Arbeitsmarkt zum Teil „leer gefegt“
„Es geht doch längst nicht mehr nur um Ingenieure oder Techniker, die fehlen“, sagt der Sprecher des Bundesverbands Zeitarbeit (BZS), Michael Wehran. „Wir haben inzwischen sogar schon in einigen Regionen Probleme, einfache Hilfskräfte zu bekommen. Der Arbeitsmarkt ist in einigen Regionen und Branchen praktisch leer gefegt.“
Der Trend ist laut Wehran quer durch Deutschland zu beobachten, insbesondere in Boombranchen wie der Autoindustrie, wo es in einzelnen Werken bereits zu Engpässen kommen soll. Bei den Autoherstellern selbst kommentiert man dies eher zurückhaltend. Von einem „leer gefegten Arbeitsmarkt“ wollte eine BMW-Sprecherin nicht sprechen. Aber: „Wir erleben den Arbeitsmarkt für Zeitarbeitskräfte in einigen Regionen als angespannt“, so die BMW-Sprecherin.
Im August lag nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) die Zahl der Arbeitslosen insgesamt noch bei 3,2 Millionen, was einer Quote von 7,2 Prozent entspricht. Die Bundesagentur rechnet damit, dass die Arbeitslosenzahl im Herbst erstmals seit November 2008 wieder unter drei Millionen sinken wird. Experten und Verbandsvertreter wie zuletzt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnen seit Wochen vor einem bevorstehenden Fachkräftemangel. Dieser drohe vor allem in der Elektro- und Metallindustrie, bei der Altenpflege und im Verkaufsbereich.
„Engpässe auf Ebene der hoch qualifizierten Arbeitskräfte und Fachkräfte sind überall zu spüren“, sagt Adecco-Deutschland-Geschäftsführer Andreas Dinges. „Inzwischen wird es aber auch schon schwierig, auf Facharbeiterebene qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. In einigen Regionen und Branchen sind die vorhandenen Kapazitäten am Arbeitsmarkt inzwischen so ausgelastet, dass selbst bei niedrig oder unqualifizierten Beschäftigten Engpässe auftreten. Das betrifft insbesondere Standorte in Süddeutschland wie Stuttgart und München.“ Eine Sprecherin des Zeitarbeitsunternehmens Randstad sagte, man registriere ebenfalls, dass es inzwischen auch bei Hilfskräften enger werde.
Der Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln schließt nicht aus, dass es in einzelnen Regionen sogar in solchen Bereichen zu Arbeitskräftemangel kommt, die üblicherweise eher von Arbeitslosigkeit gekennzeichnet sind, etwa beim Sektor Hilfsarbeiterjobs. „Ein anderes Beispiel mag ein Teil Ostdeutschlands sein, wo die Abwanderung von jungen Menschen so stark ist, dass die Betriebe Schwierigkeiten haben, Ausbildungsplätze zu besetzen.“
Einen generellen Mangel an Hilfsarbeitern sehe er aber nicht, so Schäfer. Als Folge der Verknappung rechnet Schäfer zunächst mit Lohnsteigerungen. „Diese können zur Folge haben, dass sich die Beschäftigung für die Unternehmen nicht mehr lohnt und sie stattdessen auf Automatisierung setzen oder arbeitsintensive Prozesse in andere Länder verlagern.“
In Fällen, wo dies nicht möglich sei, etwa bei persönlichen Dienstleistungen, drohe ein Verschwinden der Produktion. „Die Folge ist in allen Fällen ein Verlust von Wertschöpfung und Einkommen“, so Schäfer. Die Möglichkeiten, diesen Trends gegenzusteuern, seien sehr eingeschränkt, glaubt der IW-Experte. So könne man beispielsweise versuchen, die regionale Mobilität von Arbeitsuchenden zu fördern oder die Erwerbsneigung durch verbesserte Kinderbetreuung zu erhöhen.
Adecco-Chef Dinges empfiehlt den Unternehmen, die in einen solchen Arbeitskräfteengpass geraten, sich als Arbeitgeber attraktiv zu machen. „Das betrifft nicht nur die Gehaltsfrage. Die Unternehmen sollten vielmehr attraktive Arbeitsbedingungen bieten, Karriereperspektiven schaffen und auf die individuellen Bedürfnisse der Beschäftigten eingehen.“




