28.03.2013 16:00
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Dunkle Wolken und gutes Börsenwetter

Großbritannien: Dunkle Wolken und gutes Börsenwetter
Großbritannien
Großbritannien: Trotz der Konjunkturflaute will London seinen Sparkurs fortsetzen und fordert weitere Lockerungen der Geldpolitik. Die Aktienmärkte können davon profitieren — auch weil sie kaum abhängig vom Binnenmarkt sind.
€uro am Sonntag

von Astrid Zehbe, Euro am Sonntag

George Osborne lächelte tapfer, als er mit rotem ­Aktenkoffer vergangenen Mittwoch vor Fotografen und Schaulustigen posierte. Der britische Schatzkanzler wusste, dass der Inhalt seiner sogenannten Red Box alles andere als ein Grund zur Freude war. Denn seit 1860 transportieren britische Minister in ihren roten Koffern vertrauliche Dokumente, eben auch den Haushaltsentwurf für das kommende Finanzjahr. Es ist Tradition, dass sich der Schatzkanzler mit seinem Accessoire der Öffentlichkeit zeigt, bevor die Pläne im Parlament präsentiert werden.

Der Fototermin dürfte der weitaus angenehmere Teil des Tages für George Osborne gewesen sein. Was er kurz darauf vor den Abgeordneten zu verkünden hatte, war für das gebeutelte Land mal wieder ernüchternd: Mehr Schulden, weniger Wachstum und eine Fortsetzung des rigiden Sparkurses.
Während Industriestaaten wie Deutschland die Finanzkrise von 2008 fast überwunden haben, kommt Großbritannien nicht von der Stelle. Noch immer befindet sich die Wirtschaftsleistung um mehr als drei Prozent unter dem Niveau von 2008. Bis auf das dritte Quartal 2012 ist das Bruttoinlandsprodukt seit Ende 2011 gesunken. Immerhin geht die Regierung davon aus, dass die Wirtschaft dieses Quartal wieder wächst und damit die dritte Rezession seit 2008 vermieden werden kann. Allerdings musste Osborne die ursprüngliche Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 0,6 Prozent halbieren.

Sparkurs drückt auf Wachstum
Das schwache Wachstum hat einen Teufelskreis in Gang gesetzt, aus dem es dem Land bislang nicht gelungen ist auszubrechen. Durch die schwache Wirtschaftsleistung verringern sich die Steuereinnahmen, und das Haushaltsdefizit steigt. Die Aufnahme neuer Kredite hat dafür gesorgt, dass sich seit 2008 die Staatsschulden fast verdoppelt haben. Die absolute Höhe des Schuldenbergs ist zwar noch gar nicht so schlimm, aber der Trend und das Tempo der Verschuldung machen nervös. Zwar konnte die Neuverschuldung durch das rigorose Sparprogramm leicht gesenkt werden, die Maßnahmen drücken jedoch auf die Konjunktur: Weil die Ministerien dieses und kommendes Jahr ihre Budgets um fünf Prozent kürzen müssen, fallen Aufträge in Milliardenhöhe sowie Hunderttausende Jobs im öffentlichen Sektor weg. Ökonomen fordern darum, die Sparpläne zu lockern und so die Konjunktur wieder anzukurbeln.

Bislang setzte die Regierung jedoch eher auf eine expansive Geldpolitik, um sich gegen die Rezession zu stemmen. Schatzkanzler Osborne fordert von der Bank of England „unkonventionelle Mittel der Geldpolitik“. Dabei hat das bislang nicht viel gebracht. Durch Zinssenkungen und das Anwerfen der Notenpresse ­gelang es in den vergangenen fünf Jahren zwar, das Pfund gegenüber dem Dollar um 25 Prozent abzuwerten. Die erhoffte Exportsteigerung blieb jedoch aus.

Darum ist fraglich, ob sich die Währungshüter auf weitere Schritte einlassen würden. Aus dem ebenfalls am vergangenen Mittwoch veröffentlichten Protokoll zur jüngsten Zinssitzung Anfang März ging hervor, dass die Notenbanker die starke Abwertung des Pfunds seit Jahresbeginn kritisch sehen.

Eine weitere Lockerung der Geldpolitik, so die Sorge, könnte zusätzlichen Druck auf das Britische Pfund ausüben. Importe aus dem Ausland würden dann teurer, was die ohnehin hohe Inflation befeuern würde. Diese lag in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt bei 3,2 Prozent. Gemeinsam mit Steuererhöhungen hat sie dafür gesorgt, dass die Löhne seit 2008 um acht Prozent gesunken sind. Das drückt auf den Binnenmarkt, weil die Menschen weniger ausgeben.

Geldflut könnte weitergehen
Die Gefahr für das Pfund ist noch nicht vorüber. Ab Juli übernimmt Mark Carney, derzeit Chef der Bank of Canada, das Ruder der britischen Zentralbank. Der Kanadier gilt als Verfechter einer expansiven Geldpolitik und hat bereits angekündigt, seine Notenbankpolitik nicht einem Inflations-, sondern einem nominalen Wachstumsziel unterzuordnen.
Mike Felton, Manager des M & G UK Growth Funds, glaubt, dass dies tatsächlich der Konjunktur helfen könnte: „In Kanada hat Carney mit seinen Maßnahmen dafür gesorgt, dass sich die Wirtschaft von der Krise erholt hat.“ Der Brite sieht zudem noch einen weiteren Effekt der aggressiven Notenbankpolitik: „Anleger sind eher bereit, wieder in Sachwerte wie Aktien zu investieren.“ Diese sind nicht nur vor dem Hintergrund drohender Inflation interessant, sondern im Fall Großbritanniens auch wegen ihrer geringen Abhängigkeit vom Binnenmarkt. „Britische Unternehmen erwirtschaften den Großteil ihrer Umsätze in Übersee und werden eher von der globalen Wirtschaft beeinflusst“, sagt Felton. Zudem seien die Bewertungen der Wertpapiere günstig.

Dies erklärt auch, weshalb britische Aktien in den vergangenen Monaten so extrem gut gelaufen seien. Allein seit Jahresbeginn hat der britische Aktienindex FTSE 100 um zehn Prozent zugelegt. In Branchen wie dem Nahrungsmittelsektor ist nach Feltons Sicht das Wertentwicklungspotenzial jedoch bereits ausgeschöpft. Im Bereich Rohstoffexploration, Versorger und Industriegüter sieht er hingegen noch Chancen.
Anleger aus dem Euroraum sollten jedoch aufpassen. Wertet das britische Pfund weiter ab, könnten Währungsverluste die Kursgewinne auffressen (siehe Investor-Info). Es empfiehlt sich also, nicht nur die Auftritte des Herrn mit dem roten Koffer zu verfolgen, sondern auch jede Ankündigung des künftigen Notenbankchefs.

Investor-Info

FTSE-100-Zertifikat
Englands Bluechips im Paket

Auf die hundert Top-Firmen Großbritanniens können Anleger mit einem Zertifikat der Commerzbank auf den britischen Leitindex FTSE 100 setzen. Das Barometer ist breit diversifiziert, die wichtigsten Branchen sind Rohstoffe, Pharma und Einzelhandel. Investoren müssen auf die Dividenden von 3,7 Prozent verzichten. Da das Papier währungsgesichert ist, hat das schwächelnde Britische Pfund keinen negativen Einfluss auf die Performance. Der Spread beträgt gegenwärtig nur 0,02 Prozent. 

Euro/Pfund-Knock-out
Verdienen am weichen Pfund

Seit Mario Draghi im Juli 2012 versprach, er werde alles tun, um den Euro zu erhalten, ist dieser gegenüber dem Pfund im Aufwärtstrend. Zuerst war es die Eurostärke, dann die Schwäche des Pfunds, die die britische Währung unter Druck brachte. Derzeit erholt sich das Pfund leicht gegenüber dem Euro, schon bald dürfte sich die Aufwärtsbewegung des Euro aber fortsetzen. Mit dem Knock-out-Zertifikat der Deutschen Bank profitieren Anleger davon. Der Hebel beträgt 6,34, die Knock-out-Barriere liegt mit 0,726 Euro/GBP 14,7 Prozent entfernt.

Bildquellen: S.Borinov / Shutterstock.com
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