Geldflut an die Börse (EuramS)
von Carsten Lootze und Carl Batisweiler
Die Fondsgesellschaften Black Rock und Fidelity International tun es. Die Credit Suisse tut es. Auch die Citigroup aus den USA ist dabei, ebenso wie JP Morgan und die koreanische Fondsgesellschaft Mirae Asset Management. Sie alle raten momentan: raus aus Staatsanleihen, rein in chancen- und risikoreichere Anlageklassen wie Aktien, Unternehmensanleihen und Rohstoffe. Dabei gehen sie selbst mit gutem Beispiel voran.
"Endlich öffnen Investoren wieder ihre Brieftaschen und bauen Cash-Bestände ab, um Aktien und sonstige risikoreichere Vermögenswerte zu kaufen", sagt Michael Hartnett, Vizechef für die Investmentstrategie bei der Bank of America–Merrill Lynch. Dafür gibt es drei Gründe: Erstens steigen konjunkturelle Frühindikatoren. Zweitens zeigt der US-Häusermarkt, Keimzelle der Finanzkrise, vermehrt Erholungszeichen. Und drittens setzt sich die Meinung durch, dass in den kommenden Jahren keine große Inflationsgefahr besteht. Diese Faktoren schaffen ein günstiges Umfeld für risikoreiche Anlageklassen. €uro am Sonntag erklärt, welche Investments sich jetzt lohnen.
"Die Bullen sind zurück." Mit diesen knappen Worten fasste die Bank of America–Merrill Lynch diese Woche das Ergebnis ihrer weltwei-ten Fondsmanagerumfrage vom Mai zusammen. Dabei war herausgekommen: Die Risikobereitschaft der Investmentprofis nimmt weiter zu. Während sie im Herbst 2008 mit 25 Punkten beim hauseigenen Risikoindikator ihr Tief erreichte, liegt sie inzwischen wieder bei 38. Damit nähert sich der Index seinem Durchschnitt seit Auflage 2002, der bei 40 liegt. Zudem haben die befragten Fondsmanager ihre Cash-Quoten weiter abgebaut – von 4,9 Prozent im April auf 4,4 Prozent im Mai. Der Höchststand war Ende 2008 mit 5,5 Prozent erreicht worden.
Auch State Street macht eine steigende Risikobereitschaft unter institutionellen Investoren aus. Der US-Finanzdienstleister hat eine Art Landkarte entwickelt, die anzeigt, in welche Richtung sich die weltweiten Kapitalströme bewegen. Für April zeigt diese Karte "überquellende Liquidität" an. Das heißt: Es findet eine Reallokation in Richtung Aktien mit einer Tendenz zu Wachstumstiteln statt. "Eine grundlegende Veränderung im Verhalten institutioneller Investoren", schreiben State Streets Analysten in ihrem Kommentar. "Es ist die stärkste risikosuchende Einstellung seit Mai 2008." Für März hatte der State-Street-Indikator noch "Sicherheit zuerst" angezeigt.
Zu den Investoren, die wieder stärker ins Risiko gehen, gehört Trevor Greetham, Direktor für Asset Allocation bei Fidelity International. "Ich habe den Aktienbestand im vergangenen Monat auf Durchschnittsniveau erhöht", sagt er. "Zudem habe ich mein Übergewicht in Staatsanleihen reduziert und meine Positionen im Unternehmensanleihe- und High-Yield-Markt aufgestockt." Auch Ajay Kapur, Stratege beim größten Schwellenländerinvestor Mirae Asset Management, schichtet um: "Wir erhöhen unseren Aktienanteil in einem Aktien-Cash-Portfolio gerade von 50 auf 80 Prozent."
Der Research-Chef von Credit Suisse, Giles Keating, rät seinen Kunden: "In der aktuellen Zyklusphase sollte die strategische Asset Allocation für die nächsten sechs bis zwölf Monate darauf abzielen, Engagements in Aktien, Unternehmens- und Bankanleihen sowie ausgewählten Rohstoffen zu halten und auszubauen, während liquide Mittel und das Exposure gegenüber Staatsanleihen zurückgefahren werden sollten."
Der Finanzmarkt spiegelt diese subjektiv zunehmende Risikobereitschaft objektiv wider. Erstens steigen seit Anfang März fast alle Aktienmärkte weltweit. Beispiele: Der deutsche Leitindex DAX, der amerikanische S & P 500 und der japanische Nikkei 225 haben seit ihren Jahrestiefs vom März zwischen 30 und 35 Prozent zugelegt. Der Hang Seng aus Hongkong bringt es sogar auf rund 50 Prozent Wertzuwachs. Zweitens sinken die Risikoprämien am Kreditmarkt. Im März lag der Renditeaufschlag für europäische Unternehmensanleihen mit Investment Grade – also guter und sehr guter Schuldnerqualität – gegenüber Staatsanleihen bei rund 2,2 Prozentpunkten. Inzwischen fordern die Investoren für solche Unternehmenspapiere nur noch 1,3 Prozent Mehrrendite. Gleichzeitig sind Kreditausfallversicherungen billiger geworden. Die Marktteilnehmer schätzen die Gefahr von Zahlungsausfällen seitens der Unternehmen also geringer ein als noch vor ein paar Wochen. Keating: "Die veränderte Risikokonstellation war eine der Hauptkräfte hinter der jüngsten Rally an den Aktien- und Kreditmärkten."
Drittens nehmen die Kursschwankungen am Aktienmarkt ab: Der Volatilitätsindex VIX notierte in dieser Woche erstmals wieder auf einem Niveau wie vor dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im September 2008. Dieser Index misst die Preise für Optionen auf den S & P 500. Dabei gilt: Fühlen sich Investoren unsicher, kaufen sie Optionen, um sich gegen Kursschwankungen abzusichern. Damit steigen die Optionspreise und der VIX. Ein fallender VIX signalisiert daher abnehmende Unsicherheit. Derzeit steht der VIX bei 29 Punkten. Am 24. Oktober hatte er mit knapp 90 Punkten den höchsten Stand aller Zeiten erreicht. BlackRocks Aktien-Chefstratege Bob Doll bringt die aktuelle Marktstimmung auf den Punkt: "Die Furcht ist auf dem Rückzug, die Zuversicht steigt."
Warum der Stimmungswechsel? Es deuten immer mehr konjunkturelle Frühindikatoren auf ein Ende des Abschwungs hin. In dieser Woche stieg der ZEW-Erwartungsindex für Deutschland den siebten Monat in Folge. Für dieses Stimmungsbarometer befragt das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) monatlich rund 350 Analysten, wie sie die Konjunkturaussichten mit Blick auf die kommenden sechs Monate beurteilen. Der Anstieg im Mai fiel stärker als erwartet aus: Mit 31,1 Punkten notiert der ZEW-Index jetzt so hoch wie seit Juni 2006 nicht. "Das ist ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Rezession deutlich abschwächen wird und wir Ende 2009 wieder Wirtschaftswachstum bekommen werden", sagt Volkswirt Rainer Guntermann von Dresdner Kleinwort.
Bereits Anfang Mai hatte der Sentix-Index gezeigt, dass Europas Anleger optimistischer in die Zukunft blicken. Zudem legten Einkaufsmanagerindizes in den USA, Europa und Asien zu. Diese messen Produktion, Auftragslage, Lagerbestände und Mitarbeiterzahlen in Unternehmen – und geben somit die Stimmung direkt am Puls der Wirtschaft wieder. Der chinesische Einkaufsmanagerindex ist Anfang Mai als erster weltweit wieder über die Marke von 50 Punkten gestiegen, was zeigt: Die Wirtschaft ist wieder auf Expansionskurs. Kein Widerspruch dazu ist das Ergebnis des Ökonomen-Barometers von €uro am Sonntag. Zwar haben die befragten Volkswirte überwiegend die Situation in Deutschland im Mai als "schlecht" bezeichnet. Doch bei ihrer Prognose auf Jahressicht gehen sie davon aus, dass es zumindest nicht noch schlechter wird. Zudem beurteilen die Ökonomen die jeweilige Realwirtschaft – die Börse dagegen handelt die Erwartungen der Zukunft.
Zudem mehren sich Anzeichen für eine Bodenbildung am US-Häusermarkt. Die geplatzte Preisblase auf diesem Markt war Auslöser für die weltweite Finanzkrise. "Daher ist eine Erholung auf dem US-Häusermarkt wichtig für die Erholung der gesamten Weltwirtschaft", sagt der leitende Kreditstratege der Unicredit, Philip Gisdakis. Am Montag zeigte der Stimmungsindex der Nationalen Vereinigung der Hausbauer (NAHB): Hausbauer werden optimistischer, was den Markt angeht. Der entsprechende Index stieg im Mai den zweiten Monat in Folge – und damit auf den höchsten Stand seit September 2008. Zudem ist die Leerstandsquote bei US-Eigenheimen im ersten Quartal 2009 gesunken.
Offenbar sind Investoren inzwischen so sehr von einer Bodenbildung auf dem US-Häusermarkt überzeugt, dass sie sich selbst von gegenläufigen Nachrichten nicht beirren lassen: Am Dienstag war bekannt geworden, dass die Zahl der Hausbauten und Bauanträge in den USA im April so niedrig lag wie noch nie. Dennoch setzten die Kurse von US-Aktien ihren Aufwärtstrend fort.Der dritte Grund für die Rückkehr der Investoren an den Aktienmarkt sind sinkende Inflationserwartungen. Die Überlegung dahinter: Kauft ein Anleger heute eine Aktie, sichert er sich damit künftige Erträge des Unternehmens. Eine steigende Teuerung oder gar Inflation würde die künftigen realen Erträge dieses Investments mindern. Erwartet der Anleger anziehende Teuerungsraten oder eine Inflation, bezieht er diesen Wertminderungseffekt in seine Kaufentscheidung ein – indem er die erwartete Wertminderung vom Kaufpreis abzieht. Die Aktienkurse bleiben demzufolge niedrig. Entsprechend galt in den vergangenen zehn Jahren: Steigende oder hohe Inflationserwartungen bewirkten sinkende Aktienkurse, sinkende oder niedrige Inflationserwartungen gingen mit steigenden Aktienkursen einher.


