16.11.2010 17:00
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US-Fluglinien: Diese Aktien bleiben am Kurshimmel

US-Fluggesellschaften mit strahlendem Comeback
Fluggesellschaften
Jahrelang litten US-Airlines unter einem ruinösen Preiskampf. Doch dank Insolvenzrecht, strikter Kostendisziplin und Wirtschaftsaufschwung fliegen sie wieder Gewinne ein. Wo Anleger noch einsteigen können.
€uro am Sonntag

von Tim Schäfer, New York

Das Leben als Hochstapler genoss Frank Abagnale in vollen Zügen. Verkleidet als Pilot der US-Airline PanAm flog er jahrelang als Passagier auf dem Weg zum nächsten Flugeinsatz umsonst kreuz und quer durch die USA und fälschte unterwegs Gehaltsschecks von PanAm – bis das FBI ihm auf Schliche kam. Die Geschichte des begnadeten Selbstdarstellers war so unterhaltsam, dass Steven Spielberg die Story mit ­Leonardo DiCaprio verfilmte und unter dem Titel „Catch me if you can“ als Komödie in die Kinos brachte.

Abagnale arbeitet heute als unabhängiger Sicherheitsberater für Banken, aber die PanAm ist längst Geschichte. Dabei hätte die einst größte Fluglinie der Welt derzeit wohl wieder glänzende Perspektiven. Denn das US-Airlinegeschäft läuft nach der Krise auf Hochtouren. Im Schnitt sind die Flüge mittlerweile zu über 80 Prozent ausgebucht. Das liegt weit über dem langjährigen Durchschnitt von 70 Prozent. Beobachter halten inzwischen selbst einen Ladefaktor von 90 Prozent für möglich. Einen solchen Wert hätte sich noch vor der Jahrtausendwende kaum jemand in den Führungsetagen träumen lassen.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die überraschend strenge Kostendisziplin der Airlines. Obwohl die Nachfrage im laufenden Jahr schon wieder um 6,1 Prozent anzog und die Konjunktur wieder Fahrt aufnimmt, erhöhten die Anbieter ihre Sitzplatzkapazitäten in diesem Jahr nur um 1,5 Prozent. Selbst neue, verbrauchsfreundlichere Maschinen werden nur zaghaft bestellt und wenn, dann sollen sie lediglich alte Kerosinschlucker ersetzen. Die Folge: Die seit Jahrzehnten von Überkapazitäten geplagten Anbieter fliegen nun Profite ein. Investoren freuen sich und treiben die Aktien von einem Jahreshoch zum nächsten.

Bei den Passagieren ist die Stimmung eher angespannt. Denn die Preise steigen – wenn auch von einem sehr niedrigen Niveau. Besonders bei Direktflügen innerhalb der USA langen die Airlines inzwischen wieder ordentlich zu. Oftmals müssen Kunden bis zu 1000 Dollar für ein ­Ticket während der Woche zahlen. An Feiertagen ist die Situation noch schlimmer. Der billigste Hin- und Rückflug mit Delta am Thanks­giving-Wochenende kostet beispielsweise von New York nach San Francisco schon 663 Dollar. Dazu kommen 25 Dollar Koffergebühren ab dem ersten Gepäckstück. Mit den aufgefächerten Gebühren erschließt sich die Branche neue, lukrative Einnahmequellen.

Geholfen hat der einst maroden Branche, dass sich die großen Airlines in langwierigen Insolvenzverfahren von ihren Altlasten befreien konnten. Über diesen Umweg entledigten sie sich so von milliardenschweren Verpflichtungen gegen­über ihren ehemaligen Mitarbeitern. Dem Rotstift fielen hauptsächlich Pensionszahlungen und Krankenkassenzuschüsse zum Opfer. Auch durften die bankrotten Konzerne die Gehälter ihrer aktiven Mitarbeiter kappen. Ohne die Konkursverfahren hätten sich die Konzerne von ihren erdrückenden Kostenblöcken kaum befreien können. Nur so ist es zu erklären, dass es US Airways, North­west, Delta, Continental und United Airlines noch gibt. Manch eine Gesellschaft wie Continental musste das Prozedere des Konkurses nach Chapter 11 gar zweimal durchmachen, um wieder fit zu werden.

„Zurzeit kommen viele entlastende Faktoren zusammen“, resümiert der Unternehmensberater Sam Raby. Neben den reduzierten Flottenzahlen verweist der Experte auf die neuen Gebühren für aufgegebene Koffer, Getränke und Speisen an Bord. Außerdem beschäftigten die Airlines weniger Personal, und die Kerosinkosten seien gegenüber den Spitzenpreisen vor drei Jahren erheblich gesunken. Zudem hätte die Rezession dafür gesorgt, dass keine neuen Wettbewerber gegründet wurden, weil zum einen es fast unmöglich gewesen sei, Finanzierungszusagen für Neugründungen zu bekommen, und überdies Neustarts in einem derart rezessiven Umfeld mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Bruchlandung gemündet hätten.

Mehr als ein Dutzend etablierte Fluggesellschaften gingen pleite, berichtet die „New York Times“. Selbst die sonst so angriffslustigen Billig­anbieter wie JetBlue sind bei ihren Preisattacken und der Streckenexpansion vorsichtiger geworden. „Es ist eine Zurückhaltung, die auf reiner Angst beruht, das macht das alles so effektiv“, sagt Hunter Keay, Luftfahrtanalyst beim Brokerhaus Stifel Nicolaus.

Dazu hat die jüngste Übernahme­welle für mehr Effizienz gesorgt. Auslöser der Marktbereinigung war die Weltwirtschaftskrise. In den Vorstandsetagen machte sich endlich Vernunft breit. Statt sich bis aufs Messer zu bekämpfen, dachten die Vorstände über Wege aus der Krise nach. United Airlines und Continental legten ihr Geschäft zusammen, die neu geformte Gruppe firmiert jetzt als United Continental. So entstand die weltweite Nummer 1 am Himmel. Und Delta riss sich schon 2008 den Discounter Northwest unter den Nagel. Die Nummer 3 schluckte also die Nummer 5, die Kosteneinsparungen umfassten eine Milliarde Dollar. Midwest fusionierte mit Frontier. Einer der wenigen großen Player, der bislang durch kein Insolvenzverfahren gehen musste und stets schwarze Zahlen präsentiert, ist der Billigflieger Southwest. Die Texaner wollen im kommenden Jahr den kleineren Konkurrenten AirTran Holdings aus Florida für eine Milliarde Dollar schlucken, die Genehmigung des Justizministeriums steht noch aus.


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Als heißer Übernahmekandidat gilt seit Monaten der aufstrebende Billigflieger JetBlue. Der Konzern wurde vor zehn Jahren gegründet. Von Anbeginn an war Hedgefondsmanager George Soros mit an Bord. Größter Aktionär ist die Lufthansa mit derzeit 15,6 Prozent. Die Deutsche Airline stieg zu einem Durchschnittskurs von 7,27 Dollar Ende 2007 ein. Selbst wenn die Lufthansa wollte, so könnte sie den US-Partner nicht übernehmen, weil die Flugrechte auf der Nationalität beruhen. So schützt die USA ihre Industrie vor ausländischen Angreifern.

Ein Trumpf von JetBlue ist die vergleichsweise junge Belegschaft, die keiner Gewerkschaft angehört. Weiterer Pluspunkt ist die Flotte mit 151 Flugzeugen, die im Schnitt nur 4,6 Jahre alt sind. 60 Städte in 20 Bundesstaaten sowie elf Länder in der Karibik und Lateinamerika fliegen die New Yorker an. Durch das in Schwung gekommene Fusionskarussell sinkt die Zahl der Flugzeuge aller Voraussicht nach weiter. Doppelpositionen vom Management über die Flugbegleiter bis hin zu den Call-Center-Mitarbeitern werden ebenfalls wegrationalisiert. Berater Raby warnt jedoch: „Trotz der Fortschritte hat die Branche meiner Meinung nach keine gute Bonitätsnote verdient. Es ist ein sehr zyklisches Geschäft. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, ob es ein Terroranschlag, Erdbeben oder Vulkanausbruch ist, kann dies zu einer großen Belastung werden.“

Ein ständiger Risikofaktor bleibt auch die Entwicklung des Ölpreises. Ein dramatischer Anstieg könnte rasch einen Rückfall in die roten Zahlen auslösen. Solange der Ölpreis erträglich bleibt und die Konzerne diszipliniert, dürfte die Erholung andauern – mit einer Businessclass voller Piloten, die zu ihrem nächsten Einsatz unterwegs sind.

Investor-Info

United Continental Holding
Die neue Nummer 1
Mit der Megafusion von United Airlines und Continental ist im Oktober ein neuer Weltmarktführer entstanden. Im dritten Quartal erwischte die Gruppe gleich einen Glanzstart. Der Gewinn lag bei 741 Millionen Dollar, der Umsatz kletterte um 21 Prozent auf 9,3 Milliarden Dollar. Aber die Fusion ist noch in vollem Gange. Seit einem Jahr befindet sich der Kurs im Höhenflug: Er stieg von sieben auf zuletzt 28 Dollar. Die Rally dürfte sich dank der ­Kostensynergien ­fortsetzen. Kaufen.

Delta Airlines
Ärger im Anflug
Delta Airlines verfügt mit 368 Zielen in 66 Ländern über ein starkes Streckennetz. Doch derzeit schließen sich ­immer mehr Mitarbeiter Gewerkschaften an. Dies dürfte den Kurs zunächst belasten. Die Investmentbanken Soleil Securities und CRT Capital Group sind dennoch optimistisch. Sie belassen ihre Kursziele bei 18 beziehungsweise 19 Dollar. Seit drei Quartalen schreibt Delta operativ wieder schwarze Zahlen. Investoren sollten aber noch abwarten, ob der Widerstand bei 15 Dollar fällt.

Southwest Airlines
Konstant profitabel
Die US-Billigfluglinie ist seit Jahren profitabel, selbst in der Finanzkrise gab es schwarze Zahlen. 2009 erzielte Southwest einen Umsatz von 10,3 Milliarden Dollar, der Überschuss lag bei 99 Millionen. In der Branche nimmt Southwest eine Sonderstellung ein: Das Unternehmen ist nahezu schuldenfrei und zahlt Dividende. Binnen Jahresfrist legte der Kurs bereits um 70 Prozent zu. Weitere Kursgewinne bis knapp über 16 Dollar sind drin. Kaufen.

JetBlue Airlines
Übernahmekandidat
Die siebtgrößte US-Fluggesellschaft gilt als Übernahmekandidat. Als potenzieller Bieter wird American Airlines, Tochter des AMR-Corp-Konzerns, gesehen. Mit der Nummer 2 pflegen die New Yorker ohnehin eine enge Partnerschaft. Der Börsenwert liegt bei 2,1 Milliarden Dollar. Im Vorjahr setzte JetBlue 3,3 Milliarden Dollar um. Unterm Strich blieben 58 Millionen Dollar. Charttechnisch steht die Aktie aber vor einem Widerstand. Noch abwarten.

Bildquellen: Günter Wicker/Berliner Flughäfen
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