenrendite von mehr als fünf Prozent.

Das weiß auch Jan Ehrhardt, der den Investmentfonds DJE Substanz & Dividende managt: „Bei ganz hohen Dividendenrenditen bin ich eher skeptisch. Sie können auch ein Signal für künftige Kürzungen sein.“

Weil die Dividende immer eine Vergangenheitsbetrachtung ist und der Kurs die aktuelle Situation widerspiegelt, liegt die Vermutung nahe, dass schwache Notierungen schon ein Indiz für rückläufige Ausschüttungen der Zukunft sein könnten.

Unter den neun Milliardenzahlern im DAX beispielsweise werden es ­neben RWE zumindest Munich Re, Allianz und Eon schwer haben, das aktuelle Niveau zu halten. Hier besteht sogar die Gefahr von teilweise empfindlichen Kürzungen. Bei Munich Re, dem größten Rückversicherer der Welt, belasten beispielsweise hohe Schäden aus Naturkatastrophen die Ertragsrechnung für 2011. Noch gehen manche Analysten davon aus, dass der Gewinn nur leicht sinken wird. Doch das Großschadensbudget des gesamten Jahres hat Munich Re bereits nach drei Monaten vollständig aufgebraucht. Und weitere Schäden dürften folgen. Beispielsweise ist unklar, wie viele Betriebe in den kommenden Monaten ihre Produktion einstellen müssen, weil die weltweite Lieferkette wegen des Erdbebens in Japan unterbrochen ist. Belastungen aus Betriebsunterbrechungsversicherun­gen wären die Folge. Fraglich ist deshalb, was von den 6,25 Euro, der absolut höchsten Dividende pro Aktie aller DAX-Werte, übrig bleiben wird.

Das Unternehmen hat neben den Schadensbelastungen noch weitere offene Baustellen. Das Kapitalanlageergebnis, das den Löwenanteil zum Konzerngewinn beisteuert, droht unter Druck zu geraten. 57 Prozent der Anlagen in Höhe von 196 Milliarden Euro sind in festverzinsliche Wert­papiere investiert. Wenn die Zinsen steigen, führt das zu Kursverlusten. Zudem nehmen die Eigenkapital­anforderungen für Versicherungen zu. Und jeder ausgeschüttete Euro ­reduziert die Haftungsmasse.

Während Munich Re vielleicht schon 2012 wieder Verbesserungen wird melden können, weist der langfristige Trend bei der Deutschen Telekom, dem größten Dividendenzahler im Land, nach unten. Für das Geschäftsjahr 2010 (Hauptversammlung am 12. Mai) wurde die Dividende bereits um acht Cent auf 70 Cent pro Aktie reduziert. Das war auch nötig. Schon seit 2007 schüttet das Unternehmen mehr aus als den in der Bilanz ausgewiesenen Nettogewinn. So auch 2011: Der Überschuss betrug im vergangenen Jahr 1,7 Milliarden Euro. Für die Dividendenzahlung sind jedoch drei Milliarden nötig.

Die Telekom behilft sich hier mit einem Kunstgriff und bereinigt das Ergebnis um Sondereinflüsse. Deren Summe beläuft sich für die vergangenen fünf Jahre auf knapp zehn Milliarden Euro. Die Nettoverschuldung stieg im selben Zeitraum um mehr als 2,5 Milliarden Euro an. Auch hier muss die Frage erlaubt sein, wie lang das Unternehmen diesen Sub­stanzverlust noch verkraften kann. Ist die Dividendenrendite von immer noch 6,3 Prozent wirklich attraktiv?

2010 hatte die Deutsche Telekom beschlossen, dass die Dividende pro Aktie für die Geschäftsjahre 2010 bis 2012 mindestens 70 Cent betragen soll. Aufgrund des geplanten Verkaufs von T-Mobile USA an den US-Konzern AT & T für 28 Milliarden Euro wird das Management dieses Dividendenversprechen wohl halten können. Scheitert der Verkauf allerdings an den US-Kartellbehörden (was nicht ausgeschlossen ist), dürfte es eng werden. Dann muss der Konzern hohe Investitionen stemmen, um seinen US-Marktanteil und den Einnahmenstrom aus Übersee zu erhalten.

Dass sich die Bonner so hohe Zahlungen an die Anteilseigener leisten können, lässt sich anhand des Zahlenwerks nur über den Cashflow rechtfertigen. Hohen Abschreibun­gen standen in den vergangenen Jahren geringere Investitionen gegen­über. Mit diesen gesparten Investi­tionen gelang auch für 2010 eine Punktlandung bei der Dividende.

Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum
Seite: 12

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