Welt im Wachstum: Warum es keine Rezession geben wird
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Getrieben wird der deutliche Zuwachs vor allem vom Export und von der Inlandsnachfrage. Je nach Land spielen die beiden Faktoren eine unterschiedlich große Rolle. In China, Singapur und Hongkong trägt zudem der Immobilienmarkt einen großen Teil zum Wachstum bei. Das bereitet den Regierungen der asiatischen Länder – allen voran China – neues Kopfzerbrechen. Sie versuchen, etwas Dampf aus dem Immobiliensektor, aber auch aus der Wirtschaft insgesamt abzulassen. Staatliche Konjunkturprogramme werden reduziert, für den Handel mit Immobilien gelten seit Kurzem strenge Regeln. Peking will so eine Überhitzung vermeiden.
Viele Experten sehen China damit auf dem richtigen Weg. So auch Jan Ehrhardt, Fondsmanager des DJE – Asien High Dividend: „Die Dämpfung des Wachstums erfolgt vonseiten der Regierung genau so wie gewünscht“, sagt er. An eine harte Landung, ein abruptes Ende der Konjunktur, glaubt er daher nicht. Der Anlageexperte rechnet bis zum dritten Quartal mit einem Rückgang des BIP-Wachstums auf acht bis neun Prozent. „Ein gutes Niveau“, auf dem er China auch 2011 sieht.
Die Aktienmärkte haben den Rückgang des Wachstums der chinesischen Wirtschaft längst vorweggenommen. Ein Minus von mehr als 20 Prozent in Landeswährung an den Börsen in Shanghai und Shenzhen seit Jahresanfang macht das deutlich. Nichts anderes gilt für die Börsen in Hongkong und Taiwan, die mit rund fünf Prozent im Minus liegen. Dem chinesischen Aktienmarkt steht wohl auch eine unruhige zweite Jahreshälfte bevor. Die staatliche verordnete Abkühlung der Wirtschaft wird die Kurse weiterhin belasten. Gleichwohl führt an dem Land für Anleger mittel- und langfristig kein Weg vorbei.
In Südamerika schaut alles auf Brasilien, die größte Wirtschaftsmacht des Kontinents. Wachstumszahlen wie China und Indien erreicht das Land zwar nicht, doch ein vom IWF prognostiziertes Plus von 7,1 Prozent in diesem Jahr kann sich sehen lassen. Beflügelt wird die Wirtschaft wie andernorts von Konjunkturpaketen. „Die Regierung hat kluge Maßnahmen ergriffen, indem sie im Bau- und Energiesektor Anreize für Investitionen geschaffen hat“, berichtet Lionel Bernard, Manager des Amundi Latin America. Auf die Beine geholfen hat dem Land darüber hinaus der wieder entfachte Rohstoffhunger Asiens. Doch gerade jetzt, wo sich Chinas Wirtschaft etwas zurückzieht, ist Vorsicht bei Rohstoffexporteuren geboten. Bernard richtet sein Augenmerk daher lieber auf Unternehmen, die von der Inlandsnachfrage profitieren.
Weniger gut sieht es für die meisten osteuropäischen Schwellenländer aus. Für aufstrebende Volkswirtschaften ist das vorhergesagte Wachstum von 3,2 Prozent relativ niedrig. „Vor allem südosteuropäische Länder wie Bulgarien, Rumänien und Ungarn müssen erhebliche Sparmaßnahmen durchführen“, beschreibt Raimund Saxinger ein wirtschaftliches Hemmnis. Der Fondsmanager von Frankfurt Trust sieht zwar Chancen mit Blick auf wachsenden Wohlstand.
Doch die Tatsache, dass die Bevölkerung vielerorts schrumpft, sorgt für lediglich schwaches Wachstum auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. So unterschiedlich die Wachstumsaussichten in den Schwellenländern sind, so sehr differieren sie auch in den Industrienationen. In Westeuropa ist das Wachstumsgefälle groß. Deutschland hat die Rezession im vergangenen Jahr bestens verdaut. Um 2,1 Prozent soll die Wirtschaft nach Ansicht der Deutschen Bank wachsen. Etwas zurückhaltender ist der IWF: Er rechnet mit einem Plus von 1,4 Prozent.
Hiesige Unternehmen profitieren vor allem von einem anziehenden Exportgeschäft. Besonders zugute kommt ihnen dabei die hohe Nachfrage aus Asien. Sie bescherte manchen Wirtschaftszweigen geradezu paradiesische Zuwächse. So steigerten deutsche Autobauer nach Berechnungen der Unicredit in den ersten vier Monaten 2010 ihre Ausfuhren nach China gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 170 Prozent. Auch der leichtere Euro tut deutschen Exporteuren gut und treibt deren Gewinne in die Höhe. Außerdem unterstützen die niedrigen Zinsen das Wachstum. In der Phase des konjunkturellen Aufschwungs bis 2008 war der Zinssatz der Europäischen Zentralbank tendenziell zu hoch für Deutschland. Doch er war nötig, um das Wachstum in den Peripheriestaaten der Währungsunion im Zaum zu halten. Heute ist es umgekehrt: Die deutsche Wirtschaft könnte mit einem höheren Zinssatz gut leben. Ein Anstieg würde aber die Konjunktur in anderen EU-Ländern abwürgen. Also belässt die EZB den Zinssatz auf einem niedrigen Niveau – zur Freude der Wirtschaft, die munter investiert.
Schlusslichter in Europa bleiben die Mittelmeerstaaten. Von den größeren Volkswirtschaften wird Spanien die einzige sein, deren Wirtschaft in diesem Jahr schrumpft (-0,4 Prozent). Übertreibungen auf dem Immobilienmarkt haben dafür gesorgt, dass massenhaft Gebäude leer stehen. Auch die kleineren Länder Griechenland und Irland verlieren an Wirtschaftskraft. Sie schrumpfen gar um bis zu zwei Prozent.
Anders sieht es in Großbritannien aus. Das Land ist hoch verschuldet, strikte Sparmaßnahmen sind erforderlich. Doch die neue Regierung hat einen klaren Kurs vorgegeben, um die Probleme zu lösen. „Das sorgt für Klarheit und ist daher gut für die Wirtschaft“, sagt Frankfurt-Trust-Experte Saxinger. „Denn Unklarheit ist Gift für die Konjunktur.“
Egal ob Industrienation oder Schwellenland: Die Aktienmärkte sind derzeit noch gefangen in einem Spannungsfeld zwischen guten Unternehmensnachrichten und schlechten makroökonomischen Daten. „Sollte sich dieses Spannungsfeld zugunsten der Unternehmen auflösen, sind insbesondere für Zykliker Kurszuwächse drin“, prognostiziert Saxinger. Die globalen Kräfteverhältnisse haben sich schneller und deutlicher geändert, als noch vor einigen Jahren gedacht. Das zeigt die zügige Erholung vieler Schwellenländer nach der schwersten Wirtschaftskrise seit 75 Jahren. Konjunkturmeldungen aus China bewegen die Märkte schon jetzt fast ebenso stark wie Nachrichten aus den USA. Gut möglich, dass Anleger und Ökonomen schon bald weniger auf die Worte des US-Notenbankpräsidenten hören werden, sondern mehr auf die Aussagen seines Kollegen aus Peking.
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