von Martin Blümel, Euro am Sonntag
Am vergangenen Dienstag spätabends in Tokio: Kathy Matsui sitzt im Büro von Goldman Sachs und telefoniert. Die Investmentbank hat eine Telefonkonferenz
organisiert, um Anleger über den Stand der Dinge in Japan zu informieren. Matsui sitzt nicht an, sondern unter ihrem Schreibtisch und versucht die Gesprächspartner zu beruhigen. Und sie entschuldigt sich sogar dafür. „Verzeihen Sie bitte, wir hatten gerade eine neue Erdbebenwarnung“, erklärt die Chefstrategin für Japan-Investments.
Matsui geht ihrer Arbeit nach, und das ist vielleicht bezeichnend für die Gemüts- und Seelenlage der Japaner insgesamt: Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist erschüttert, man sorgt sich, versucht aber trotzdem, die Dinge am Laufen zu halten – obwohl der Tsunami etwa 500 Kilometer entlang der Küste alles verwüstet hat und Tausende Menschen dabei ihr Leben verloren haben. Und obwohl das Atomkraftwerk Fukushima schwer beschädigt ist und die Folgen kaum abschätzbar sind.
120 Millionen Einwohner zählt Japan, etwa 2,5 Millionen sind durch das Unglück obdachlos geworden, 76 000 Gebäude sind beschädigt und mindestens 6300 weitere komplett zerstört. Trotzdem ist es bisher zu keiner Panik gekommen. Während viele Ausländer sogar die Ballungszentren Tokio und Osaka verlassen, harren die meisten Einheimischen aus. Auch in den direkt betroffenen Gebieten – unter teils schwierigen Bedingungen, es ist kalt und es fehlt an Lebensmitteln. „In Japan sind die Menschen an Naturkatastrophen gewöhnt. Der Respekt vor den Kräften der Natur und das Bewusstsein, dass so etwas über einen hereinbrechen kann, sind allgegenwärtig“, versucht Florian Coulmas vom Institut für Japanstudien eine Erklärung. „In solchen Momenten zeigt sich auch, dass Japan eine extrem zivile Gesellschaft ist, in der gegenseitige Rücksicht ein hohes Gut ist.“
Exemplarisch dafür steht die tapfer arbeitende Frau Matsui und ihre Zuversicht, dass die Landsleute das Land wieder aufbauen, so wie sie es schon beim letzten großen Beben in Kobe 1995 geschafft haben.
Die atomare Gefahr ist jedoch der große Unterschied zu Kobe. „Das
ist der Schwarze Schwan“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt der UniCredit, in Anlehnung an den vom Philosophen Nassim Taleb geprägten Begriff, der das Eintreten von relativ unwahrscheinlichen Ereignissen beschreibt. „Die Folgen einer Nuklearkatastrophe auf die Weltwirtschaft zu quantifizieren, wäre reine Spekulation“, so Rees.
Japan ist verunsichert, die Welt ist verunsichert. Indikator sind die Börsen. An Tokios Kabutocho kam es am vergangenen Montag und Dienstag zu Panikverkäufen, und auch Europas Börsen verloren deutlich. Gefragt waren stattdessen Anleihen.

Der Yen kletterte vergangene Woche auf ein neues Rekordhoch
Am Währungsmarkt wiederum fließt viel Geld in den
Yen – man spricht von Repatriierungen: Japan muss Auslandinvestments verkaufen, um die finanziellen Schäden im Land decken zu können. Den Yen trieb das am letzten Donnerstag auf ein 26-Jahre-Hoch. Ein echtes Problem, da dies die Exporte des Landes verteuert, was die Lage zusätzlich erschwert. Erstmals seit der Jahrtausendwende griffen daher die wichtigsten Notenbanken gemeinsam auf dem Devisenmarkt ein. Die US-Fed, die Europäische Zentralbank und die Notenbanken Großbritanniens und Kanadas unterstützten die Bank of Japan im Kampf gegen den starken Yen. Die Währung fiel dadurch gegenüber dem Dollar um 3,5 Prozent und damit wieder auf das Vorkrisenniveau.
Auch an den Rohstoffmärkten fielen die Preise zunächst, da unklar ist, wie stark Japan als einer der größten Rohstoffimporteure bei künftigen Orders ausfällt. „Kurzfristig sehen wir einen Rückgang der Nachfrage bei Industriemetallen, weil viele Industrieanlagen in Japan derzeit stillstehen oder gar zerstört sind“, sagt Torsten Dennin, Rohstofffondsmanager beim Vermögensverwalter Altira. Zum Wochenschluss beruhigte sich aber auch hier die Lage, die Preise stiegen wieder.
Eine schwierige Gemengelage. Wegen der zusätzlichen Gefahren im Nahen Osten, der schwelenden Eurokrise und einer eventuellen Wende in der Geldpolitik der Notenbanken ist eine ausgemachte Baisse an den Aktien- und Rohstoffmärkten nicht mehr unwahrscheinlich.
Dabei ist klar: Die Auswirkungen des Erdbebens und des Atomunglücks auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte lassen sich nur in Szenarien darstellen: Alles hängt davon ab, ob der Super-GAU vermieden werden kann. „Wenn der Erdbebenkatastrophe eine nukleare Katastrophe folgt, das kann und will man sich eigentlich nicht ausmalen, es wäre verheerend“, sagt der Crash-Prophet Marc Faber.
Neben der menschlichen Tragödie wären in Japan für viele Jahre enorme wirtschaftliche Probleme zu erwarten. Große Teile der landesweiten Produktion kämen zum Erliegen, die Weltwirtschaft wäre betroffen, drastische Verluste an den Börsen die logische Konsequenz. „Man kann nur hoffen, das dies nicht geschieht und die Folgen einschätzbar bleiben“, so Faber. Geht es nach ihm und die Megakatastrophe bleibt aus, dann wird der Wiederaufbau für steigende Aktienpreise sorgen, für fallende Kurse bei japanischen Anleihen und langfristig für einen schwachen Yen.
Faber steht mit dieser Meinung nicht allein da: „Wird der Super-GAU vermieden, dann lassen sich die bisherigen Produktionsausfälle vermutlich relativ schnell wieder aufholen. Der Wiederaufbau hat dann sogar eine positive Wirkung auf die Wirtschaft“, sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Assenagon. Dabei spielt sicherlich auch eine Rolle, dass die vom Beben betroffenen Gebiete im Nordosten Japans nur sechs Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Leistung beitragen. Eine Rezession in Japan, verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit, wäre dann unwahrscheinlich – aber eben nur unter der Prämisse, dass eine atomare Katastrophe vermieden wird. Denn: „Steigt die Strahlenbelastung in Japan – vor allem im Wirtschaftszentrum Tokio – auf lebensbedrohliche Werte an, sind alle jetzigen Prognosen Makulatur“, so Hüfner.
180 Milliarden Dollar Schaden – davon geht eine erste Schätzung der Credit Suisse zu den Kosten des Bebens aus. Dies entspräche drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Stimmt diese Prognose, dann würde das japanische Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um ein Prozent niedriger ausfallen als bisher geschätzt. Die Katastrophe von Sendai hätte damit noch gravierendere Folgen, als dies beim bislang letzten schweren Beben von Kobe am 17. Januar 1995 der Fall war. Die bislang kostenträchtigste Naturkatastrophe überhaupt hatte Schäden von 100 bis 130 Milliarden Dollar angerichtet, was damals zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprach. In den folgenden Monaten nach dem Kobe-Unglück fiel der Nikkei-Aktienindex um 25 Prozent, erholte sich aber noch im selben Jahr.

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Eine globale Rezession erscheint den meisten Ökonomen vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich, obwohl Japan die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. So sehen das auch die Ökonomen von Goldman Sachs, die von einem japanischen Wachstum von zwei Prozent im dritten Quartal ausgehen, nach einem Einbruch um 0,5 Prozent im zweiten.
Die aktuellen Engpässe in der Versorgung mit Elektrizität und Probleme in der Zulieferung, die sowohl privaten Haushalten als auch der Industrie zu schaffen machen, dürften dann nur von kurzer Dauer sein. So hat der Autokonzern Toyota die Produktion bis zum Dienstag gestoppt, sechs Erdölraffinerien haben den Betrieb eingestellt, ein Werk von Nippon Steel wurde teilweise überflutet und musste schließen. Dennoch bleiben die Effekte der Stromknappheit beim optimistischen Szenario wohl überschaubar: Atomstrom hat einen Anteil von etwa 30 Prozent an der gesamten Stromerzeugung Japans, ein Viertel davon fällt derzeit aus, was sieben Prozent der gesamten Stromversorgung entspricht.
Die schwerwiegendsten Folgen dürfte das Beben aber für die ohnehin hohe Staatsverschuldung Japans haben. Denn die Regierung wird die Aufbauarbeiten unterstützen und die Neuverschuldung nochmals ausweiten. „Die überfällige Konsolidierung der öffentlichen Finanzen wird dadurch in die fernere Zukunft verschoben“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Schulden des Staats in Höhe von derzeit rund 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden dadurch wohl weiter steigen, die Regierung diskutiert bereits über einen Nothaushaltsplan.
Bisher konnte die Regierung die Schulden überwiegend in der eigenen, heimischen Währung finanzieren. Lediglich etwa fünf Prozent liegen in der Hand ausländischer Investoren. Dies könnte sich angesichts des immensen Kapitalbedarfs nun eventuell ändern.
Um den hohen Bedarf an flüssigen Mitteln zu decken, stellte die japanische Notenbank am Montag und Donnerstag zudem die Rekordsumme von 20 Billionen Yen bereit, das sind etwa 170 Milliarden Euro. Darüber hinaus stockte die Notenbank ihre Wertpapierkäufe um fünf Billionen Yen (rund 44 Milliarden Euro) auf nunmehr 40 Billionen Yen auf. „Absolut notwendig und umsichtig“, so Kristian Tödtmann von der Dekabank. „Die Geldversorgung der Banken untereinander ist in solchen Situationen immer beeinträchtigt.“
Die japanische Notenbank reagiert damit im Grunde nach dem gleichen Muster wie in der Finanzkrise: Sie pumpt kurzfristige Liquidität in die Märkte und versucht die Konjunktur mit zusätzlichen Wertpapierkäufen zu stützen. „Das ist vergleichbar mit der Reaktion der US-Notenbank auf die Terroranschläge im September 2001“, so Tödtmann.
Bildquellen: 2004-2009 Fraport AG