23.08.2012 10:30
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Wochen der Entscheidung: Welche Turbulenzen die Börsen erwarten

Eurokrise
Im kommenden Monat werden die Weichen für die Zukunft des Euro gestellt. Anleger sollten auf ­Turbulenzen gefasst sein. Wie man sich schützen kann.
€uro am Sonntag

von S. Parplies und E. Eder, Euro am Sonntag

Der September ist ein besonderer Monat. Schon mehrmals hat er den Lauf der Weltgeschichte verändert. Am 12. September 1683 endete die Belagerung der Stadt Wien durch die Türken — der Rückzug der Osmanen rettete das christliche Abendland vor dem Untergang. 1939, ebenfalls im September, begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Im September 1972 überfielen Palästinenser das olympische Dorf in München. Der internationale Terrorismus geriet erstmals in den Blick der Weltöffentlichkeit — seinen Höhepunkt erreichte er im September 2001 mit dem Angriff auf New York und Washington.

Auch für die jüngere Wirtschaftsgeschichte war der September ein Schicksalsmonat: Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman leitete 2008 die große Finanzkrise ein, die die westliche Welt bis heute in Atem hält. Der kommende September könnte jetzt der Schicksalsmonat für die europäische Einheitswährung werden — der Kalender ist gedrängt voll mit Terminen, die direkte Auswirkungen auf die Zukunft des Euro haben.

Anfang September fährt die aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und Europäischer Kommission bestehende Troika nach Griechenland, um zu prüfen, ob der Staat seine Reformzusagen eingehalten hat. Von diesem Urteil hängt ab, ob Griechenland neues Geld bekommt. Ohne Hilfe ist ein Ausscheiden aus der Eurozone wohl unvermeidlich.

Eigentlich sollten die Zahlungen aus dem Hilfspaket bereits im August fließen. Doch die Prüfer zeigten sich unzufrieden mit dem Fortschritt der Reformen in Athen. Sie kritisierten, Privatisierungen erfolgten zu zögerlich. Auch die Bekämpfung der Korruption komme nur langsam voran. Lichtblicke bei der Erfüllung der Aufgaben wichen zuletzt der Enttäuschung. Der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras setzte in seiner Koalition Haushaltseinsparungen von 5,5 Prozent des BIP bis 2014 durch. In der Verwaltung sollen 40 000 Stellen gestrichen werden. Doch die Vorsätze hielten nicht lange. Schon kurz darauf plädierte die Regierung in Athen dafür, ihr noch zwei Jahre mehr Zeit für die Umsetzung der harten Sparmaßnahmen zu gewähren.

Zitterpartie Griechenland<br> Auch wenn sich inzwischen die Zeichen verdichten, dass Griechenland neues Geld bekommt, bereiten sich viele auf den Ernstfall, den Austritt Griechenlands aus dem Euro, vor. So erklärte Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker Anfang August, ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone sei zwar nicht wünschenswert, „aber aus heutiger Sicht ein beherrschbarer Vorgang“. Für den deutschen Wirtschaftsminister Philipp Rösler hat „ein Austritt Griechenlands längst seinen Schrecken verloren“. Der FDP-Mann stimmt damit in den Tenor anderer deutscher Politiker wie Markus Söder, CSU, ein. Vor einigen Monaten versicherten Politiker aller Couleur noch eifrig, man wolle Griechenland um jeden Preis in der Eurozone halten.

Noch bevor die Troika über weitere Griechenland-Hilfen entscheidet, tritt der Rat der europäischen Zentralbank (EZB) zusammen. EZB-Chef Mario Draghi hatte im Juli bei Anlegern große Hoffnungen geweckt, indem er sagte, die EZB sei bereit, große Mengen an südeuropäischen Staatsanleihen zu kaufen, um das Zinsniveau auf einem erträglichen Niveau zu halten.

Wie das im Detail geschehen solle, hat Draghi noch nicht verraten. Er hatte das Eingreifen der Notenbank davon abhängig gemacht, dass Spanien oder auch Italien zunächst einen Antrag beim Rettungsfonds EFSF stellt und sich damit Reformen unterwirft. Deshalb dürfte er noch abwarten, was der Bericht mehrerer Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ergibt. Diese untersuchen, wie viel Geld der spanische Bankensektor vom ESFS benötigt. Auch der Bericht der Prüfer soll im September veröffentlicht werden.

Der vermutlich wichtigste Termin des Monats steht am 12. September in Karlsruhe an. An diesem Tag verkündet das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung über die Verfassungsmäßigkeit des neuen Rettungsschirms ESM und des europäischen Fiskalpakts für mehr Haushaltsdisziplin.

Der neue Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) soll als Eurorettungsschirm mit Notkrediten und Bürgschaften die Zahlungsfähigkeit der Eurostaaten sichern. Er ist Nachfolger der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), die seit Juni 2010 als Rettungsfonds besteht. Der ESM soll anfangs eine Größe von 700 Milliarden Euro haben, 190 Milliarden davon aus Deutschland. Kläger vor dem Bundesverfassungsgericht sind die Linksfraktion im Bundestag, der CSU-Politiker Peter Gauweiler und der Verein Mehr Demokratie, dessen Beschwerde sich rund 12 000 Bürger angeschlossen haben.

Die Kläger sehen durch den ESM das im Grundgesetz verankerte Haushaltsrecht des Bundestags ausgehöhlt. Gibt das Gericht ihnen recht, stände Europas Krisenstrategie vor dem Aus. Armin von Bogdandy, Direktor am Max-Planck-Institut für öffentliches Recht in Heidelberg, formuliert es gegenüber der „Financial Times“ deutlich: „Wenn sie den ESM töten, ist der Euro verloren.“

Wichtig für Anleger
Das würde auch an den Aktienmärkten hohe Wellen schlagen. Wie wichtig die finanzpolitischen Weichenstellungen derzeit für die Märkte sind, zeigte sich in den vergangenen Wochen. Seit Draghi Ende Juli vollmundig erklärt hatte, es werde „alles Erforderliche“ getan, um den Euro zu retten, hat der DAX in der Spitze um gut zehn Prozent zugelegt.

Das Problem für Anleger vor dem Start in den turbulenten September: Politische Entscheidungen sind schwer vorauszusagen, die Reaktion der Aktienmärkte ist oft irrational. Als Draghi im Dezember 2011 ankündigte, die Notenbank werde massiv billige Kredite an Banken vergeben, antworteten die Aktienmärkte zunächst apathisch — offenbar hatte die Mehrzahl der Anleger Draghis Idee nicht verstanden. Die Kursrally setzte erst mit einigen Tagen Verzögerung ein, als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass zumindest ein Teil des Geldes für den Kauf von Staatsanleihen eingesetzt wurde und damit die Kreditversorgung der südeuropäischen Krisenstaaten vorübergehend gesichert war.

Vor allem die Fülle der Ereignisse im September macht es Anlegern schwer, sich zu positionieren. Beim Bankhaus Lampe sieht man das größte Enttäuschungspotenzial in der EZB-Ratssitzung Anfang September. „Draghi hat hohe Erwartungen geschürt und muss jetzt Taten folgen lassen oder zumindest weitere Details zum Hilfspaket präsentieren. Wahrscheinlicher ist aber, dass die EZB mindestens die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Rettungsschirm abwartet“, kalkuliert Stratege Oliver Caspari.

Strategien für den September
Die Lampe-Banker setzen vor dem heißen Herbst auf eine eher defensive Anlagestrategie. Der Aktienanteil eines Musterportfolios liege derzeit bei maximal 50 Prozent. Man bevorzuge werthaltige Titel „mit hoher Dividendenrendite, am besten über vier Prozent“, erklärt Caspari. Der Vermögensverwalter Gerd Häcker von Huber, Reuss & Kollegen rät zu einer ruhigen Hand: „Es macht wenig Sinn, seine Anlageentscheidungen permanent nach tagespolitischen Ereignissen auszurichten — niemand kann die Reaktion der Finanzmärkte jedes Mal richtig voraussagen. Wichtig ist, dass ein Anleger eine klare Strategie verfolgt.“

Egal wie die Weichen in den kommenden Wochen gestellt werden — die Schuldenkrise dürfte die Wirtschaftsentwicklung der westlichen Welt langfristig beeinflussen. In diesem Umfeld sind nach Häckers Überzeugung Aktien wichtiger Bestandteil eines Portfolios — nicht in erster Linie als Spekulation auf steigende Kurse, sondern als Beteiligung an einem Unternehmen. „Aktien sind Sachwerte. Wer sein Vermögen schützen will, muss mit einem Teil in dieser Anlageklasse investiert sein“, bekräftigt Häcker. Demnach würden Kurseinbrüche im September zu einer Gelegenheit, um Qualitätsaktien nachzukaufen.

Schaut man allein auf die Unternehmen, gehen die Aktienmärkte relativ gut abgesichert in den Entscheidungsmonat September. Die DAX-Konzerne haben im zweiten Quartal erneut gezeigt, dass sie sich — dank ihrer starken Stellung auf den Weltmärkten — der Eurokrise relativ gut entziehen können. Der operative Gewinn der deutschen Topkonzerne ist nach Berechnung der Unternehmensberatung Ernst & Young im zweiten Quartal um zwölf Prozent gestiegen, der Umsatz um immerhin neun Prozent.

An der Börse allerdings wird bekanntlich die Zukunft gehandelt — und die ist extrem unsicher. Analysten haben die Gewinnschätzungen für die großen deutschen Unternehmen zuletzt weiter nach unten korrigiert. Da die Kurse gleichzeitig gestiegen sind, ist der DAX rechnerisch teurer geworden. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist zuletzt auf einen Wert über zehn gestiegen. Das ist noch nicht bedrohlich, da der Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre deutlich über elf liegt — die Zeit der extremen Schnäppchenpreise aber ist vorüber. Zur Vorsicht mahnen wichtige Konjunkturdaten.

Der für Deutschland am stärksten beachtete Frühindikator, der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts, ist dreimal in Serie gefallen. „Dass Aktienmärkte konjunkturelle Wendepunkte vorwegnehmen, ist zwar alles andere als ungewöhnlich. Da die führenden Aktienindizes bereits Anfang Juni ein Tief ausgebildet haben, wird es allmählich Zeit, dass auch die Konjunkturindikatoren zumindest eine Bodenbildung erkennen lassen“, meint Markus Reinwand von Helaba Trust.

Die Lücke zwischen positiven Signalen vom Aktienmarkt und negativen Konjunkturdaten ist mittlerweile groß. Entweder schließen die realen Wirtschaftszahlen zu den positiven Kursentwicklungen auf, oder die Aktienkurse folgen den Konjunkturindikatoren nach unten.

Historische Chance
Stabilität versprechen im DAX defensive Branchen. Nachdem Fresenius schon seit Monaten zu den Lieblingen zählt, waren zuletzt die Pharmawerte Bayer und Merck gesucht. Besonders sensibel reagieren erfahrungsgemäß die Finanzwerte auf Entwicklungen der Eurokrise. Deutsche Bank, Allianz und Commerzbank wären demnach erste Wahl für sehr risikofreudige Anleger.

Zu den großen Optimisten gehört in diesen Tagen John Bennett von der Fondsgesellschaft Henderson, der seit mehr als 20 Jahren Portfolios managt. Zuletzt hat er in seinem Europafonds den Anteil französischer, also relativ stark unter der Eurokrise leidender Unternehmen erhöht. Nach eigenem Bekunden lange Zeit pessimistisch, sieht Bennett inzwischen die Chance auf einen politischen Durchbruch gekommen: „Wir nähern uns dem Punkt, an dem wir vielleicht die auf Jahre hinaus beste Chance erhalten, Aktien aus Europa günstig zu kaufen“, lautet seine Einschätzung.

Investor-Info

Substanzwerte
Für jedes Depot
Investmentprofis haben fast alle denselben Liebling: Nestlé. Der Konsumgüterhersteller wächst in Schwellenländern und kann dank starker Marken Preiserhöhungen durchsetzen. Die Aktie ist kein Schnäppchen mehr, bleibt aber ein Basisinvestment. Genau wie ­Novartis. Der Pharmakonzern besticht durch eine verlässliche Dividende und bietet genau wie Nestlé als Schweizer Wert Schutz vor Währungsturbulenzen. Schwankungsanfälliger ist der deutsche Chemiekonzern BASF, der dank breiter Aufstellung und klarer Dividendenpolitik aber ebenfalls ein Topinvestment ist.

Absicherung
Entspannt durch die Krise
Durch Wetten auf fallende Kurse können Anleger ihr Depot absichern. Nachteil: Sollten die Kurse steigen, verliert ein K.-o.- Put an Wert. Wird die Knockout-Schwelle verletzt, verfällt der Schein wertlos. €uro am Sonntag stellt drei K.-o.-Puts mit unterschiedlichem Risikoprofil vor. Der erste Schein hat einen hohen Hebel. Der Knockout liegt rund zehn Prozent über aktuellem DAX-Niveau. Das Risiko ist also groß. Beim zweiten liegt die Schwelle knapp über dem Allzeithoch des DAX von 8 151 Punkten, das als harter Widerstand gilt. Der dritte Schein ist relativ konservativ.
Zu den empfohlenen Produkten (PDF)

Volatilität
In Angst investieren
Die Volatilität misst die Schwankungsbreite eines Marktes – sie steigt erfahrungsgemäß dann stark an, wenn Panik ausbricht. Derzeit sind Anleger relativ entspannt: Der VIX, der die erwartete Schwankungsbreite des amerikanischen Aktienindex S & P 500 misst, bewegt sich auf niedrigem Niveau. Mit einem börsen­notierten Indexfonds von Nomura, dem Voltage Mid Term Source ETF, können Anleger auf eine Panikattacke setzen. Nur als kurzzeitiges Investment geeignet.
ISIN: DE000A1JQQZ6

Bildquellen: Alessio Ponti / Shutterstock.com
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