von Christoph Platt, €uro am Sonntag
Langsam wälzt sich der gigantische Caterpillar-Muldenkipper über die Straßen der Cripple Creek & Victor Mine im US-Bundesstaat Colorado. Der Bergbaukonzern AngloGold Ashanti ist hier, im Herzen der USA, auf der Suche nach dem begehrtesten aller Edelmetalle: Gold. Im Tagebau werden Jahr für Jahr rund 250.000 Unzen des Rohstoffs gefördert – umgerechnet 7.750 Kilogramm.
Ein Geschäft, das sich inzwischen wieder so richtig lohnt. Seit 2005 ist der Preis für eine Unze Gold von gut 400 US-Dollar auf nun über 1.500 Dollar gestiegen. Seit Wochen hält sich der Preis knapp unterhalb seines Allzeithochs von 1.564 Dollar. Die Sorgen um die Schuldenkrisen vieler Staaten und die Furcht vor einer steigenden Inflation haben zu diesem Anstieg geführt.
Seltsam ist nur: Von einer solchen Hausse profitieren normalerweise diejenigen Unternehmen am meisten, die mit der Förderung des Edelmetalls ihr Geld verdienen. Doch seit einigen Monaten gilt diese Regel nicht mehr.
Während sich der Goldpreis gut entwickelt hat, schwächeln die Aktien der Minengesellschaften. Seit Jahresbeginn stieg der Goldpreis um neun Prozent. Minenaktien dagegen verloren – gemessen am Index FTSE Gold Mines – zehn Prozent ihres Werts.
Diese Diskrepanz ist so stark ausgeprägt wie selten. „Eine derart große Lücke gab es zuletzt Ende 2008“, berichtet Georges Lequime, Analyst der Earth Resource Investment Group.

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„Die Einstiegschancen bei Minentiteln waren schon lange nicht mehr so günstig“, erklärt deshalb Martin Siegel von der auf Rohstoffe spezialisierten Investmentboutique Stabilitas. Aktien von großen bis mittelgroßen Produzenten seien so niedrig bewertet wie seit der Lehman-Pleite 2008 nicht mehr.
Ein Blick auf das Verhältnis des Aktienkurses zum Gewinn (KGV), das traditionell als Bewertungsmaßstab herangezogen wird, bestätigt dies. „Historisch wurden die Top-Goldproduzenten mit KGVs zwischen 30 und 50 gehandelt. Derzeit liegen sie zwischen zehn und 20“, sagt Siegel.
Auch das Verhältnis vom Aktienkurs zum Nettoinventarwert (NAV), also dem gesamten realen Wert eines Unternehmens, befindet sich auf niedrigem Niveau. Aktuell steht dieser Wert branchenweit bei eins. Das bedeutet: Der Aktienkurs deckt ziemlich genau das tatsächliche Vermögen eines Konzerns ab . Künftige Erfolge gibt es damit sozusagen zum Nulltarif.
Viele Jahre lang war dieser Wert deutlich höher – von 1980 bis 2005 lag er laut Lequime sogar fast bei zwei. Die Unternehmen wurden also fast für das Doppelte ihres tatsächlichen Werts gehandelt. Seit Ende 2005 nimmt das Verhältnis fortwährend ab. Besonders deutlich ist dieser Trend in den vergangenen zwei Jahren ausgeprägt.
Doch woran liegt das? Warum greifen Anleger trotz des hohen Goldpreises und der günstigen Bewertung der Minengesellschaften bei den Minenaktien nicht richtig zu? Hauptgrund ist die allgemeine Unsicherheit, die die Märkte erfasst hat. Die Schuldenkrise im Euroraum, Diskussionen über die Politik des billigen Geldes der amerikanischen Notenbank und schwächere Konjunkturdaten weltweit haben allgemein zu einer neuen Skepsis gegenüber Aktien geführt.
Branchenspezifische Gründe kommen hinzu: So sind die Kosten für Energie stark gestiegen. Das wirkt sich auf die Margen der energiehungrigen Konzerne aus. Zudem wachsen die Ausgaben für die Erfüllung von Umweltauflagen, die in den vergangenen Jahren deutlich verschärft wurden.
Darüber hinaus ist problematisch, dass sich die Unternehmen immer stärker in politisch instabilen Regionen engagieren müssen, um neue Förderstätten zu erschließen. „Gerade die großen Konzerne haben mit diesem Problem zu kämpfen“, sagt Gerd-Henning Beck, Rohstoffexperte der Fondsgesellschaft Lupus alpha. Auch Diskussionen über die Erhebung von Sondersteuern auf Minengewinne sorgen immer wieder für Ärger.
Diese Probleme können jedoch nicht über die deutliche Unterbewertung vieler Firmen hinwegtäuschen. „Eine solch extreme Lücke zwischen Goldpreis und Aktienkursen der Minengesellschaften war noch nie von Dauer“, betont Analyst Lequime. Die Chancen stehen also gut, dass die Minenaktien den Abstand aufholen werden.
Es gibt allerdings noch eine zweite Möglichkeit, wie sich die Lücke schließen könnte: durch eine starke Korrektur des Goldpreises. Doch die erscheint unwahrscheinlich. „Eher steigt der Goldpreis auf 2.000 oder 2.500 Dollar, als dass er auf unter 1.000 Dollar fällt“, sagt Lupus-alpha-Mann Beck. „Aus fundamentaler Sicht ist Gold extrem gut unterstützt“, sagt er. „Außerdem zeigt das Edelmetall eine relative Stärke gegenüber allen anderen Anlageklassen.“Wollen Anleger das Thema Gold spielen, haben sie grundsätzlich die Wahl zwischen Investments in physisches Gold (siehe Artikel nächste Seite) und dem Kauf von Minenaktien. Sie müssen sich jeweils nach den eigenen Vorlieben entscheiden. „Physisches Gold ist eine wirklich defensive Geldanlage, die dazu dient, das Vermögen zu erhalten“, sagt Lequime. „Bei Minengesellschaften steht die Investition in ein Unternehmen im Mittelpunkt.“ Hier spielen Gewinnmargen, Kapitalflüsse und natürlich Managementqualitäten eine entscheidende Rolle.
Innerhalb der Minenbranche müssen Anleger genau unterscheiden – zwischen den großen etablierten Goldförderern und kleineren Firmen. Investoren, die auf Nummer sicher gehen wollen, sollten Aktien von großen, stabilen Konzernen wie Barrick Gold, Goldcorp oder Kinross Gold kaufen, rät Stabilitas-Experte Siegel. Deutlich spekulativer sind die Anteilscheine von Betreibern kleinerer Minen (Juniors) und Explorern, die neue Abbaustätten ausfindig machen wollen – und vielleicht auch mal auf eine so ertragreiche Mine wie in Colorado stoßen.
Investor-Info
Gold versus Minenbetreiber
Große Diskrepanz
Im Regelfall folgen die Aktienkurse von Goldminengesellschaften dem Goldpreis. Denn wenn das Edelmetall teurer wird, steigt auch der Wert der Minen, und die Betreiber verdienen mehr. Seit Jahresanfang und insbesondere seit Mai ist diese Regel anscheinend außer Kraft gesetzt: Gold wird ständig wertvoller, doch die Minenaktien profitieren von dem Preisanstieg nicht.
Wertentwicklung Gold & Goldminen (pdf)
Kinross Gold
Gigant vor dem Comeback
Kinross ist der viertgrößte Goldproduzent der Welt. Unter den Schwergewichten der Branche gilt der Konzern als stark unterbewertet. Die Gewinnschätzungen der Analysten wurden im ersten Quartal übertroffen. Doch die teure Übernahme von Red Back Mining 2010 belastet noch immer. Dank starker Bilanzen und Finanzen dennoch ein aussichtsreicher Comeback-Kandidat.
Northgate Minerals
Riskant, aber aussichtsreich
Das Unternehmen betreibt drei Minen in Kanada und Australien. Im Fokus steht derzeit die Inbetriebnahme der Young Davidson Mine in Ontario, Kanada, im ersten Quartal 2012. Neue Goldfunde legen nahe, dass die Kapazitäten größer sind als angenommen. Die Firma dürfte ein Übernahmekandidat sein. Riskante, aber chancenreiche Investition. Nur limitiert ordern.
Julius Bär MP Gold Equity
Goldene Mischung
Der Fonds investiert zu mindestens zwei Dritteln in Aktien aus dem Sektor der Goldindustrie. Die Unternehmen im Portfolio dürfen sich aber auch mit anderen Edelmetallen befassen. Der Fonds kauft zudem Vehikel, die dem Goldpreis folgen, zum Beispiel ETFs. Er bietet Anlegern demnach eine Mischung aus Gold und Aktien.
Bildquellen: Creativ Collection