MÜNCHEN/MOSKAU (dpa-AFX) - Russlands Energieriese Gazprom (
Gazprom (Spons ADRs)) will nach gescheiterten Verhandlungen mit dem RWE-Konzern (
RWE) nun auf eigene Faust deutschen Energieversorgern Konkurrenz machen. "Wir möchten nicht nur Gas liefern, sondern auch in die Stromproduktion einsteigen", sagte Gazprom-Chef Alexej Miller (49) der "Süddeutschen Zeitung" (Donnerstag). Nach wie vor sei bei dem Unternehmen die Bereitschaft hoch, in Kraftwerke zu investieren. Im Dezember war der ehrgeizige Plan von Gazprom und dem Energieversorger RWE(
RWE) geplatzt, in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden Kraftwerke zu bauen. Die Unternehmen hätten "keinen tragfähigen Rahmen erzielt", hieß es.
Miller bezeichnete Deutschland als "sehr liquiden" Markt. Staatshilfen für Projekte brauche Gazprom nicht. Die von der deutschen Industrie oft geforderten Subventionen für den Bau neuer Kraftwerke lehne er ab. Gazprom hat seit November über eine Londoner Tochterfirma, die die Energiesparte des hessischen Strom- und Telekommunikationsanbieters Envacom Service übernimmt, bereits Zugang zum deutschen Endkundenmarkt.
Miller wies die Forderung der EU-Kommission erneut zurück, den Pipeline-Betrieb von der Gasförderung zu trennen, und drohte Brüssel mit einer Klage. "Jede Aktion bewirkt eine Reaktion", kündigte der seit 2001 amtierende kremlnahe Manager an. Vor kurzem waren mehrere Gazprom-Büros in Europa durchsucht worden. Als Grund hieß es, EU-Wettbewerbshüter verdächtigten zahlreiche Erdgas-Unternehmen, Märkte aufgeteilt und Konkurrenten behindert zu haben.
Vorwürfe westlicher Kunden, Gazprom-Gas sei zu teuer, wies Miller zurück. "Ganz im Gegenteil. Es ist zu günstig. (...) Die sogenannten Schwellenländer, aber auch die Industriestaaten der pazifischen Region sind bereit, jede auf dem Markt verfügbare Menge an Gas aufzukaufen." Gleichwohl hatte Gazprom nach monatelangem Streit um Gaskosten unlängst für mehrere europäische Unternehmen, darunter der deutsche Versorger Wingas (Kassel), die Preise gesenkt. Das Unternehmen sprach selbst von einer "Anpassung" der Preise infolge eines Überangebots an Erdgas in Europa wegen des warmen Winters.
Miller hatte vor kurzem eingeräumt, dass Gazprom 2011 wegen der Atomkatastrophe von Fukushima und des libyschen Bürgerkriegs weniger Gas exportiert habe als erwartet. Insgesamt habe der Konzern 150,3 Milliarden Kubikmeter ausgeführt, zu Jahresbeginn hatte Gazprom noch mit 155 Milliarden Kubikmetern geplant. Im Vergleich zum Vorjahr konnte das Unternehmen aber eine gewaltige Steigerung melden - 2010 hatte Gazprom 138,6 Milliarden Kubikmeter exportiert.
Der Staatskonzern prüft derzeit einen Ausbau der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream zwischen Russland und Deutschland um weitere zwei Stränge. Außerdem soll der Bau der neuen Pipeline South Stream, die in Konkurrenz zum EU-geförderten Projekt Nabucco steht, schon Ende 2012 und damit drei Monate früher als geplant in Angriff genommen werden. Gazprom hält weltweit einen Anteil von 15 Prozent an der Gasförderung und von 18 Prozent an den Reserven./wo/DP/nmu