27.06.2012 03:00
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Euro-Schuldenkrise: Flucht aus dem Euro - Die Alternativen

Soll die Eurozone überleben, müssen wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen fallen
Euro am Sonntag-Titel
Griechenland bleibt (vorerst) in der Gemeinschaftswährung. Dennoch entwickelt sich die Schuldenkrise zum Flächenbrand. In welchen Währungen Anleger jetzt Schutz suchen.
€uro am Sonntag

von Peter Gewalt, Euro am Sonntag

Seit einer Woche sind europäische Experten zum Hilfseinsatz in Athen. Mit erstaunlichem Erfolg: Die Waldbrände südlich der griechischen Hauptstadt waren dank italienischer und französischer Einsatzkräfte innerhalb weniger Tage eingedämmt.

Wirtschaftlich und schuldentechnisch brennt es in Athen aber weiter lichterloh. Immer noch droht ein Flächenbrand, der die Eurozone pulverisiert. Daran hat der Wahlsieg der Konservativen Partei bei den Parlamentswahlen vergangenen Sonntag wenig geändert. Er hat zu einer Dreier-Regierungskoalition von Eurobefürwortern in Athen geführt.

Wie brennend das Problem ist, daran wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche beim Gipfel der 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen in Mexiko von den anderen Regierungschefs recht deutlich erinnert. Ob die USA, Großbritannien oder China — alle drängen die Kanzlerin, die Eurokrise mit mehr deutschem Geld oder mehr gemeinsamer Schuldenaufnahme zu bekämpfen, ehe sie das Weltwirtschaftssystem in den Abgrund stürzt.

Doch am Ende des zweitägigen Treffens gab es erneut eine Menge unverbindlicher Erklärungen und nur ein wenig mehr Hoffnung. Eine mögliche Bankenunion steht ebenso im Raum wie eine stärkere finanzpolitische Zusammenarbeit der Euroländer und der Aufkauf von Anleihen Not leidender Staaten.

Noch winkt Merkel ab
Wieder einmal soll der nächste Krisengipfel wichtige Fortschritte bringen. Am Freitag trafen sich daher die Regierungschefs von Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland in Rom (bei Redaktionsschluss nicht beendet), eine Woche später kommen die Staats- und Regierungschefs der EU zusammen, um über Hilfsmaßnahmen zu diskutieren.

Ganz oben auf der Wunschliste der Problemländer steht der Aufkauf ihrer Staatsanleihen durch die Rettungsschirme ESM und EFSF ohne Auflagen. Damit würden die hohen Zinsen, die Italien und Spanien auf dem Anleihemarkt aufbringen müssen, künstlich verringert. Im Gespräch ist auch die Einführung von Euro-Bills, also Geldmarktpapieren mit Laufzeiten von bis zu einem Jahr, die von allen Eurozonenstaaten gemeinsam begeben werden. Dies würde die Kosten der Schuldenaufnahme für Spanien und Co deutlich reduzieren, für Deutschland aber erhöhen. Bisher kommt aus Berlin daher zu beiden Vorschlägen ein klares Nein, ohne andere Lösungsansätze zu nennen.

Beide Seiten pokern hoch, doch die Zeit drängt. „Denn das Schicksal der Eurozone entscheidet sich bis Ende des Jahres“, prophezeit Andy Howse, Investmentdirektor des Rententeams bei der US-Fondsgesellschaft Fidelity. Pessimistisch ist Georg Schuh, Chef-Anlagestratege der Deutschen-Bank-Sparte DB Advisors, die weltweit über 100 Milliarden Euro für institutionelle Investoren verwaltet: „Ein Auseinanderbrechen der Eurozone ist ein sehr wahrscheinliches Szenario.“

Die Stimmung verschlechtert sich
Denn immer stärker zeigt sich: Die Währungsunion funktioniert ohne politische Union nicht. Soll die Eurozone überleben, müssen wichtige wirtschafts- und finanzpolitische Entscheidungen zentral fallen. Doch selbst die Not leidenden Länder wollen keine Abgabe von Souveränitätsrechten an Brüssel. „Es muss erst eine Katastrophe eintreten, um die Länder zu tragfähigen politischen Entscheidungen zu zwingen“, meint Howse. „Dies könnte etwa die Flucht Italiens unter den Rettungsschirm sein.“

Bis dahin laufen die Rettungsversuche ins Leere. So währte die erhoffte Entlastung durch den gewünschten Wahlsieg Antonis Samaras’ ähnlich kurz wie die Ankündigung der 100-Milliarden-Spritze für die Not leidenden spanischen Banken eine Woche zuvor. Nach einigen Stunden Euphorie herrschte an den Rentenmärkten wieder tiefe Depression. Die Rendite spanischer Anleihen sprang vergangene Woche zwischenzeitlich über sieben Prozent, auch die italienischen Anleihen fielen im Wert.
Für die hoch verschuldeten Länder, die zudem in der Rezession stecken, eine kaum haltbare Finanzierungsbürde. Schon wird offen spekuliert, wann die Spanier ebenfalls unter den Rettungsschirm schlüpfen werden. „Das ist nur noch eine Frage der Zeit angesichts der Probleme der spanischen Banken, die auf einem Berg fauler Immobilienkredite sitzen“, meint etwa Michael Hewson, Leiter Marktanalyse bei CMC Markets. „Danach dürften die internationalen Investoren ihr Vertrauen in Italien verlieren.“

Und solange politische Lösungen auf sich warten lassen, verschlechtert sich die Stimmung und wirtschaftliche Lage in der Eurozone. So brach der ZEW-Index im Juni als Indikator für die Stimmung der deutschen Investoren so massiv ein wie seit 14 Jahren nicht mehr. Auch die neuen Wirtschaftsdaten lassen Schlimmes befürchten. Die Konjunktur befindet sich in einigen Ländern der Eurozone im freien Fall. Mit Auswirkungen auf Deutschland. Die Exportaufträge gingen im Juni hierzulande so stark zurück wie seit April 2009 nicht mehr.

Wegen des politischen Stillstands müssen daher wieder einmal die Notenbanken die Kastanien aus dem Feuer holen. Die Europäische Zentralbank, da sind sich die Experten sicher, wird eingreifen. Laut Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Citigroup für die Eurozone, könnten sich die Leitzinsen im dritten Quartal auf 0,5 Prozent halbieren. Da die Zinsentwicklung in der Eurozone stets den Arbeitslosenquoten folge, die zuletzt stark gestiegen sind, erwartet er bereits im Juli die nächste Senkung. Das niedrige Zinsniveau könnte bis 2016 Bestand haben. „Wir müssen uns auf eine lange Phase negativer Realzinsen gefasst machen“, sagt Michels.

Fluchtwährungen sind gefragt
Niedrige Zinsen, schwache Wirtschaftsleistung, dazu die Möglichkeit eines Auseinanderbrechens der Währungsunion. Kein Wunder, dass immer mehr Anleger ihr Vertrauen in den Euro verlieren, der seit 2008 gegenüber dem US-Dollar um mehr als 20 Prozent an Wert eingebüßt hat.

Fluchtwährungen wie die Norwegische Krone haussieren dagegen. Die Euroschwäche bringt zudem Deutschlands Nachbarn in Schwierigkeiten. So müssen die Schweizer und die dänische Notenbank gegen die Aufwertung der Währungen mit Milliarden intervenieren, damit die heimische Exportindustrie nicht leidet. „Sicherheitsorientierte Investoren setzen stark auf Staatsanleihen, etwa aus der Schweiz, Australien, Großbritannien, Norwegen und Singapur“, sagt Howse.

Ob deutsche Staatsanleihen weiter als sichere Häfen gelten dürfen, ist dagegen unter Experten umstritten. Die möglichen exorbitanten finanziellen Belastungen Deutschlands bei einer Eskalation der Krise oder einem Auseinanderbrechen der Eurozone lassen die Papiere als nicht mehr ganz so risikolos erscheinen. Anleger wie der Anleiheinvestor Pimco haben sich daher schon zurückgezogen, Hedgefonds setzen inzwischen auf Kursverluste.
Auch für Deutschland ist die Situation mittlerweile brandgefährlich geworden.

Investor-Info

Euro
An Vertrauen verloren
Die Krise der Eurozone hat seit Anfang 2012 zur Aufwertung von Währungen geführt, die als vergleichsweise sichere Häfen eingeschätzt werden. Bei einem aktuellen Kurs von rund 1,26 US-Dollar ist für die europäische Einheitswährung aber noch Luft nach unten. Bei seiner Einführung notierte der Euro 1999 um 1,17 Dollar je Euro. Zwischenzeitlich war sein Wert aber auch auf rund 85 US-Cent gesunken.

Griechenland
Grexit droht weiter
Ist das Griechenland-Austritts-Problem mit der neuen Regierung in Athen nun vom Tisch? Nein, denn unklar ist, wie die Troika aus EU, Eurozone und Internationalem Währungsfonds auf die nicht erfüllten Sparauflagen und den Wunsch der Griechen reagieren, bereits beschlossene Konditionen neu zu verhandeln. Wahrscheinlich ist, dass die Troika den Griechen mehr Zeit für die Reformen einräumt. Die grundlegenden Wirtschaftsprobleme sind damit aber nicht gelöst, ein Scheitern der neuen Regierung daher nicht unwahrscheinlich. Obwohl Renten und Beamtenbezüge gekürzt und weitere Sparmaßnahmen vorgenommen wurden, gibt Griechenland mehr Geld aus, als es einnimmt. So liegt das Leistungsbilanzdefizit bei knapp zehn Prozent. Die Einschätzung von Michael Hewson, Leiter Marktanalyse bei CMC Markets, ist daher eindeutig: „Ich rechne damit, dass Griechenland in den kommenden zwölf Monaten die Eurozone verlassen muss.“

Investments
Hartwährungsanleihen-Fonds
Auf harte Valuta setzt der Berenberg Hartwährungsanleihen-Fonds, der seit Mai auf dem Markt ist. „Wir investieren in Anleihen von Staaten, deren Währung stabil ist, weil sie eine tragfähige Verschuldung und eine robuste Volkswirtschaft aufweisen“, sagt Fondsmanager Dirk Springer. Diese Auswahlkriterien führen dazu, dass der Fonds aus einem Mix aus Schwellen- und Industrieländeranleihen besteht. So investiert Springer in etablierte Nationen wie die Schweiz, Australien, Norwegen und Kanada, aber auch in Länder wie China und Russland. Für Europessimisten als Beimischung empfehlenswert.
ISIN DE000A1JUU12/ WKN: A1JUU1

Bildquellen: istock/DNY59
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