Lieber Geldanleger, kaum eine
Aktie am US-Markt wird derzeit so heiß diskutiert wie die von First Solar, dem Hersteller von Dünnschicht-Solarzellen.
Oberflächlich betrachtet lautet die interessante Frage: Ist First Solar gerade dabei, den Solarmarkt zu revolutionieren?
Doch eigentlich ist das Thema ein viel Grundsätzlicheres: Das Papier liefert die perfekte Vorlage für den ewigen Kampf zwischen Wachstums- und wertorientierten Investoren, zwischen Tradern und Anlegern. Die eigentliche Frage lautet: Wie teuer darf eine gute Aktie sein?
Vorab für alle, die die Aktie/das Unternehmen nicht kennen ein kurzer Überblick: First Solar gelingt es mit seiner Cadmium-Tellurid-Technologie aktuell Solarzellen viel günstiger herzustellen als alle Konkurrenten. Wenn man weiß, dass sich in dieser Branche quasi alles um die Senkung der Herstellungskosten und damit letztlich die Erreichung der Kostenparität zu herkömmlich produziertem Strom dreht, dann ist das fast wie eine Lizenz zum Gelddrucken.
Zumal die Technologie patentiert ist und das wesentliche Unterscheidungsmerkmal quasi unumkehrbar ist: First Solar braucht im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten kein teures Silizium zur Herstellung seiner Zellen.
Natürlich ist die Wirklichkeit viel komplexer. So ist der Wirkungsgrad von Dünnschichtzellen allgemein und damit auch der der First Solar-Zellen geringer als bei Silizium-Zellen. Diese sind somit nicht universell einsetzbar.
Doch um diese Details soll es heute nicht gehen. Vielmehr sollen am Beispiel First Solar die Chancen und Risiken von Ultrawachstums-Aktien erläutert und gleichzeitig gezeigt werden, wie Anleger richtig damit umgehen.
Schauen wir uns den Kursverlauf der Aktie mal genauer an: Im November 2006 emittiert, entwickelte sich das Papier nach verhaltenem Start ab Februar 2007 zu einer unglaublichen Erfolgsstory. Von knapp 25 US-Dollar hat sich First Solar bis auf aktuell 280 US-Dollar mehr als verzehnfacht - innerhalb von nur 18 Monaten! Im Gegensatz zu quasi allen anderen Solaraktien notiert das Papier auch nach der aktuellen Gesamtmarkt-Korrektur noch in der Nähe seines Allzeit-Hochs. "Best of the breed", nennen Amerikaner das!
First Solar ist eine typische Momentum-Aktie, die auf Grund einer faszinierenden Story viele Anleger anzieht und die gleichzeitig mit extremen Zuwächsen bei Umsatz und Gewinn überzeugt.
Hier ein paar Fakten aus dem jüngsten Quartalsbericht vom Mittwoch: Die Kalifornier haben einen Umsatz von 267 Millionen US-Dollar erzielt. Erwartet worden waren von der Wall Street im Schnitt 216,9 Millionen US-Dollar. Die ohnehin ambitionierten Analystenerwartungen wurden also klar geschlagen. Beeindruckend: Im Vorjahresquartal hatte First Solar nur 77 Millionen US-Dollar umgesetzt, also weniger als ein Drittel. Sogar die Steigerung von Quartal zu Quartal ist enorm: Im ersten Quartal 2008 waren es noch 197 Millionen US-Dollar, jetzt bereits 35 Prozent mehr.
Hier wird von "hohem sequentiellem Wachstum" (also auch hohes Wachstum von einem Quartal zum nächsten, nicht nur im Vergleich zum gleichen Quartal des Vorjahres) gesprochen, etwas, das in der Vergangenheit vor allem bei Internetaktien um die Jahrtausendwende zu beobachten war.
Im Gegensatz zu dieser Spezies arbeitet First Solar aber bereits hoch profitabel: Der operative Gewinn explodierte - und hier ist das arg strapazierte Wort wirklich gerechtfertigt - von 5,8 Millionen US-Dollar im Vorjahresquartal auf jetzt 88,7 Millionen US-Dollar. Im ersten Quartal 2008 waren es noch 58,1 Millionen US-Dollar. Das sequentielle Gewinnwachstum liegt also bei fast unglaublichen 53 Prozent.
Auch beim Gewinn hatten die Analysten einen "Zahlendreher" drin. Durchschnittlich hatten Sie einen Gewinn je Aktie von 58 Cent erwartet, geworden sind es 85 Cent. Das sind knapp 47 Prozent mehr!
Oh, bevor ich es vergesse: Auch die Umsatz-Prognose für das Gesamtjahr wurde nochmals angehoben: Circa 1,2 Milliarden US-Dollar sollen es nun werden statt wie geplant gut eine Milliarde US-Dollar. Analysten zeigten sich begeistert und überschlugen sich geradezu mit Kurszielanhebungen. Lazard Capital Markets sieht nun beispielsweise den fairen Wert je Aktie bei 400 US-Dollar nach zuvor 350 US-Dollar.
*Die überraschende Reaktion des Marktes
Was glauben Sie wohl, wie stark die Aktie am darauf folgenden Tag gestiegen ist: 10 Prozent? 20 Prozent? Weit gefehlt: Bei 285,03 US-Dollar schloss das Papier gerade einmal mickrige drei Cent höher als am Vortag, notierte de facto also unverändert.
Nach anfänglichen Kursgewinnen wurde das Papier abverkauft. "Gewinnmitnahmen", heißt es dann meist in Kommentaren als Begründung. Die tiefere Ursache des Problems ist - die meisten werden es erraten - die Bewertung der Aktie!
Was heißt "Bewertung" eigentlich genau? Börsianer setzen Umsätze, Gewinne, Cash-Flows, Buchwerte etc. eines Unternehmens ins Verhältnis zum Gesamtwert des Unternehmens, der sich in der sogenannten Marktkapitalisierung widerspiegelt. Daraus lassen sich nun Bewertungskennzahlen bilden, in dem beispielsweise der Gewinn ins Verhältnis zum Börsenwert gesetzt wird.
Wer aktuell die Aktie von First Solar kaufen möchte, muss dafür das 97-fache des für 2008 erwarteten Gewinns bezahlen. Man spricht von einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 97. Um die aktuelle Bewertung zu rechtfertigen muss das Unternehmen also - vereinfacht gesagt - noch 97 Jahre lang diesen Gewinn erzielen. "Normal" sind am Markt KGVs von 10 bis 20.
Je nach Wachstumsprognose, Bilanzstruktur etc. kann es enorme Ausreißer nach oben und unten geben.
First Solar-Aktionäre müssen also für die Wachstumsfantasie ihres Unternehmens einen vielfach höheren Preis bezahlen als für andere Unternehmen, die weniger "sexy" sind. First Solar muss noch viele Jahre starke Gewinnzuwächse verzeichnen, um in die aktuelle Bewertung "hineinzuwachsen".
Übrigens: Der Kurswert selbst sagt gar nichts über die Bewertung einer Aktie aus. Es ist Zufall, dass bei First Solar auch der nominale Kurswert von 280 US-Dollar außergewöhnlich hoch ist.
*Auch andere Kennzahlen sind sehr hoch
Eine weitere beliebte Methode, um einzuschätzen, ob eine Aktie gerade billig oder teuer ist, besteht darin, die Börsenbewertung des Papiers ins Verhältnis zu den erzielten Umsätzen zu setzen. First Solar will in 2008 1,2 Milliarden US-Dollar umsetzen, die Marktkapitalisierung liegt bei 22,7 Milliarden US-Dollar.
Daraus ergibt sich ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von fast 19. Das heißt: Wer jetzt die Aktie kauft, muss knapp das 19-fache der für 2008 erwarteten Umsätze bezahlen. Zum Vergleich: Durchschnittlich werden US-Aktien momentan mit etwa dem 1,4-fachen der Umsätze bewertet, deutsche Aktien sogar nur mit dem 0,7-fachen.
Damit ist First Solar um das 13- bis 27-fache teurer als alle Aktien im Durchschnitt. Wobei der Vergleich sowohl beim KGV als auch beim KUV sogar noch etwas zugunsten von First Solar hinkt, weil die Durchschnittszahlen auf den Umsätzen/Gewinnen in den vergangenen vier Quartalen beruhen, während bei den Kaliforniern, die für 2008 insgesamt erwarteten Gewinne zugrunde gelegt worden sind.
Und jetzt kommt das Entscheidende: Wenn sich die Aktie so entwickelt, wie dies vom Markt aktuell erwartet wird, verdienen Sie immer noch kein Geld, wenn Sie die Aktie kaufen. Denn die erwartete Entwicklung ist ja bereits im Aktienkurs enthalten! Nur wenn First Solar es schafft, die Prognosen weiterhin zu toppen, wird die Aktie weiter steigen.
Armin Brack ist Chefredakteur des Geldanlage-Reports. Gratis anmelden unter: www.geldanlage-report.de.
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