von K. Schachinger und P. Gewalt, €uro am Sonntag
Während Athen brennt, atmet Europa auf. Im Parlament konnte der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou eine neue Runde rigider Sparpläne durchsetzen. Das macht den Weg frei für Hilfen der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Börse reagiert mit Kursgewinnen.
Doch eine tragfähige Lösung für die Schuldenproblematik in den Peripheriestaaten der Eurozone ist nicht in Sicht. Die Belastung bleibt, genauso wie die Folgen der wirtschaftlichen Schäden für Japans Wirtschaft nach dem verheerenden Tsunami und der dadurch ausgelösten Atomkatastrophe. Und mit dem Auslaufen des milliardenschweren Hilfsprogramms der US-Notenbank ist angesichts des schwachen Wachstums der amerikanischen Wirtschaft die Furcht vor einem Rückfall in die Rezession gestiegen.
Die Welle schlechter Nachrichten drückt aufs Gemüt der Börsianer. Umso erstaunlicher: Die Aktienmärkte der westlichen Industrienationen trotzten im ersten Halbjahr dem unsicheren Umfeld. Denn vor allem US-Konzerne und deutsche Unternehmen überraschten während der Bilanzsaison zum ersten Quartal in schöner Regelmäßigkeit mit rekordverdächtigen Zahlen. Doch jetzt steigt in Amerika die Sorge, dass die Anzahl der negativen Überraschungen in der nächsten Bilanzsaison, die am 11. Juli startet, wieder zunehmen könnte.
Prognosen fürs zweite Halbjahr 2011: Die Einschätzung der Banken (PDF)
Die Jahresziele vieler Banken für die großen US-Börsenindizes Dow Jones, Nasdaq 100 und S & P 500 sind daher verhalten, wie eine Umfrage unserer Redaktion unter 18 renommierten Häusern ergab. US-Anleger passen ihre Strategie bereits an die lahmende Konjunktur an und schichten in krisenresistente, dividendenstarke Aktien um. Diese hatten sich schon im ersten Halbjahr besser entwickelt als Titel aus konjunktursensiblen Branchen.

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Weltweit dämpfen die wachsenden konjunkturellen Risiken das Kurspotenzial der Börsen. Eine heftige Korrektur befürchtet das Gros der Banker jedoch nicht. Denn der Aktienmarkt ist nach wie vor günstig bewertet. Beispiel DAX: Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse für 2011 und 2012 liegen bei 10,7 und 9,3. Das gilt als sehr moderat angesichts der erwarteten 6,5 und 14,7 Prozent Gewinnwachstum für dieses und nächstes Jahr. „Die Stimmung der Anleger ist sehr schlecht“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Ein Hoffnungsschimmer: „Die Pessimisten scheinen bereits verkauft zu haben.“
Was also bringt das zweite Halbjahr? Legt man die Ergebnisse der Umfrage zugrunde, die vor der Abstimmung im griechischen Parlament durchgeführt wurde, dürfte sich der Seitwärtstrend der vergangenen Monate in vielen Anlageklassen fortsetzen, möglicherweise unter heftigen Schwankungen. Zu den Favoriten zählen die Finanzprofis unter anderem Investments Gold und DAX-Titel, denen sie noch klare Wertsteigerungen zubilligen.
Im Überblick: Die Tops und Flops im ersten Halbjahr 2011 (PDF)
„Die strukturelle Stärke der deutschen Wirtschaft wird unterschätzt“, sagt Ralf Grönemeyer, Chefstratege von Silvia Quandt Research. Er geht davon aus, dass die DAX-Konzerne auch fürs zweite Quartal gute Zahlen vorlegen werden. Mit seinem Jahresziel von 8.300 Punkten für den DAX zählt Grönemeyer aber zum handverlesenen Kreis der Optimisten.
Zu den Bullen zählt auch Lars Slomka, Aktienstratege der Deutschen Bank, der ein DAX-Kursziel von 8.000 Punkten ausgibt. Er sieht – anders als Starökonom Nouriel Roubini und Vermögensverwalter Jens Ehrhardt – keineswegs schwarz: „Vor allem die zyklischen Branchen Auto, Chemie und Industrie werden das Gewinnwachstum im DAX treiben.“ Bleibt nur zu hoffen, dass weiteres Störfeuer aus Athen die Stimmung der Anleger nicht erneut belastet.
Internationale Aktien
Verlässliche Dividendenpolitik in unsicheren Zeiten
George Buckleys Konzern gehört im S & P-500-Index eher zu den unscheinbaren Firmen: Dem einen oder anderen Anleger fallen zu 3M vielleicht noch kanariengelbe Post-its und Scotch-Klebebänder mit Schottenkaro ein. Doch der Technologiekonzern aus Minnesota hat viel mehr zu bieten: vor allem spezielle Produkte für Industriekunden – wie Folien, Klebstoffe und Beschichtungen.
Damit beherrscht der Daniel-Düsentrieb-Konzern vor allem Nischenmärkte, inzwischen zunehmend auch in Schwellenländern, wo die Margen höher sind. Mit 32 Prozent Kapitalrendite im fünfjährigen Durchschnitt ist der Konzern doppelt so profitabel wie General Electric und erhöht seit 50 Jahren in Folge jährlich seine Dividende. Damit ist 3M ein Topinvestment für unsichere Zeiten.
Etwa 40 Prozent der Rendite im S & P 500 seit 1923 gehen auf das Konto der Dividenden. Und derzeit verfügen viele der US-Konzerne im Index über enorme Cashreserven – zusammen rund eine Billion Dollar. Deshalb liegt es nahe, Anleger für eine moderate Kursentwicklung mit höheren Dividenden zu entschädigen. 3M gehört zusammen mit dem Bleichmittelkonzern Clorox, dem Tabakkonzern Altria (Marlboro, L & M) sowie Coca-Cola und McDonald’s innerhalb des US-Leitindex zur Gruppe der Aristocrats, jener Konzerne, die ihre Dividenden mindestens 25 Jahre in Folge kontinuierlich erhöht haben. Und weil die US-Bürger, selbst wenn sie sparen müssen, noch Coke trinken oder Burger essen, bewähren sich diese Aktien selbst in konjunkturellen Schwächephasen.
Das europäische Pendant zu den Mitgliedern der Aristocrats sind Konzerne wie Danone oder Nestlé. Zwar wird die Kursfantasie der Nestlé-Aktie derzeit durch die starke Aufwertung des Schweizer Franken als Reservewährung belastet, das ändert allerdings nichts an der zuverlässigen Dividendenpolitik. Mit einer soliden Dividendenrendite von drei Prozent und starkem Wachstum in Schwellenländern glänzt auch Andritz, ein Spezialist für Maschinen unter anderem für die Papier- und Zellstoffindustrie. Der Konzern zählt zu den bestgeführten Unternehmen Österreichs.
Trotz des Trendwechsels hin zu Dividendentiteln bei US-Aktien dürften auch einige der aktuellen Nasdaq-100-Favoriten ihren Höhenflug fortsetzen. Die Gewinndynamik des Kaffeerösters Green Mountain Coffee, dessen Tassenbrühsystem unter anderem Starbucks lizenziert hat, wird von Analysten permanent unterschätzt. Und offensichtlich gelingt es auch dem Internetfilmverleiher Netflix, weiter positiv zu überraschen. Und das trotz der wachsenden Konkurrenz durch Amazon und Hollywood-Giganten wie Time Warner, die Filme in den USA jetzt auch via Facebook anbieten.
Schwellenländer
Viele Enttäuschungen, einige Lichtblicke
Als große Favoriten ins Jahr gestartet, haben Aktien aus Schwellenländern in den ersten sechs Monaten kräftig Federn lassen müssen. Der MSCI Emerging Markets notiert auf Eurobasis rund zehn Prozent unter dem Niveau zu Jahresanfang. Dabei hat sich an den konjunkturellen Rahmendaten vordergründig wenig geändert. Die Wirtschaft brummt, die Verschuldung ist niedrig, die Unternehmensgewinne steigen. Doch die Angst vor einer weltwirtschaftlichen Abkühlung und die wachsende Risikoabneigung infolge der Nahostkrise haben dazu geführt, dass ausländische Investoren massiv Geld aus den Emerging Markets abgezogen haben. Hinzu kommt, dass die anziehende Inflation in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen die Notenbanken gezwungen hat, die geldpolitischen Zügel anzuziehen. Die steigenden Zinsen schüren Befürchtungen, das Wirtschaftswachstum werde an Dynamik verlieren.
Angesichts der Kursschwäche bietet sich Langfristanlegern aber durchaus eine Einstiegschance, zum Beispiel über einen Fondssparplan. Empfehlenswert ist der Vontobel Emerging Markets (ISIN: LU0218912235), der sowohl über fünf Jahre als auch 2011 in der Spitzengruppe rangiert. Ebenfalls interessant sind viele chinesische Aktien, die zurzeit so günstig bewertet sind wie seit der Finanzkrise vor drei Jahren nicht mehr. Damals zogen die Kurse innerhalb von sechs Monaten um rund 50 Prozent an. Eine ähnliche Entwicklung könnte laut Experten auch in naher Zukunft eintreten. Grund: Der Inflationsdruck lässt nach und die Regierung in Peking wird die Kreditvergabe nicht weiter beschneiden. Für Anleger bietet sich der Henderson China A2 (ISIN: LU0327786744) an, der seit Jahren zu den besten China-Fonds zählt und 2011 im Gegensatz zur Konkurrenz Verluste vermeiden konnte. Fondsmanager Andrew Mattock setzt aktuell stark auf Finanz- und Rohstoffwerte.
Ein Gewinner unter den vielen Verlierern in den Schwellenländermärkten ist Südkorea. Koreanische Aktien haben 2011 dank gesunder Binnenkonsum- und Exportzahlen um etwa drei Prozent zugelegt. Der Invesco Korean Equity (ISIN: IE0003842543) mit €uro-FondsNote 1 zählt zu den Besten seiner Gruppe.
Deutsche Aktien
Die Sektoren Auto, Chemie und Industrie bleiben Favoriten
Schon im April hatte Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser angedeutet, dass das Wachstum des Münchner Technologiekonzerns im zweiten Halbjahr nachlassen werde. „Der Rückenwind der Krisenerholung ist wohl vorbei“, betonte Kaeser jetzt noch einmal auf einem Investorentreffen in Shanghai. Der Satz wirkte auf Anleger wie eine kalte Dusche. Die Aktie geriet deutlich unter Druck.
Allerdings war dies wohl nur eine Abkühlung in einem warmen Sommer.
Kaeser bestätigte die Prognosen für das laufende Quartal. Und ließ durchblicken, dass der Auftragseingang deutlich über dem Vorjahreswert von 19,2 Milliarden Euro liegen werde. Damit ist Siemens in einer deutlich stärkeren Position als Philips, der Dauerkonkurrent in den Sparten Licht und Medizintechnik. Während die Niederländer nach ihrer jüngsten Gewinnwarnung weiter sparen und umbauen müssen, stellen die Münchner in Schwellenländern strammes Wachstum in Aussicht. Die Nachfrage in der Energieerzeugung und -übertragung sei enorm, ebenso in der Gesundheitsversorgung und beim Ausbau städtischer und industrieller Infrastrukturen, sagte Kaeser. Während des Besuchs von Chinas Premier Wen Jiabao verlängerte Siemens-Chef Peter Löscher das Abkommen zur Planung umweltfreundlicher Städte und Infrastrukturen.
Auch Volkswagen glänzte beim Besuch des Premiers mit Großaufträgen. BMW hatte den Absatz in China im Mai im Vergleich zum Vorjahr um gut 50 Prozent gesteigert. Die Aktie des Premiumherstellers – unser Branchenfavorit im DAX – dürfte ihren Höhenflug fortsetzen. Massenhersteller VW ist etwas günstiger bewertet und deshalb ebenfalls ein solides Investment.
Während in den USA weniger konjunktursensible Dividendentitel gefragt sind, bleiben deutsche Aktien aus zyklischen Branchen aussichtsreich. „Wenn die Staatsschuldenkrise nicht eskaliert und die USA nicht in die Rezession rutschen, sollten die Globalisierungsgewinner im DAX aus den Sektoren Auto, Chemie und Industrie zulegen“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.
Beim Vergleich der Kursentwicklung von US-Aktien und Papieren aus dem Euroraum liegen die deutschen Titel aus diesen Sektoren seit Jahresbeginn vorn. Aus Sicht der Redaktion sind die Favoriten neben den Autozulieferern Continental und ElringKlinger auch Aktien aus dem Chemiesektor, etwa BASF, Lanxess und Brenntag.
Im Konsumsektor hat Adidas die besten Chancen. Die Aktie notiert auf Allzeithoch. Beflügelt wird die Kursfantasie durch das China-Geschäft und die Stärke der US-Tochter Reebok.
Anleihen
Hochverzinsliche bleiben gefragt
Wer in Staatsanleihen investiert ist, erlebte in den vergangenen Monaten eine Berg-und-Talfahrt. Die Angst vor steigender Inflation und Zinserhöhungen haben im Zusammenspiel mit der Schuldenkrise die Kurse deutscher und amerikanischer Staatsanleihen in den ersten Monaten 2011 gedrückt. In den vergangenen Wochen waren die Papiere dagegen wieder als sichere Häfen gefragt.
Längerfristig sind die Aussichten für Bunds und Treasuries unter Renditegesichtspunkten aber wenig interessant. So werfen deutsche Bundespapiere mit zehn Jahren Laufzeit gerade einmal 3,3 Prozent jährlich ab, während die Preissteigerungsrate bereits bei 2,3 Prozent liegt. Zudem ist unklar, inwieweit die europäische Schuldenkrise mit ihren Milliardenverpflichtungen auf den deutschen Staatshaushalt und letztlich auf die Anleihekurse durchschlagen wird.
US-Papiere werfen zwar etwas mehr ab, doch müssen Anleger hier mit dem Problem der überbordenden Staatsverschuldung leben, die das Rating der USA schon bald beeinträchtigen könnte. Deutlich geringer ist die Schuldenlast vieler Schwellenländer, die zudem mit höheren Anleiherenditen locken. Besonders gefragt sind Papiere in Lokalwährung. So hat der Fonds Julius Bär Local Emerging Market (ISIN: LU0256064774) seit Jahresanfang um über fünf Prozent zugelegt. Ähnlich positiv ist das Bild bei den Unternehmensanleihen. Die Kassen sind gut gefüllt, die Gewinne sprudeln.
Auch in diesem Segment versprechen hochverzinsliche Papiere die besseren Renditen. Neben den hohen Kupons sprechen die weiterhin sehr geringe Ausfallrate der Unternehmen mit schlechtem oder gar keinem Rating für ein Engagement in diese sogenannten High-Yield-Bonds. Experten erwarten ein Plus von bis zu acht Prozent in den kommenden zwölf Monaten. Gut fahren Anleger mit dem Sparinvest High Yield Value Bonds (ISIN: LU0232765429) mit der FondsNote 2. Den Schwerpunkt bilden unterbewertete Junkbonds aus Norwegen, den Niederlanden, Großbritannien und den USA.
Rohstoffe
Gute Aussichten für den Agrarsektor und Gold
Kupfer, Weizen, Gold und Öl sind lange als wichtige Bestandteile eines ausgewogenen Portfolios gepriesen worden, da sie sich relativ unabhängig von den Aktienmärkten entwickeln sollten. Dem ist nicht immer so, wie das erste Halbjahr 2011 zeigte. Nach der Rally im Frühjahr ging es ab April auch mit den Notierungen der Bodenschätze bergab. In den ersten sechs Monaten legte der CRB-Index, der die 19 wichtigsten Rohstoffe umfasst, kaum zu. Vor allem konjunktursensitive Indexmitglieder wie Kupfer und Rohöl gehören zu den Verlierern.
Eine grundlegende Besserung scheint nicht in Sicht, da sich die weltwirtschaftliche Lage eingetrübt hat. Hinzu kommen spezielle Belastungsfaktoren. So hat zuletzt die Freigabe der strategischen Ölreserven durch die Internationale Energieagentur IEA den Preis für das schwarze Gold stark unter Druck gebracht. Bei den Industriemetallen droht hingegen eine Nachfrageeinbruch, da in China die Probleme mit der Energieversorgung zunehmen. Wegen anhaltender Trockenheit stehen dem rohstoffhungrigen Milliardenreich die möglicherweise gravierendsten Stromengpässe seit sieben Jahren bevor. „Dies dürfte auch der Metall- und Stahlindustrie zusetzen“, meint Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank.
Besser sieht die Lage bei Agrargütern aus. Die Lagerbestände sind wegen einer starken Nachfrage sowie Ernterückschlägen weiterhin sehr niedrig, was die Preise zumindest stabilisieren dürfte. Auch der Goldpreis dürfte auf hohem Niveau verharren, da das Edelmetall von Investoren immer noch stark als Krisenwährung nachgefragt wird.
Anleger können mit dem Xetra-Gold-ETC (ISIN: DE000A0S9GB0) an der Preisentwicklung des Edelmetalls 1 : 1 teilhaben. Die Schuldverschreibung ist in Frankfurt börsennotiert und mit physischem Gold hinterlegt.
Eine Alternative zu Investments in einzelne Rohstoffe ist der Fonds LBBW Rohstoffe 1 R (ISIN: DE000A0NAUG6), der mit einem Plus von sieben Prozent in diesem Jahr zu den besten innerhalb seines Segments zählt. Der Fonds investiert je nach Marktlage in die attraktivesten Bodenschätze.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum