von Sven Parplies, €uro am Sonntag
Der DAX steht vor einer turbulenten Berichtssaison. Nachdem Deutschlands Topkonzerne in den zurückliegenden Quartalen die Markterwartung zum Teil deutlich übertroffen haben, rechnen Analysten jetzt mit unangenehmen Überraschungen. „Aus vielen Unternehmen ist zu hören, dass Mai und Juni unerwartet schlecht gelaufen sind. Das deckt sich mit den zuletzt eher schwachen Konjunkturdaten“, kalkuliert M. M. Warburg. Nach Einschätzung der Commerzbank könnten vor allem Unternehmen mit hohem Fixkostenanteil unter Druck geraten, etwa Lufthansa oder Metro.
Offiziell beginnt die Serie der Quartalsberichte für den DAX erst Ende Juli — Unternehmen, die ihre Prognosen korrigieren, melden sich aber bereits im Vorfeld zu Wort. Als erster DAX-Wert der Berichtssaison hat Infineon seine Jahresprognose gesenkt. Auch Siemens sorgt für Unruhe. Es liege eine „ziemlich steinige Strecke auf dem Weg zu unseren Zielen vor uns“, sagte Finanzchef Joe Kaeser und schürte damit Spekulationen über eine mögliche Gewinnwarnung.
Die Konzerne stehen doppelt unter Druck: Sie müssen nicht nur ihre eigenen Gewinnziele erfüllen, sondern auch die meist höhere Erwartung der Börse. Ungeachtet der Eurokrise haben viele Analysten die Gewinnschätzungen zuletzt weiter angehoben. Entsprechend hoch liegen die Hürden.
Für BMW, Daimler und Volkswagen war 2012 bislang eine Triumphfahrt. Die Pkw-Sparten verkauften in den Monaten Januar bis Mai so viele Autos wie nie zuvor. Jetzt wachsen die Zweifel, ob das Tempo zu halten ist. Die Citigroup kürzte in dieser Woche ihre Gewinnschätzung für BMW und liegt jetzt unter dem Konsens, der sich aus den Schätzungen aller Analysten errechnet. Die Bank verweist auf die sich eintrübende Konjunktur in den wichtigen Absatzmärkten Deutschland und Großbritannien. China bereitet den Autobauern ebenfalls Sorgen: Die deutschen Premiumhersteller müssen Kunden dort verstärkt mit Rabatten locken. Am aggressivsten geht offenbar Mercedes vor: Die E-Klasse werde mit Preisabschlägen bis zu 11,5 Prozent angeboten, berichtet die Investmentbank Morgan Stanley.
Unter verschärfter Beobachtung steht auch BASF. Der Chemiekonzern will sein Ergebnis 2012 verbessern, lag im ersten Quartal aber unter dem Vorjahreswert. Da inzwischen viele Konjunkturindikatoren nach unten gedreht haben, sind die Voraussetzungen für die erhoffte Aufholjagd in der zweiten Jahreshälfte deutlich schlechter geworden. Der Gewinnausblick von BASF könnte unter Druck geraten, heißt es bei der Credit Suisse.
Auch wenn Gewinnwarnungen meist deutliche Auswirkungen auf die Kurse der entsprechenden Aktien haben, könnte der Gesamtindex relativ glimpflich durch eine enttäuschende Berichtssaison kommen. Denn die niedrige Bewertung des DAX mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis unter zehn zeigt, dass Börsianer bereits ein negatives Szenario vorweggenommen haben. Auch Entscheidungen der Regierungen und Notenbanken könnten, wie am Freitag, die Kurse unabhängig von den Zahlen der Unternehmen antreiben.
Die DZ Bank bekräftigte in dieser Woche ihr Jahresendziel von 6600 Punkten für den DAX. Auf dem Weg dorthin sei aber mit „kräftigen Kursschwankungen“ zu rechnen.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum