von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag
Die Nervosität ist überall spürbar. Sorgen, dass Portugal als nächstes Land unter den EU-Rettungsschirm flüchten muss, zogen den deutschen Leitindex DAX vergangene Woche ins Minus. Um über sechs Prozent legte der Volatilitätsindex VDAX zu, das Angstbarometer der Börse. Tags darauf hellt sich die Stimmung plötzlich auf: Positive Unternehmensnachrichten, allen voran prallvolle Auftragsbücher bei Siemens, katapultieren den DAX wieder über die 7000-Punkte-Marke.
Als am Mittwoch noch eine Auktion portugiesischer Staatsanleihen glückte, schossen Banktitel europaweit bis zu zehn Prozent in die Höhe, Deutsche und Commerzbank wurden mit nach oben gerissen. Die ersten Tage des neuen Jahres 2011 liefern bereits einen Vorgeschmack auf die Achterbahnfahrt der kommenden Monate, auf Risiko, Unsicherheit und hohe Volatilität. Eskaliert die europäische Schuldenkrise? Macht die Exportkonjunktur schlapp? Wie rasch steigt der Inflationsdruck? Was wird aus China, was aus Amerika?
„Die Risiken sind erheblich, Rückschläge wären keine Überraschung“, bringt Christoph Schmidt, Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), die Lage in Deutschland auf den Punkt. „Dabei sieht es mittelfristig ganz gut aus“, glaubt der Wirtschaftsweise. Was alles möglich ist, hat die Wirtschaft hierzulande bereits 2010 gezeigt. Um 3,6 Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt zu – das stärkste Wachstum seit der Wiedervereinigung. Und das nach einem Minus von 4,7 Prozent 2009, dem schlimmsten Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik. Es ist eine Zeit der Extreme, die bei aller Nervosität auch Chancen eröffnet, weil Dynamik das Bild bestimmt. Auch in den Kursen.
DAX-Favoriten 2011:
Auswahl-Elf der Redaktion von Euro am Sonntag (PDF)
Schmidt rechnet mittelfristig mit einem eher flachen, aber stabilen Wachstum für die Wirtschaft – und mit Anlegern, die ihr Geld vorzugsweise in Deutschland investieren dürften. „In der Vergangenheit litten wir unter den viel zu knapp ausgefallenen Investitionen“, sagt Schmidt. „Das wird jetzt nachgeholt.“
Der Status Deutschlands als sicherer Hafen in Europa spiele eine zentrale Rolle. „Investoren werden es sich nun zweimal überlegen, ob sie ihr Geld in Ländern wie Griechenland oder Spanien anlegen.“ Davon dürfte unterm Strich auch der deutsche Aktienmarkt profitieren, allen voran der DAX. Nur: Welche Werte werden den Leitindex antreiben, welche eher bremsen?
Nach ausführlicher Analyse, Gesprächen mit führenden Börsenexperten und einer lebhaften Diskussion hat sich die Redaktion von €uro am Sonntag auf elf Favoriten aus dem DAX festgelegt, die in diesem Jahr das Rennen machen dürften. Es sind Industrie- und Fahrzeugwerte darunter, Technologie- und Verkehrsdienstleister, auch ein Versorger darf nicht fehlen.

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Die Finanzbranche klammerte die Redaktion allerdings nahezu einhellig aus: Bei Banken- und Versicherungswerten ist zu unklar, welche Belastungen auf die Häuser noch zukommen, in welcher Weise sie zur Finanzierung der Schuldenkrise herangezogen werden, welche Leichen sie noch im Keller haben. Doch per saldo wird der Aufwärtstrend an den Aktienmärkten 2011 anhalten.
„Trotz der europäischen Schuldenkrise halten wir an unserem DAX-Ziel von 8200 Punkten für 2011 fest“, sagt Commerzbank-Stratege Markus Wallner. „Fundamental spielen Länder wie Griechenland, Irland oder Portugal für deutsche Exportfirmen ohnehin kaum eine Rolle.“ Zwar könnten sich durch die Irritationen an den Kapitalmärkten negative Auswirkungen auf die Aktienkurse ergeben.
„Wir glauben aber, dass der DAX wegen der guten Unternehmensdaten nicht unter 6500 Punkte sinken wird. Wenn es zu Rückgängen kommt, könnten sich dadurch auch wieder günstige Einstiegsmöglichkeiten ergeben.“ Welche Marschrichtung die Unternehmen 2011 einschlagen, wird sich bereits in den kommenden Wochen abzeichnen, wenn die Zwischenberichte zum vierten Quartal 2010 und die Ausblicke auf 2011 vorgelegt werden. Commerzbank-Stratege Wallner rechnet damit, dass das Gewinnniveau im Schlussquartal um 30 Prozent über dem Vorjahreswert liegen wird. Das ist allerdings deutlich weniger als im zweiten und dritten Quartal, als noch Gewinnsteigerungen von 80 beziehungsweise 70 Prozent zu verzeichnen waren.
Doch auch wenn sich das Wachstum wegen des Basiseffekts im Jahresverlauf weiter abschwächen und auf einen normalen Wert von etwa zehn bis 30 Prozent einpendeln würde, könnte sich dies immer noch sehen lassen, meint Wallner: „Denn die Unternehmen sind nicht mehr weit weg von den Bestmarken aus dem Jahr 2007 – oder werden sie sogar übertreffen.“ Davon ist auch DZ-Bank-Chefstratege Christian Kahler überzeugt. Getrieben von Kostensenkungsmaßnahmen und vom Rückenwind durch das Exportgeschäft, würden die DAX-Konzerne bereits 2011 wieder so viel verdienen wie 2007. „Aktuell weist der DAX noch eine deutliche Unterbewertung von rund 20 Prozent gegenüber den historischen Durchschnitten auf.
Schon die attraktive Dividendenrendite von 3,3 Prozent illustriert die günstige Bewertung.“ Weil gleichzeitig Alternativanlagen wenig Rendite abwerfen (oder volatiler sind), sollten Mittelzuflüsse den DAX seiner Meinung nach bis zur Jahresmitte auf 7500 Punkte steigen lassen.
Dabei werde das Erholungstempo des Index im zweiten Halbjahr an Fahrt verlieren, die Staatsschuldenkrise und ein schwächeres Wirtschaftswachstum könnten den Anstieg des Aktienmarkts dann verlangsamen. Weitere Risiken wie schwächeres Wachstum in China, Diskussionen über Zinsanhebungen durch die EZB oder eine schwache US-Konjunktur blieben akut. Trotzdem: Am Jahresende könnte das Börsenbarometer Kahler zufolge bei 7700 Punkten stehen.
Nicht ganz so weit will Deutsche-Bank-Stratege Lars Slomka gehen, der den Index zum Jahresende bei 7400 Punkten sieht. Dabei werde die Verschuldungskrise in den europäischen Peripheriestaaten weiter ein Thema sein, das die Gemüter erhitzt. Vor allem die angespannte Situation in Spanien könne zum Härtetest werden. Doch das Land werde die richtigen Maßnahmen ergreifen, um die Märkte zu beruhigen, hofft Slomka.

Die Deutsche Bank ist skeptisch gegenüber der Politik
Ungemach wittert die
Deutsche Bank aus einer ganz anderen Richtung. „Wir sehen die deutsche Politik 2011 als potenziellen Risikofaktor für inländische Unternehmen“, sagt Slomka. „Die politische Landschaft mit fünf Parteien ist komplexer geworden, die Wähler ändern ihre Meinung viel schneller.“ Während die Regierungsparteien CDU/CSU und FDP seit der Wahl im September 2009 in der Wählergunst stark eingebüßt hätten, zählten die Grünen zu den größten Gewinnern. Sie verfolgen allerdings eine weniger unternehmensfreundliche Politik, warnt der Banker. „Die zunehmende Unzufriedenheit mit der Regierung zusammen mit sechs Wahlen in den Bundesländern könnte für deutsche Unternehmen 2011 kritisch werden.“
Unabhängig davon werde sich das Wirtschaftswachstum in Schwellenländern 2011 weiter positiv entwickeln. Deutschland werde wegen seiner Exportorientierung einer der Hauptprofiteure sein, ist Slomka überzeugt. Viele deutsche Firmen profitieren von der rasanten Aufwärtsentwicklung in den Schwellenländern nicht nur durch direkten Export, sondern auch, weil sie über global erfolgreiche Geschäftsmodelle verfügen, die sie immer geschickter und wirkungsvoller einsetzen.
Ein gutes Beispiel sei Linde, der weltweit zweitgrößte Gasehersteller. Slomka: „In der Branche beherrscht ein Oligopol von fünf Firmen drei Viertel des Weltmarkts, weshalb es für Wettbewerber hohe Marktzutrittsbarrieren gibt. Zudem ist Linde mit einem Absatzanteil von rund 40 Prozent hervorragend in den Schwellenländern vertreten.“ Der Favorit von DZ-Bank-Chefstratege Kahler heißt BASF. Der weltgrößte Chemiekonzern hat rund um den Globus Topmarktpositionen inne und erreicht seine Gewinnziele schneller als geplant. Durch Marktanteilsgewinne profitiert BASF überproportional vom Wachstum in den Schwellenländern, was zusammen mit einer leichten Unterbewertung weiteres Kurspotenzial verspricht.
Starke Konjunktur, gut positionierte Unternehmen, noch immer Aufholpotenzial in den Kursen und der Mangel an sinnvollen Anlagealternativen sprechen 2011 also für ein Investment in deutsche Aktien. Die Dividendenpapiere empfehlen sich aber auch noch aus einem anderen Grund: Angesichts der expansiven Geldpolitik der Notenbanken sind über kurz oder lang höhere Inflationsraten zu erwarten, auch wenn sich das in den offiziellen Preisstatistiken noch nicht abzeichnet. Den realen Wert des Vermögens zu erhalten, wird demzufolge zum dominierenden Anlageziel, Sachwerte rücken immer stärker in den Vordergrund. Und neben Immobilien und Rohstoffen sind dabei vor allem auch solide Aktien erste Wahl, wenn es darum geht, sich gegen Geldentwertung zu wappnen.
Für Bert Flossbach, Mitgründer der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch, gilt gerade vor diesem Hintergrund, dass „letztlich keine Anlageform einen besseren Schutz vor Inflation bietet als die Aktie“.
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Bildquellen: Krones